Land unter in Bayern. Oder: Petrus verschont nicht mal seinen Chef. Foto: dpa

Südbayern, Salzburg und Tirol kämpfen mit den Schneemassen. Berchtesgaden ruft den Katastrophenfall aus. Und mancher Seilbahnchef schwärmt von Super-Skipisten.

München - So klare Ansagen kennt man von Pressesprechern eher selten: „Sie können schon versuchen zu kommen,“ sagt Sophie Stadler vom Landratsamt Miesbach dem Reporter: „Aber es wird keiner mit Ihnen reden.“ Man versteht’s ja. Seit der Landkreis Miesbach, etwa vierzig Kilometer südöstlich von München, am Montag als erster den Katastrophenfall ausgerufen hat, seien die Einsatzkräfte im Dauereinsatz, sagt Stadler; die hätten keine Zeit mehr für anderes: „Die wissen ja schon gar nicht mehr wohin mit dem Schnee; an den Straßenrändern ist er schon mehr als drei Meter aufgehäuft.“ Die Verkehrslage sei „katastrophal“, fügt Stadler am Telefon hinzu – und leichter wird’s nicht in den nächsten Tagen. Aber immerhin: „Bei uns weiß jeder, was er machen muss. Wir haben die Lage im Griff.“

Andere nicht: die Bahn von München nach Miesbach steht noch am Donnerstag still; das ganze Alpenvorland bleibt unversorgt; Züge stehen still – aber wenigstens zum Aufwärmen der Fahrgäste – auf den Gleisen, und wenn Busse sich als Ersatz auf den Weg machen, dann – so schreibt die Verkehrsgesellschaft Bayerische Oberlandbahn – mit erheblichen Verspätungen.

„Bleiben Sie zuhause!“

Am Donnerstag hat auch der Kreis Berchtesgaden-Land den Katastrophenfall ausgerufen. Die Schulen im gesamten bayerischen Oberland bleiben zu. Zahlreiche Straßen sind weiterhin gesperrt: Wegen der Schneehöhe, vor allem aber wegen der Bäume, die unter der weißen Last zusammengekracht sind oder – unvorhersehbar – umzustürzen drohen. Das Bundespolizeiorchester hat sein Rosenheimer Neujahrskonzert „zu Gunsten der Sicherheit von Besuchern und Musikern“ am Donnerstag abgesagt. Der Landkreis Traunstein fordert seine Bürger auf, unnötige Autofahrten zu vermeiden: „Bleiben Sie, wenn möglich, zuhause!“ Und am Ende hat es sogar noch Bayerns westlichen Alpenabschnitt erwischt, das Allgäu: Oberstdorf musste zwei Tälerzufahrten wegen Lawinengefahr schließen.

Während südlich des Alpenhauptkamms, in Südtirol, bei strahlendem Sonnenschein kein Fitzelchen Schnee zu sehen ist, hat sich die weiße Last wie ein Riegel auf die Nordalpen gelegt. So viel ist gefallen, sagen sie im österreichischen Tirol und im Bundesland Salzburg, wie nur alle dreißig bis hundert Jahre: drei bis vier Meter in einem durch. Es gilt weiterhin höchste und zweithöchste Lawinenwarnstufe. In Österreich waren am Donnerstag einige tausend Haushalte ohne Strom, Dörfer wie Einzelgehöfte von der Außenwelt abgeschnitten, das Bundesheer im „Assistenzeinsatz“ unterwegs zum Räumen von Straßen oder zum Fällen von Bäumen.

Kindergarten evakuiert

Die Stadt Salzburg musste ebenfalls am Donnerstag die berühmte Getreidegasse (mit Mozarts Geburtshaus) sperren: da hatte das Gewicht der Schneemassen die Weihnachtsbeleuchtung inklusive der Wandhaken heruntergerissen. Um wenigstens die Tauernautobahn als Hauptverkehrsachse vor dem Schlimmsten zu bewahren, haben österreichische Experten nun schon die dritte Lawine innerhalb einer Woche abgesprengt.

Selbst in München sind am Donnerstag Vormittag an die zwanzig Zentimeter Schnee gefallen. Und auch wenn es – anders als in den langen Tagen davor – diesmal überwiegend leichtes, trockenes Pulver war, so steigt in ganz Südbayern die Gefahr für Dächer: Inzwischen häufen sich da teils mehr als eineinhalb Meter Schnee mit Lasten von bis zu 400 Kilogramm pro Quadratmeter. Berchtesgaden lässt derzeit alle Gemeindebauten abräumen; andere Landkreise raten das auch privaten Hausbesitzern an; in Unterhaching bei München wurde am Donnerstag vorsichtshalber ein Kindergarten evakuiert.

Ungewissheit für Skifahrer

Und die Wintersportler – wenn sie denn zu ihren Lieblingspisten vordringen? Viele Lifte standen am Donnerstag wegen des Sturms still – darunter am Nebel- und am Fellhorn im Allgäu sowie am Kitzbüheler Horn in Tirol. Enorme Schneeverfrachtungen durch den Wind sorgen für ungewisse Situationen auf den Abfahrtshängen – aber nicht überall. Der bayerische Spitzingsee meldete am Donnerstag offene Pisten und „super Schnee“; ähnlich äußern sich Seilbahnbetreiber im Tiroler Gebiet Wildschönau-Alpbach.

Es ist nur so: zum Urlauber-Schichtwechsel am Samstag werden weitere, immer heftige Schneefälle erwartet – bis zu einem Meter – mit Sturm und erneuter Lawinengefahr. Entspannung soll es erst nächsten Dienstag geben.

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