Die Zukunft steht im Zeichen des Klimawandels. In der Serie „Wetterbericht“ verfolgen wir das atmosphärische Geschehen im Spiegel von Literatur, Kunst und Musik. Heute: Ein Wintertag in Davos
Stuttgart - Die Frage, was das Wetter mit uns macht, stellt sich nicht nur mit bangem Blick an den Himmel. Wir schauen in die Kulturgeschichte, um zu ermessen, wie tief unser Denken und Fühlen mit Wolken, Sturm, Sonne, Schnee oder Regen verstrickt ist. Folge 12:
Im Flachland ist es grün. Vom Winter kann man hier nur träumen. Wenn man wissen will, was das noch einmal war, Schneeflocken, hilft die Literatur weiter: Auf den ersten Blick „formlose Fetzchen“, doch unter der Linse von Thomas Manns „Zauberberg“ zeigt sich, aus was für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, „Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie nicht reicher und minutiöser hätte herstellen können.“
Doch auch die Bewohner des Berghof-Sanatoriums hadern mit dem Witterungscharakter des Winters, allerdings nicht wegen zu wenig, sondern wegen zu viel Schnee. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, „ein Flockengewimmel, dass man nicht einen Schritt weit sah“. Die Schneemassen waren monströs und maßlos, „erfüllten das Gemüt mit dem Bewusstsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrität dieser Sphäre“.
Windiges Einzeltum
In dieses „Chaos von weißer Finsternis“ wagt sich der Held Hans Castorp auf Skiern. Orientierungslos dem Schneetreiben überantwortet, gewahrt er in visionärer Schau die Bestimmung des Menschen zwischen „mystischer Gemeinschaft und windigem Einzeltum“.
Natürlich ist hier alles symbolisch überhöht, und doch verdankt sich die geschilderte Szenerie realer Anschauung: Die Tölzer Winterlandschaft, in der die Manns ihr Landhaus hatten, soll das Schneekapitel inspiriert haben. Dort röhren heute Schneekanonen, und die Skifahrerhorden, die auf weißen Pistenstraßen die grünen Hänge hinabjagen, scheinen ihren Platz zwischen „mystischer Gemeinschaft“ und „windigem Einzeltum“ längst gefunden zu haben.
LesetippThomas Mann: Der Zauberberg. Roman. Fischer Verlag. 1008 Seiten, 22 Euro.
Die vorige Folge unseres „Wetterberichts“ finden Sie hier.