Rückenleiden in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren immer häufiger. Ärzte und vor allem Orthopäden röntgen dann gerne mal zu früh – was zum Teil verheerende Folgen haben kann.
Ludwigsburg - Dass Rückenleideneine Volkskrankheit sind, das ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Doch die Statistiken untermauern diese Feststellung: Etwa jeder fünfte Deutsche begibt sich mindestens einmal im Jahr aufgrund von Rückenschmerzen in ärztliche Behandlung. Im Jahr 2015 lag die Zahl ambulanter Behandlungsfälle, bei der die Diagnose Rückenschmerzen gestellt wurde, bei hochgerechnet 38 Millionen.
Gleichzeitig gibt es Befunde, die nahelegen, dass nur etwa ein Viertel aller Personen mit Rückenschmerzen deswegen auch einen Arzt aufsuchen – die Dunkelziffer der Personen mit Rückenproblemen dürfte demnach noch höher liegen, als es die aggregierten Daten gesetzlicher Krankenkassen nahelegen.
Orthopäden röntgen viel und gerne
Rückenprobleme sind nicht nur individuell schmerzhaft – sie schaden auch der Gesellschaft: Das Statistische Bundesamt schätzt die Krankheitskosten für Rückenleiden in Deutschland auf rund neun Milliarden Euro – allein für das Jahr 2008. Hinzu kommen sogenannte indirekte gesellschaftliche Kosten aufgrund von Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit: Im Jahr 2008 waren dies 172 000 verlorene Erwerbstätigkeitsjahre durch Arbeitsunfähigkeit und 75 000 verlorene Jahre durch Invalidität.
Ein Problem bei Rückenleiden ist auch, dass sich deren Ursache häufig nicht eindeutig feststellen lässt. Ärzte und vor allem Orthopäden setzen dabei verstärkt auf bildgebende Verfahren, also Röntgen, Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT). So wurden im Jahr 2015 je 1000 Versicherte mit Rückenschmerzen 202 Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule sowie 139 MRTs und 34 CTs vorgenommen.
Die Patienten erwarten aber auch, geröntgt zu werden
Bemerkenswert an dieser Statistik ist, dass bei mehr als der Hälfte der Patienten bei der ersten Bildgebung zuvor kein konservativer Therapieversuch unternommen wurde – ein klarer Widerspruch zu den Empfehlungen der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz der Bundesärztekammer. Sie empfiehlt diese weiterführende Diagnostik nur, wenn Warnsignale für gefährliche Verläufe vorliegen, beispielsweise ein Taubheitsgefühl. Bei nichtspezifischem Kreuzschmerz sollte in den ersten vier bis sechs Wochen jedoch nicht geröntgt werden – häufig verschwindet der Schmerz auch einfach wieder.
Und dennoch werden die Patienten fleißig weiter potenziell schädlicher Strahlenbelastung ausgesetzt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen können bildgebende Verfahren bei bestimmten Ärzten einen höheren Stellenwert haben – so röntgen Orthopäden beispielsweise 3,5-mal häufiger als Hausärzte. Zum anderen spielen auch die Erwartungen der Patienten eine Rolle: Wer Schmerzen hat, will auch durchleuchtet werden. Und zuletzt geht es auch um Vergütungsstrukturen: Die Investition in ein teures Röntgengerät muss wirtschaftlich sein.
Die Überversorgung an Bildgebungsdiagnostik bei Rückenschmerzen hat neben der Strahlenbelastung einen weiteren gefährlichen Effekt: sogenannte falsch positive Ergebnisse. Sprich: Der Arzt stellt durch Röntgen, CT oder MRT eine falsche Ursache für ein unspezifisches Rückenleiden fest. Im schlimmsten Fall wird der Patient dann operiert, ohne dass es einen Besserungseffekt hat.