Schweden Stadtstreicher vererbt Millionen

Von Andre Anwar 

Die Basis von Curt Degermans Vermögen waren Pfandflaschen Foto: dpa
Die Basis von Curt Degermans Vermögen waren Pfandflaschen Foto: dpa

Curt Degermann hat es als Stadtstreicher zum Millionär gebracht. Nun gibt es Streit um sein Erbe.

Stockholm - Der schwedische Stadtstreicher Curt Degerman wählte einen guten Zeitpunkt, als er im Herbst 2008 mit 60 Jahren nach einem Herzinfarkt starb. "Es ist besser für ihn, als noch einen Winter durchzustehen", sagten damals viele Gäste auf der Beerdigung - ohne es böse zu meinen. "Niemand versteht, warum er so lebte, wie er lebte", sagte die 32-jährige Helena Westermark. Schließlich war der Verstorbene Millionär. Um seinen Nachlass von 13 Millionen Kronen (1,2 Millionen Euro) streitet sich seine Verwandtschaft bis heute.

Jahrzehntelang zog Degerman in Skeleftea in der nordschwedischen Region Norrland von Mülltonne zu Mülltonne. Seine klebrigen Plastiktüten füllte er mit Pfandflaschen - später mit Pfanddosen. Im örtlichen Supermarkt tauschte er seine Ware gegen Kronen ein. Kleinstbeträge waren das. Doch der Obdachlose war hartnäckig. Nach vollbrachtem Tageswerk ging er häufig in die Stadtbücherei, wo er sich ein beachtliches Wissen über die Welt der Börse aneignete. Er investierte seine Pfandeinnahmen und baute ein Vermögen auf.

Zu Lebzeiten schämten sich die meisten Familienmitglieder für das schwarze Schaf. Die Degermans gelten in Skeleftea als feine Familie. Nur ein Cousin hatte Mitleid und suchte den psychisch verwirrten Verwandten wöchentlich auf, spendierte ihm eine Mahlzeit und menschliche Wärme. In seinem Testament macht ihn Curt Degerman zum Alleinerben. Nun klagt die neidische Verwandtschaft vor Gericht.

Vater hatte kein Verständnis für psychische Erkrankungen

"Auch ich war überrascht. Curt gönnte sich nichts", sagt der Erbe. "Er war anders als andere Menschen. Aber er hatte ein gutes Gedächtnis, konnte tatsächlich sämtliche Aktienkurse auswendig." In seiner Heimatstadt vermuten einige, dass Curt Degerman autistische Züge hatte. Er wurde 1948 geboren und sollte - wie die anderen Familienmitglieder auch - einen hochrangigen Posten im Ort bekleiden. Die Familie hatte alles geplant: eine gediegene Ausbildung, erst Abitur, dann Studium in der Großstadt. Die notwendigen Kontakte waren da.

In der Schule lief es zunächst gut. Doch als Teenager brach Curt zusammen. Er merkte, dass er anders war als die anderen Schüler und als der Rest der Verwandtschaft. Als er das Gymnasium abbrach, kam es zum großen Familienstreit. Der Vater hatte kein Verständnis für psychische Erkrankungen.

Der heute 90-Jährige ist einer der Kläger im Erbstreit. Jetzt scheint er doch noch von der Manie seines verstoßenen Sohnes zu profitieren. Curt Degermans Cousin kündigte an, einem Mittlungsvorschlag des Richters zuzustimmen. Demnach wird das Vermögen des Pfandsammlers aufgeteilt: Es besteht aus einem Schweizer Bankkonto, lukrativen Aktienanteilen, Immobilien und 124 Goldbarren.

 

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