Mehr als hundert Menschen aus 15 Nationen proben seit einem Jahr für das Musical „Sinfonie meines Lebens“. Foto: factum/Bach

Gleich zwei interkulturelle Musical-Projekte mit Einheimischen und Flüchtlingen sind in der Endphase der Proben. Am kommenden Wochenende werden beide Stücke aufgeführt.

Sindelfingen/Böblingen - Ein überfülltes Flüchtlingsboot macht sich auf seine gefährliche Reise von Alexandria in Ägypten nach Europa. Freiheit und Frieden erhoffen sich die Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, die in dem Boot zusammengepfercht sind. Auf ihrer Odyssee, die geprägt ist von Hunger und Angst, kommen sie sich näher. Sie erzählen einander von ihren Heimatländern und was sie zur Flucht von dort getrieben hat. Und sie malen sich aus, was sie in ihrem Sehnsuchtsziel Europa erwartet.

Ganz aktuell ist die Geschichte des Musicals „Sinfonie meines Lebens“. Am Sonntag hat es Premiere in der Sindelfinger Stadthalle. Keine professionellen Schauspieler werden auf der Bühne stehen, sondern Sindelfinger aus aller Herren Länder. Viele Flüchtlinge sind darunter und erzählen dabei einen Teil ihrer eigenen Geschichte.

Mehr als 100 Mitwirkende aus 15 Nationen

Der junge Afghane Zafer rappt in seiner Muttersprache Farsi. Der Kurde Alaa Hesso spielt auf der Gitarre ein trauriges Lied über seine verlorene Heimat. Lola Scarinci Nsimba aus dem afrikanischen Kongo stimmt ein Segenslied auf Sindelfingen an. Die palästinensische Nationalhymne ertönt. Überlieferte Lieder, selbst geschriebene Songs der Ensemblemitglieder und musikalische Fetzen hat der Stuttgarter Komponist und Regisseur Adrian Werum zu einem sehr bunten Patchwork-Opus zusammengesetzt. „Zu manchen Liedern gab es keine Noten und keine Begleitmusik. Die hat Adrian Werum dann während des Vortrags auf dem Klavier dazugefügt“, berichtet Ulrich Weber vom Vorstand der Sindelfinger Bürgerstiftung, die das Projekt ­initiiert hat.

Mehr als hundert Mitwirkende aus 15 Nationen musste Werum zu einer Truppe formen: Sänger aus den Sindelfinger Chören, Musiker von Adrian Werums Orchester der Kulturen aus Stuttgart, einige Saz-Spieler des Alevitischen Vereins. Akteure, die bereits beim Stadtmusical „Sirenen der Heimat“ dabei waren, und etwa 30 Flüchtlinge, die bei dessen Aufführung vor drei Jahren noch gar nicht in Deutschland lebten. Nur wenige Profis und viele Laien, die zum ersten Mal auf einer Bühne stehen, gehören dazu. Eingebunden sind auch 30 Kinder, die jüngsten im Kindergartenalter.

Die Arbeit ist Integration

Diese besondere Herausforderung meistert Werum mit Unterstützung der Stuttgarter Regisseurin und Choreografin Debora Vilchez. Fast ein Jahr lang haben sich die Musiker und Schauspieler getroffen – jeden Samstag im Musiksaal der Sindelfinger Sommerhofenschule. Und die große Aufführung am Ende ist nicht das eigentliche Ziel dieses Projekts. „Viel wichtiger ist die Arbeit jede Woche. Das ist Integration pur“, sagt Ulrich Weber.

Die gemeinsame Arbeit als Mittel, sich näherzukommen, steht auch im Mittelpunkt des Böblinger Musical-Projekts der Integrationsbeauftragten und des Kreisjugendrings. Anders als in der Nachbarstadt ist es ein Projekt ausschließlich für jugendliche Mädchen und Buben. Minderjährige Flüchtlinge und Schüler der Albert-Schweitzer-Realschule übten in den Pfingstferien ein Musical ein. Mehrmals haben sie bei Auftritten, etwa beim Stadtfest, schon kleine Kostproben gegeben. Am Freitag nun wird es komplett aufgeführt.

Story ist nah dran am Alltag

Spannend sei die Probenarbeit gewesen, sagt Nathan Grant, der Projektleiter. Auch einige Konflikte habe es gegeben, die man aber alle haben lösen können. „Nicht nur die Deutschen und die Flüchtlinge sind sich nähergekommen, auch die unterschiedlichen nationalen Gruppen unter den Flüchtlingen haben sich besser kennengelernt und sind jetzt zum Teil befreundet“, berichtet Grant. Die Story des Musicals ist nah dran am Alltag der Jugendlichen. In einer Casting-Show wird ein neuer Superheld gesucht. Wie diese Show ausgeht, das verraten wir aber nicht.

Daimler sponsert

Vorstellungen
Das Böblinger Musical „Heroes of modern society“ wird am Tag des Flüchtlings am Freitag, 30. September, in der Böblinger Kongresshalle aufgeführt. Beginn ist um 19 Uhr, Einlass eine Stunde vorher. Das Sindelfinger Musical „Sinfonie meines Lebens“ hat am Sonntag, 2. Oktober, Premiere in der Sindelfinger Stadthalle. Die Vorstellung beginnt um 16 Uhr. Am Montag, 3. Oktober, gibt es eine weitere Vorstellung. Beginn ist um 20 Uhr.

Tickets
Karten für die Sindelfinger Aufführungen kosten zwölf Euro, ermäßigt acht, Kinder fünf Euro. Sie gibt es vorab im i-Punkt am Marktplatz (0 70 31 / 9 43 25). Die Böblinger Aufführung ist für Jugendliche gedacht. Tickets kosten nichts. Es gibt sie bei der Integrationsbeauftragten (0 70 31 / 6 69 24 71).

Finanzierung
Beide Musicals wurden gesponsert. Für das Sindelfinger Projekt der Bürgerstiftung gab Daimler 50 000 Euro. Etwa die Hälfte kostet das Böblinger Projekt. Einen Zuschuss von 16 000 Euro fließen aus einem Förderprogramm des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Außerdem gab es Geld vom Kreisjugendring und von der Böblinger Bürgerstiftung.