So lange wie möglich zu Hause – das ist der Wunsch der meisten Menschen im Alter. Dazu kann ein ambulanter Pflegedienst verhelfen. Wir haben eine Pflegerin auf ihrer Tour begleitet und zeigen die Hürden auf, mit der die Branche zu kämpfen hat.
Herr Heller hat sie erwartet: „Hierher, meine Damen, ich sitze im Wohnzimmer“, begrüßt der 86-Jährige den Besuch, der nach kurzem Klingeln die Wohnungstür aufschließt: Es ist Michaela Kugel, die Teamleiterin der ambulanten Pflege in Leonberg und Umgebung beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), zusammen mit einer Pflegeschülerin. Es ist kurz vor elf Uhr, und Herr Heller (Namen der Klienten alle geändert) soll geduscht werden und sein Mittagessen bekommen. Beim Thema Duschen winkt der alte Herr ab: „Ich fühle mich nicht so gut.“ Aber essen – ja, das wäre schön, gefrühstückt habe er noch nicht. „Ach, Herr Heller“, sagt Michaela Kugel freundlich mahnend. „Das geht so aber nicht. Sonst geht’s mit dem Kreislauf erst recht nicht nach oben.“ Sie verschwindet in der Küche, während die Pflegeschülerin Herrn Heller zum Waschen vorbereitet.
Der Großteil der Pflegebedürftigen wird zu Hause versorgt
Die ambulante Pflege gehört zu den am stärksten wachsenden Märkten in Deutschland, denn die allermeisten Menschen wollen im Alter zu Hause gepflegt werden. Schon heute lassen sich mehr als zwei Drittel der rund drei Millionen Pflegebedürftigen in häuslicher Umgebung versorgen. Um ein Drittel kümmern sich Angehörige. Weitere 700 000 Pflegebedürftige werden zusätzlich von ambulanten Pflegediensten versorgt.
Seit kurz vor sieben sind die Mitarbeiterinnen des ASB unterwegs – erst in der Seniorenresidenz Glemstalblick in der Leonberger Altstadt, nun fahren sie mit dem Auto die Klienten ab, die außerhalb wohnen. Kugel leitet ein Team von rund 20 Mitarbeiterinnen. Diese betreuen 114 Pflegebedürftige – pro Schicht rund ein Dutzend. Sie leisten Körperpflege sowie medizinische Hilfe, etwa die Kontrolle von Blutzucker und Blutdruck, das Verabreichen von Medikamenten oder Wundversorgung. Auch hauswirtschaftliche Unterstützung gibt es – wie Kochen oder Putzen.
Der Pflegegrad entscheidet darüber, wie viel die Pflegekasse zahlt
Bis zu einer gewissen Höhe finanziert die Pflegekasse diese Leistungen. Das sind ab diesem Jahr monatlich bis zu 723 Euro in Pflegegrad 2, 1363 Euro in Pflegegrad 3, 1693 Euro in Pflegegrad 4 und 2095 Euro in Pflegegrad 5. Kosten, die darüber hinaus anfallen, müssen die Pflegebedürftigen tragen. Menschen mit Pflegegrad 1 können den Entlastungsbetrag von 125 Euro zur Mitfinanzierung eines Pflegedienstes nutzen.
Wer in welche Kategorie fällt, bestimmt die Pflegekasse mithilfe eines Leistungsnachweises des Medizinischen Dienstes. Dabei beurteilt ein Gutachter anhand eines Fragebogens und Übungen, wie selbstständig der Alltag verrichtet werden kann.
Nicht entspricht die Einstufung der Realität
Doch nicht immer läuft bei der Einstufung alles glatt. So wie bei Frau Braun aus der Seniorenresidenz. Momentan erhält sie Pflegegrad 2, müsste nach Meinung von Kugel aber höher eingestuft werden: Die 84-Jährige benötigt mehr Hilfe seitens des Pflegedienstes, die sie aber aus eigener Tasche bezahlen muss. Denn der Antrag auf eine höhere Einstufung wurde abgelehnt. Dabei ist die Dame sturzgefährdet: Von ihrem letzten Fall, bei dem sie sich den Ellbogen verletzt hat, hat sie sich noch nicht erholt. Die Pflegerin lässt die alte Dame den Arm beugen und strecken. Diese verzieht das Gesicht. „Nach Absprache mit dem Arzt dürfen Sie noch eine Schmerztablette nehmen“, sagt Kugel. Doch Frau Braun schüttelt den Kopf.
Widerspruch einlegen kann helfen
Später telefoniert Michaela Kugel mit dem Sohn von Frau Braun und ermuntert ihn, Widerspruch gegen die Entscheidung der Pflegekasse einzulegen. „Wir könnten mehr tun, um ihren Alltag zu erleichtern.“
Die Mehrarbeit verschlingt auch mehr Zeit. Michaela Kugel hat die Uhr stets im Blick: Sieben Minuten für Blutzucker messen und Insulin spritzen bei Frau Heinrich, fünf Minuten für die Tablettengabe bei Frau Dolde, die aufgrund ihrer Demenz nicht konsequent bei der Einnahme ist. Dazu die Zeit für persönliche Worte und Berührungen, sagt Kugel. Viele Klienten sind einsam, da sei Zuwendung ebenso wichtig wie medizinische Hilfe. „Wenn es eng wird, müssen wir Leistungen wie Haarewaschen verschieben und nur das Notwendigste erledigen.“
Mitarbeiter der ambulanten Pflege sind an der Belastungsgrenze
An diesem Tag ist es eng: Im Büro erhält Kugel die Nachricht, dass eine Mitarbeiterin für die Wochenendschicht ausfallen wird. Es ist Freitagnachmittag. „Da bekomme ich keinen Ersatz“, sagt Kugel. Die Berichte über den Pflegenotstand mag sie nicht mehr hören. Aktuell fehlten bundesweit 220 000 Fachkräfte, klagt der Deutsche Pflegerat. Davon sei in hohem Maße die ambulante Pflege betroffen: Viele würden keinen Dienst für ihre betagten Angehörigen finden. „Wir sind am Rande unserer Belastungsgrenze“, bestätigt Kugel. In ihrem Team hätten die Mitarbeiter so viele Überstunden, dass sie diese gar nicht mehr abbauen könnten. Zugleich steigt der bürokratische Aufwand: Die Dokumentation ihrer Arbeit nimmt einen immer größeren Teil der Pflegekräfte ein.
Es gilt, die Senioren in der letzten Lebensphase zu unterstützen
Das Telefon klingelt. Herr Bölke aus der Seniorenresidenz klagt: In der Lieferung der Apotheke fehle ein Medikament. Michaela Kugel macht sich auf den Weg. Sie erzählt von einer Reportage des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, in der menschenunwürdige Zustände in Pflegeheimen gezeigt wurden. Kugel hat die Bilder kaum ertragen können. „Ja, der Job ist hart“, sagt sie. Aber den Frust über die schlechten Arbeitsbedingungen könne man nicht an den alten Menschen auslassen. „Es sind ihre letzten Jahre – und ich sehe es als Pflicht, sie dabei zu unterstützen, dass diese Zeit noch eine gute ist.“