Alina Kroschwald und Martin Wenger lernen gerne in der Sindelfinger Bibliothek. Doch nicht immer ist es so leer – o Foto: factum/

Immer mehr junge Leute nutzen die Stadtbücherei, um dort zu lernen und sich auf Prüfungen vorzubereiten. Deshalb fordert der Jugendgemeinderat, weitere Lernorte einzurichten. Die Stadtverwaltung sieht dafür keine Möglichkeit.

Sindelfingen - Wo halten sich Jugendliche am liebsten auf? Im Jugendhaus? Im Freibad? Vor der Playstation? Alles heiße Tipps. Aber auf einen Ort würde in einer Umfrage wohl kaum jemand kommen: in der Bibliothek. Und doch erleben viele Büchereien eine wahre Renaissance. Landauf, landab bietet sich seit einigen Jahren in den Wochen vor dem Abitur und vor den Realschulprüfungen in vielen Bibliotheken das gleiche Bild: Jugendliche sitzen allein oder in Gruppen über Büchern, Heften und Laptops und bereiten sich auf Prüfungen vor. Auch die Sindelfinger Bibliothek war in den letzten Monaten wieder ein Hotspot für junge Leute, die dort büffelten.

„In der Bibliothek herrscht eine ganz andere Arbeitsatmosphäre. Dort kann ich mich viel besser konzentrieren als zu Hause“, beschreibt Martin Wenger seine Motivation. Der 18-Jährige hat wie viele seiner Altersgenossen die Bücherei vor allem vor den Abiturprüfungen intensiv genutzt. Mittlerweile studiert er in Tübingen und ist dort oft in der Unibibliothek. Doch noch immer noch nutzt er gelegentlich auch die Sindelfinger Stadtbücherei.

Warteschlangen vor der Tür

Das Problem: Die Plätze reichen nicht aus. Vor allem in Prüfungszeiten werde es eng, berichtet nicht nur Wenger. Dies bestätigen auch die Mitarbeiter der Bibliothek. 50 Lernplätze gibt es momentan. „Das ist in Spitzenzeiten zu wenig“, sagt Wenger. Er weiß von Schülern, die samstags bereits eine halbe Stunde vor Öffnung draußen Schlange stehen, um einen der begehrten Plätze zu ergattern.

„Wir brauchen dringend weitere Lernorte“, fordern Wenger und seine Kollegen vom Jugendgemeinderat. Bereits vor einem Jahr hatte das Gremium einen Antrag an den Oberbürgermeister und den Gemeinderat gestellt, weitere Lernplätze in der Bibliothek einzurichten. Doch erst jetzt hatte die Stadtverwaltung das Thema auf die Tagesordnung gesetzt.

„Wir haben momentan genau die Situation, wie wir sie uns wünschen: viele Jugendliche in der Bibliothek“, sagte Horst Zecha im Gemeinderat. Der Wunsch nach weiteren Arbeitsplätzen sei momentan aber schwer realisierbar, sagte der Kulturamtschef. Er vertröstete die jungen Leute auf die geplante Sanierung der Bibliothek in zwei Jahren. Dann könne man schauen, wo man noch zusätzliche Lernplätze einrichten könne. Auch berichtete der Kulturamtschef von Klagen von Bibliotheksbesuchern, die sich durch lärmende Jugendliche gestört fühlten.

Die Jugendlichen wollen eine schnelle Lösung

Dieses Argument lässt Martin Wenger als Vertreter des Jugendgemeinderats aber nicht gelten. „Für laute Jugendliche ist kein Platz in der Bibliothek“, stellte er klar. Das diese dann von Mitarbeitern nach draußen geschickt werden, hält er für angemessen. „Das kann aber kein Argument gegen lernende Schüler sein“, betonte er. „Und wir können nicht jahrelang warten, bis die Bibliothek saniert wird. Wir brauchen eine schnelle Lösung.“ Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Jugendgemeinderats hat er sich die Bibliothek genau angeschaut. „Wir denken, dass man ohne große Eingriffe locker zwölf, 13 weitere Arbeitsplätze schaffen kann. Zum Beispiel, wenn man niedrige Regale aufstockt oder auch im Jugendbereich, wo die Sitzgelegenheiten entfernt wurden. Da ist jetzt Platz für Arbeitstische.“

Die Stadträte unterstützten das Anliegen der jungen Leute. „Das ist ein wichtiges Thema für die Jugendlichen. Da müssen wir eine Lösung finden“, sagte Meike Stahl (CDU). Beim FDP-Rat Andreas Knapp entfacht der Antrag der Jugendlichen nostalgische Gefühle: „Auch ich habe vor vielen Jahren in der Bibliothek fürs Abi gelernt. Toll, dass die Jugendlichen die Bibliothek wiederentdeckt haben.“

Eine Entscheidung über den Antrag der Stadtverwaltung, die Schaffung von Arbeitsplätzen auf die Zeit der Sanierung zu verschieben, wurde vertagt. Nun sollen die Jugendlichen gemeinsam mit der Büchereileiterin und dem Kulturamtschef bei einer Begehung der Bibliothek nach einer Lösung suchen.

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