Bildungsland Baden-Württemberg? Dieses Image ist angekratzt. Beim Schulleistungsvergleich kommen die Südwest-Schüler übers Mittelmaß nicht hinaus. Foto: dpa

Bildungsland Baden-Württemberg? Dieses Image ist angekratzt. Beim Schulleistungsvergleich kommen die Südwest-Schüler übers Mittelmaß nicht hinaus. Die Bundesländer im Osten liegen vorn.

Berlin/Stuttgart - Das Image von Baden-Württemberg als Bildungsland ist angekratzt: Denn seine Schüler sind in Mathematik und Naturwissenschaften nach einer neuen Studie nur Mittelmaß. Auch der Zusammenhang zwischen sozialem Stand der Familie und Bildungserfolg ist im Südwesten immer noch sehr groß. Das geht aus dem neuen Schulleistungsvergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hervor, der am Freitag von der Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin vorgestellt wurde.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) meinte: „Baden-Württemberg muss besser werden, durchschnittliche Ergebnisse reichen nicht aus.“ Die Studie mache deutlich, dass die Schüler in der Vergangenheit zu wenig individuell gefördert worden seien. Die Politik der Landesregierung hat sich nach Stochs Worten dabei noch nicht niederschlagen, da die Überprüfung der Standards im Schuljahr 2011/2012 stattgefunden habe. Grün-Rot war kurz davor an die Regierung gekommen.

In Mathematik belegen Südwest-Schüler nur Rang Neun

Nach der Studie landen die Neuntklässler aus dem Südwesten in Mathematik nur auf Rang Neun von 16 Bundesländern. Schüler in Sachsen, dem Spitzenreiter in allen Disziplinen, sind ihnen ein Jahr voraus, in Bremen hinken sie ein Jahr hinterher. In Physik und Biologie liegen die Baden-Württemberger auch nur knapp über dem Bundesschnitt. In Chemie schneiden die Schüler aus dem Südwesten noch etwas schwächer ab. Lediglich die Gymnasien in Baden-Württemberg erreichen den Optimalstandard im Fach Physik (Kompetenzbereich Erkenntnisgewinnung) etwas häufiger als bundesweit.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nennt die Ergebnisse ein Warnsignal für die grün-rote Landesregierung und verlangt ein Ende der „radikalen Sparpolitik auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen“. Das Land will bis 2020 rund 11 600 Lehrerstellen streichen. Bereits der Wegfall von 2200 Stellen in diesem und im kommenden Jahr verschärfe die soziale Spaltung, monierte GEW-Landeschefin Doro Moritz. „Wenn die Landesregierung an diesem Sparkurs mit dem Rasenmäher festhält, bleiben Baden-Württemberg und die grün-rote Bildungspolitik Mittelmaß.“

CDU kritisiert "verkorkste" Bildungspolitik

Der „Rückschlag“ ist aus Sicht der CDU im Landtag das logische Ergebnis einer „verkorksten“ grün-roten Bildungspolitik, die durch Leistungsfeindlichkeit und verschlechterte Unterrichtsversorgung geprägt sei. „Wir erwarten vom Kultusminister, dass er diesen Warnschuss erkennt und gerade den Realschulen und Gymnasien einen dauerhaften Bestandsschutz gibt“, sagte Bildungsexperte Georg Wacker. Lehrer müssten sich auf den Unterricht konzentrieren und dürften durch ständige Umwälzungen nicht weiter verunsichert werden.

Auch die Arbeitgeber zeigten sich alarmiert. „MINT-Mittelmaß ist viel zu wenig für unseren Industrie- und Hochtechnologiestandort“, sagte Südwestmetallchef Stefan Wolf. Das Kompetenzniveau der Jugendlichen, die sich um Ausbildungsplätze bewerben, reiche in vielen Fällen für den Start in eine Berufsausbildung nicht oder kaum aus, erklärte Martin Frädrich, Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. Um die Ausbildungsreife herzustellen, seien deshalb nicht selten Nachhilfeunterricht und massive ausbildungsbegleitende Hilfen durch die Ausbildungsbetriebe notwendig.

Der Bildungsexperte der FDP-Fraktion, Timm Kern, forderte eine Korrektur der Schwerpunkte. „Statt einseitig auf kostspielige und ideologisch begründete Lieblingsexperimente wie die Gemeinschaftsschule zu setzen, muss die Landesregierung allen Schulen ausreichend Lehrpersonal für ein qualitativ anspruchsvolles Unterrichtsangebot zur Verfügung stellen“.

Erfolg in der Schule hängt von sozialer Herkunft ab

Das IQB fand auch heraus, dass im Bundesvergleich nur Brandenburg eine engere Kopplung zwischen Herkunft und Leistung in Mathematik aufweist als der Südwesten; auch in Chemie ist diese Korrelation deutlich. Bundesweit erreichen Schüler aus bessergestellten Familien in Mathe im Schnitt einen Vorsprung von fast drei Schuljahren im Vergleich zu jenen mit niedrigerem Sozialstatus.

Schlecht schneidet der Südwesten auch ab, wenn es um die Abhängigkeit zwischen Kompetenzen und Zuwanderungsstatus geht. In Mathematik weichen die Leistungen von Jugendlichen, deren Vater und Mutter ausländische Wurzeln haben, vom Mittelwert im Südwesten am weitesten nach unten ab. Dies gilt auch für Schüler mit nur einem nicht-deutschstämmigen Elternteil. Stoch betonte, mit dem geplanten weiteren Ausbau der Ganztagsschulen bei den Grundschulen werde mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht.

Der Schultest mit mehr als 44.000 Teilnehmern zeigt, dass ostdeutsche Schüler in den MINT-Fächern weitaus leistungsstärker als die meisten ihrer westdeutschen Altersgenossen sind.

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