Viele junge Eltern streben nach einem eigenem Haus im Grünen. Für die meisten Familien in Stuttgart bleibt das ein unerreichbares Ziel. Aber ist das schlimm? Wir haben vier Kinder gefragt, wie zufrieden sie mit ihrer Wohnung sind.
Wohnen wie in Bullerbü oder zumindest wie „die Kinder aus dem Möwenweg“ in Kirsten Boies Buchreihe – davon träumen viele Eltern. Doch der Traum vom idyllisch gelegenen Eigenheim geht in der Großstadt für die wenigsten in Erfüllung. In Stuttgart landen die meisten Familien in den Bezirken Weilimdorf, Mühl- und Zuffenhausen, das zeigt die Einwohnerstatistik der Landeshauptstadt. Dort leben die meisten Kinder anteilig nicht in Einfamilienhäusern, sondern in den von Wohnsiedlungen geprägten Stadtteilen Giebel, Freiberg und Im Raiser. Wohnen aus dem Bilderbuch sieht anders aus. Entsprechend sind die Haushalte mit drei und vier Kindern in einer Forsa-Umfrage unserer Zeitung in Stuttgart und Region am wenigsten zufrieden mit ihrer Wohnsituation. So weit die Sicht der Erwachsenen, was sagen die Kinder?
Paulina, 8 Jahre, 3-Zimmer-Wohnung in Stuttgart-Ost
Richtig doof wird es nur, wenn Paulina mit ihren Freunden „Baby“ spielt. Das Baby muss alle, die sich verstecken, krabbelnd suchen und fangen. Es ist Paulinas Lieblingsspiel, doch in ihrem Zimmer wird es zu einer Herausforderung. „Dafür ist hier zu wenig Platz, und es ist schwierig, Verstecke zu finden“, sagt die Achtjährige „darum krabbeln wir auch durchs Wohnzimmer.“ Das ist erlaubt, nur das dritte Zimmer in der 80-Quadratmeter-Wohnung ist für Besucher tabu: das Elternschlafzimmer. „Irgendwo muss es ja unordentlich sein dürfen“, sagt Paulina.
Aber sonst ist Paulina mit ihrem Zuhause im zweiten Stock eines Altbaus im Stuttgarter Osten sehr zufrieden. „Ich würde die Note 1 bis 2 vergeben. Ein glatte 1 gibt es nicht, weil mein Zimmer manchmal zu klein ist und alle Gäste auf mein Klo und in mein Bad müssen.“ Einen Balkon gibt es nicht, dafür ein Hochbett und eine liebevoll gestaltete Decke, die dem Zimmer den Anstrich eines Zirkuszeltes gibt. „Ich mag kein ganz weißes Zimmer. Hier soll es fröhlich sein!“ Viel weiße Wand bleibt in Paulinas etwa 15 Quadratmeter großem Zimmer aber ohnehin nicht. Ihre Familie geht mit dem Platzmangel kreativ um. Dekorative Spielsachen, wie Puppenwagen oder Rollesel, hängen in Paulinas Zimmer anstelle von Bildern an der Wand.
Perfekt findet Paulina die Lage ihrer Wohnung: „Ich kann jederzeit zur Eisdiele oder zum Spielplatz laufen!“ Auf dem Land ginge das nicht. Das weiß Paulina, denn sie verbringt ihre Ferien oft in einem abseits gelegenen Wohnwagen am Lago di Piano. Was nach Traumurlaub klingt, empfindet Paulina nicht so: „Mir ist da oft langweilig!“
In dem Wohnwagen jedenfalls würde sie nicht leben wollen, dann schon eher in einem großen Haus. Obwohl: „Dann hätten wir vielleicht viel zu viel Platz. Außerdem müsste ich ständig Treppen steigen. Ich fände es anstrengend, immer zum Essen runterkommen zu müssen. Und wenn ich morgens meinen Turnbeutel oben vergesse! Das will ich mir gar nicht vorstellen.“ Ähnlich rationale Gründe sprechen aus Paulinas Sicht auch gegen eine Villa mit Pool: „Brauche ich nicht, ich hätte eh zu wenig Zeit für den Pool, meistens ist doch eh zu kalt oder zu heiß dafür. Außerdem habe ich im Frühling Geburtstag, da könnte ich nicht mal eine Poolparty machen.“
Luna Pyka (11), 4-Zimmer-Wohnung in Bad-Cannstatt
Ein Tipi-Zelt im Nirgendwo? Bloß nicht! Niemand in ihrer Familie, sagt Luna, wolle aufs Land ziehen, „auf keinen Fall!“. Luna wäre das zu abgekapselt, eine viel zu eigene Welt. „Ich mag es nicht, wenn sich alle kennen. Und ich möchte auch nicht immer und überall mit denselben Menschen zusammen sein“, erklärt die 11-Jährige. Sie genießt es, Freunde aus unterschiedlichen Lebensbereichen zu haben. Luna wäre auch nicht so begeistert davon, wenn ständig jemand bei ihr vorbeischauen würde. „Ich habe manchmal nach der Schule ganz gerne meine Ruhe.“ Ruhe hat Luna in ihrem etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer, dass sie nicht mehr mit ihrer fünf Jahre älteren Schwester teilen muss. Die ist in ein Zimmer auf dem Dachboden über der Vierzimmerwohnung gezogen. Dort hat zuvor Lunas älteste Schwester gewohnt, die nun in einer WG lebt. Jetzt, da für Luna, ihre Schwester, ihre Mutter, ihren Stiefvater und die zwei Katzen genug Platz ist, hat Luna „keinen großen Bedarf“ mehr umzuziehen. Früher, als sie mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in einer kleineren Wohnung gewohnt habe, sei das anders gewesen. In dem gut angebundenen Mehrfamilienhaus abseits vom Trubel, am Rand von Bad Cannstatt Richtung Fellbach, lebt es sich für die 11-Jährige „fast perfekt“.
In ihrem Zimmer kann Luna ihren „eigenen Style“ verwirklichen. Am Herzen liegen Luna ihre Harry-Potter-Zauberstab- und Eistee-Sammlung sowie ihre Skater-Wand. Auch über ihr neues breites Bett ist sie glücklich. Doch betrachtet Luna nicht nur ihr Zimmer als ihr Heim. „Daheim“, sagt sie „fühle ich mich in der ganzen Wohnung, überall da, wo meine Familie ist.“ Hausaufgaben macht sie am liebsten im großen Wohnzimmer, wo immer jemand um sie herumwuselt.
Vom Leben in einem Schloss träumt Luna nicht. „Ich muss nur an den Geruch denken, da hat sich das für mich schon erledigt“, sagt sie. Aber eine Villa auf einem Berg am Rande einer Großstadt kann sich Luna gut ausmalen. „Wir würden dann über eine Treppe hinabsteigen, über einen Badefluss direkt in die Innenstadt kommen.“ Die Villa müsse aber „klimaneutral“ sein. Drei Stockwerke hätte Lunas Traumvilla und 15 Zimmer, ein Kino und einen Musikraum sowie eine Chill-Lounge mit Süßigkeiten-Service.
Doch dann kommt Luna beim Beschreiben der Traumvilla ins Stocken. Ihr wird klar, dass ihr eigentliches Wohnparadies ganz nah liegt: das Gartenhäuschen auf ihrem Stückle in den Weinbergen. Dort übernachtet sie manchmal von Sonntag auf Montag mit ihrer Mutter und geht dann von dort aus in die Schule. „Morgens in die Schule, tagsüber im Garten und abends etwas kleines Kuscheliges für mich – das fände ich toll“, sagt Luna „da würde mir dann anstelle eines Kinoraumes auch ein iPad reichen.“
Luis (8) und Matija (4), 4-Zimmer-Wohnung in Stuttgart-Ost
Sein Zimmer ist Luis nicht so wichtig. Der Achtjährige ist am liebsten draußen, hinten im Hof. Nur Fußballspielen ist da leider verboten. Seit sich einige Nachbarn beschwert haben, steht da ein Schild mit einem durchgestrichenen Ball. Also denken er und seine Kumpels von nebenan sich eben etwas anderes aus oder kicken leise eben doch ein bisschen, so lange, bis ihre Eltern sie vom Küchenfenster aus nach oben zum Essen rufen. Luis wohnt mit seinem kleinen Bruder Matija und seinen Eltern in der etwa 85 Quadratmeter großen Vierzimmerwohnung eines Mietshaus-Komplexes im Stuttgarter Osten, in der auch schon sein Vater groß geworden ist. Hell und geräumig ist es da, die Jungs haben jeder ein Zimmer, aber das Familienleben spielt sich im Wohnzimmer oder in der Küche ab, das Treiben im Hof stets im Blick.
In seinem Zimmer macht Luis Hausaufgaben, hört Musik oder TKKG-Hörspiele und baut Lego. Stehen lassen kann er seine Bauwerke nicht, dafür ist das etwa 14 Quadratmeter große Zimmer zu klein. „Das nervt ein bisschen, aber sonst habe ich alles, was ich brauche“, sagt er. An manchen Tagen fährt die Familie in ihren Garten in Hedelfingen.
Matijas Zimmer hat nur etwa neun Quadratmeter, doch zum Spielen mit seinen Bauklötzen reicht das locker. Das Bett benutzt er nur zum Einschlafen, etwas später in der Nacht wandert der Vierjährige rüber zu Mama und Papa. Bügelperlen legt Matija am Küchentisch, und dann ist da ja auch noch das Zimmer seines großen Bruders, in das er sich gern einschmuggelt. Trotzdem träumt Matija von einer „riesigen Wohnung in Amerika mit zehn Zimmern, nur zum Spielen“. Ein Zimmer für die Bauklötze, eines für das Paw-Patrol-Spielzeug, eines zum Fußballspielen .
Luis’ Sehnsuchtsort dagegen ist Slowenien, wo sein Opa ein Haus hat. Dort verbringt Luis oft seine Ferien. „Dort habe ich mehr Platz zum Draußenspielen und sogar zwei Tore. Und es gibt einen Teich und einen Wasserhahn, an dem wir Wasserbomben auffüllen können.“ Manchmal würde Luis gerne seine Freunde einpacken und nach Slowenien ziehen. Geht aber nicht, drum zuckt Luis kurz mit den Armen und sagt: „Hier passt alles.“ Auch noch wenn er größer wird und sein Zimmer für Partys zu klein? „Bis dahin “, sagt Luis, „bin ich hoffentlich Profifußballer beim VfB. Da habe ich keine Zeit zum Feiern, da trainiere ich oder bin unterwegs.“
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