Musicalproduzent Sir Cameron Mackintosh beim Interview im Apollo-Theater. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Laut „New York Times“ ist er der „einflussreichste Theaterproduzent der Welt“. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt Sir Cameron Mackintosh, warum „Mary Poppins“ in Stuttgart lustiger ist als je zuvor. Zudem rühmt er den „Charakterkopf Rolf Deyhle“.

Stuttgart - Laut „New York Times“ ist er der „einflussreichste Theaterproduzent der Welt“. Im Interview erklärt Sir Cameron Mackintosh, warum „Mary Poppins“ in Stuttgart lustiger ist als je zuvor. Er rühmt den „Charakterkopf Rolf Deyhle“, spricht über kulturellen Standesdünkel und die Zukunftschancen des Musicals.

Sir Cameron, alles Gute nachträglich zu Ihrem 70. Geburtstag, den Sie am Montag gefeiert haben. Mit einer großen Party?
Wir haben in einem Spiegelzelt gefeiert. Es war schön, so viele liebe Freunde und alte Weggefährten meiner Laufbahn zu treffen.
Diese Laufbahn ist in der Tat einzigartig und umfasst 50 Jahre. Welches Ihrer Musicals ­mögen Sie am liebsten?
Gegenfrage: Welches ist Ihr Lieblingskind? Sehen Sie?! Die Frage kann man eigentlich nicht beantworten. Meine Musicals sind quasi meine Kinder. Daher liebe ich sie alle. Und ich liebe auch meinen Hund (zeigt das Hundefoto auf seinem Smartphone) .
2004 haben Sie „Mary Poppins“ auf die ­Musicalbühne gebracht. Hat sich seitdem in der Inszenierung etwas geändert?
Oh ja, sehr viel!
Und was speziell in Stuttgart?
Die deutsche Fassung fühlt sich nicht wie eine Übersetzung an, sondern wie eine Originalversion. Man hat etliche deutsche Eigenheiten in das Stück aufgenommen. Die Charaktere sprechen, das habe ich an den Reaktionen des Publikums bei den Voraufführungen gespürt, zu einem deutschen Publikum. Es gibt sogar eine schwäbische Passage, wie mir gesagt wurde. Die Rollen sind überzeugend besetzt. Weil die Darsteller so sehr in dem Stück aufgehen, sind die Charaktere sogar amüsanter als in der englischen Inszenierung. Das bedeutet nicht, dass sie Witze machen. Sie sind einfach wunderbar authentisch, und darauf bin ich stolz.

Als Schüler war er ein Fan des Films

Wann hatten Sie die Idee, den Film auf die Musicalbühne zu bringen?
Bereits 1977. Ein Fan des Films war ich schon in der Schule. 1977 las ich die Bücher, die Pamela Travers über Mary Poppins geschrieben hat. Der Film basiert auf einem der Bücher. Ich habe mich an sie gewandt. Sie wollte, dass ihre Figur­ auf die Musicalbühne kommt, aber ihr gefielen die Songs aus dem Disney-Film überhaupt nicht.
Wie ging es weiter?
1993 fragte ich sie noch mal, da war sie bereits 94 Jahre alt. Bei unserem Treffen freute sie sich, dass ich so viel über ihre Bücher wusste. Ich versprach ihr, ein Musical zu schaffen, das auf ihren Büchern basiert. Aber auf die Filmsongs müsse ich dennoch zurückgreifen. Sie hat mir dann vertraut. Ich wollte nie den Film adaptieren. Er hätte auf der Bühne nicht funktioniert, denn es fehlt ihm an Dramatik. Das Buch dagegen hat eine lyrische Kraft, stärker als der Film. Aber bis zur Premiere des Musicals hat es noch gedauert. Das hat Pamela Travers leider nicht mehr erlebt. Sie ist 1996 gestorben.
Wie hat ihre Familie auf die Premiere reagiert?
Pamela Travers Adoptivsohn, der eine schwierige Beziehung zur Mutter hatte, hat mir den schönsten Brief meiner Laufbahn geschrieben. Er bedankte sich bei mir und schrieb, die Show habe ihm geholfen, seine Mutter endlich zu verstehen. Da wusste ich, es hatte sich gelohnt, was wir in meinem Apartment in New York geprobt hatten.

Schöne Erinnerungen an Rolf Deyhle

Was hatten Sie geprobt?
Wir entwickelten die Rollen im kleinen Kreis. Wir haben den Geist des Films übernommen und die wichtigsten Songs, aber ansonsten viel Neues ausgedacht. „Supercalifragilistischexpialigetisch“ etwa ist anders als im Film. Die Idee zum Buchstabieren hatte ich mit den Freunden in New York.
Was meinen Sie, wie lange „Mary Poppins“ in Stuttgart gespielt wird?
Das weiß ich nicht. Keine Ahnung.
Ihre „Miss Saigon“ lief fünf Jahre lang hier.
Oh ja, das war wunderbar! Und jetzt gibt es auch einen Film dazu, der gerade in Deutschland angelaufen ist.
Erinnern Sie sich an Rolf Deyhle, der mit „Miss Saigon“ den Musicalstandort Stuttgart ­begründet hat?
Natürlich! Ich habe ihn geliebt. Ich erinnere mich, wie ich mit Rolf in Möhringen über die Felder gelaufen bin. Es war ein großes Risiko, die Musicalhäuser dort zu bauen. Man brauchte Leidenschaft und eine leichte Überdrehtheit, um dies zu tun. Bis zu seinem Tod hat er sich regelmäßig bei mir gemeldet. Ich vergesse nicht, wie er mich immer am Arm angefasst und gesagt hat: „It’s wonderful, it’s wonderful.“ Die Welt hat zu wenige Charakterköpfe wie Rolf Deyhle.
Sie haben gesagt, der Brexit sei gut für Ihre Theater im West End in London. Warum?
Nach der Brexit-Abstimmung kommen viel mehr Touristen, weil der Pfund-Kurs abgestürzt ist. Davon profitieren auch die Theater. Ich hoffe dennoch, dass es zu einer gütlichen Lösung der Regierungen kommt. Aber auch Europa muss sich neu erfinden.
In Deutschland werden Musicals mitunter als Kitsch abgetan und nur Oper, Ballett und Theater der Hochkultur zugeordnet.
Das ist nur in Deutschland so, nicht in England. Es hängt eben davon ab, was angeboten wird. In Deutschland gibt es zu wenig Produzenten, die Großes schaffen. Man sollte nicht immer nur auf ausländische Produktionen zurückgreifen, sondern eigene Stoffe schaffen, die junge Menschen begeistern.

Der nächste Musicalhit, sagt er, wird „Hamilton“

Wie sehen Sie die Zukunft des Musicals?
Es hilft nicht, dem Mainstream zu folgen. Als ich „Cats“ gemacht habe, habe ich nicht darüber nachgedacht, was der Zeitgeist verlangt, sondern habe gemacht, was mein Herz verlangt. Ich glaube, ich hatte immer ein ­gutes Gespür für Stoffe, die zeitlos laufen.
In Berlin hat die Stage das erste Musicaltheater geschlossen. Ist der Boom vorbei?
Berlin ist immer ein schwieriges Pflaster. Ich habe nie verstanden, warum es in München kein Musicaltheater gibt. Wichtig ist es, überall junge Menschen zu erreichen. In London ist der Altersschnitt der Musicalbesucher unter 35 Jahre.
Bei uns nicht. Die Karten, hört man oft, seien mit 100 Euro zu teuer.
In London zahlt man 20 bis 85 Pfund. Man bekommt eine gute Karte für 35 Pfund.
Was wird der nächste Musicalhit in England und später in Deutschland?
Ich habe „Hamilton“ am Broadway gesehen – eine Geschichte des 18. Jahrhunderts mit Hip-Hop und Beat. Großartig! Die Ankündigung, dass ich das Stück nach London bringe, hat den Schwarzmarkt angekurbelt. Das ärgert mich sehr. Ich bin dagegen, dass man im Voraus Karten im Internet kauft. Man sollte dies erst am Tag der Vorstellung mit der Kreditkarte zum regulären Preis tun.
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