Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn sieht den Wachstumskurs im Verkehrssektor kritisch. Er will lieber einen „guten Flughafen“ auf den Fildern.
Stuttgart - Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), der auch Vize-Aufsichtsratschef des Flughafens ist, hält bestimmte Kurzstreckenflüge für überflüssig. Seine kritische Haltung zu Kurzstreckenflügen hatte er bereits bei der Vorstellung seines 200-Millionen-Euro teuren Klimaschutzprogrammes zum Ausdruck gebracht. Im Sommerinterview mit unserer Zeitung wurde er jetzt noch deutlicher: „Wir müssen mal mit der Heuchelei aufhören. Alle sagen, man kann mit dem Zug nach Frankfurt fahren. Dann muss man’s halt auch machen.“ Klimaschutz sei kein Wohlfühlwort. „Da, wo man gut mit der Bahn hinkommt, nach Frankfurt oder München, müssen wir auch auf die Bahn setzen. Ich habe immer gedacht, wir bauen Stuttgart 21, damit wir schneller nach München kommen.“
Der Verkehrsminister stimmt Kuhn zu
Kritisch äußerte sich Kuhn zur Wachstumsstrategie des Flughafens, der in den ersten sechs Monaten des Jahres fast sechs Millionen Gäste zählte (plus 9,3 Prozent) und damit auf einen Passagierrekord zusteuert. Kuhn sagte: „Stadt und Land profitieren ja als Anteilseigener von dieser Entwicklung, und trotzdem müssen wir die Frage stellen, ob ‚Passagierrekord‘ das entscheidende Kriterium ist. Es geht um die Frage, was für einen Flughafen wir wollen“ Ihm gehe es um einen „guten Flughafen“. Ähnlich äußerte sich Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne): „Fliegen ist eine klimaschädliche Form der Fortbewegung und sollte vor allem auf kurzen Entfernungen wenn möglich vermieden werden“, sagte er laut seines Sprechers auf Anfrage. „Frankfurt und München sind von Stuttgart aus schnell und gut mit der Bahn erreichbar.“
Der Manfred-Rommel-Flughafen mit rund 1000 Mitarbeitern gehört zu 65 Prozent dem Land Baden-Württemberg und zu 35 Prozent der Stadt Stuttgart. Flughafen-Geschäftsführerin Arina Freitag hatte jüngst erklärt, die Genehmigung sogenannter Slots unterliege Regularien des Bundes und der EU. Für genehmigte Slots habe man eine Betriebspflicht.
Der Flughafen hält die Flüge für unverzichtbar
Eine Sprecherin des Flughafens erklärte: „Flugverbindungen zu den wichtigsten Drehkreuzen der Lufthansa-Gruppe sind für eine sehr gute Anbindung Baden-Württembergs an die Welt derzeit unverzichtbar.“ Ohne Zubringerflüge nach Frankfurt oder München würden Passagiere an anderen Drehkreuzen umsteigen. „Ein Wegfall würde in erster Linie der Region schaden und dem deutschen Luftverkehr.“ Im Sommerflugplan sind es laut Flughafen täglich bis zu sechs Abflüge nach Frankfurt und bis zu fünf Abflüge nach München – ohne die Rückflüge.
Die Sprecherin sagte weiter, kurze Wege und Verlässlichkeit seien für Geschäftsleute oder für Reisende mit Kindern wichtige Faktoren. „Deshalb ist auch der geplante Flughafenbahnhof für uns so wichtig. Für Passagiere muss es noch einfacher werden, Bahn und Flug zu kombinieren.“