Kinder bei der Impfung Foto: Picture-Factory/Fotolia

Baden-Württemberg unternimmt einen neuen Anlauf, um regional teils schlechte Impfquoten zu verbessern. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie dringend notwendig das ist.

Stuttgart - Baden-Württemberg ist das Land der Impfverweigerer. Wir können alles. Außer impfen. So könnte man es in Abwandlung des beliebten Werbespruchs sagen. Da wäre zum Beispiel die zweite Masernimpfung. Spätestens mit 24 Monaten sollte jedes Kleinkind sie erhalten haben. Reines Wunschdenken ist das im Südwesten. Gleich drei Land- und Stadtkreise belegen im bundesweiten Impfquotenvergleich die allerletzten Plätze – Main-Tauber-Kreis (41,5 Prozent), Stadt Ulm (47,0) und Hohenlohekreis (50,1). Baden-Württemberg ist mit 68,9 Prozent Schlusslicht unter den Bundesländern. Der Tabellenführer Hamburg kommt auf 80,5 Prozent.

Warum hängt das Land dermaßen hinterher bei der Immunisierung? Auch beim Schuleingang ist der Abstand noch nicht wieder aufgeholt. 89,5 Prozent der Kinder haben dann immerhin die zweite Masern-impfung erhalten, aber auch das bringt nur den letzten Platz im Kampf gegen das gefährliche Virus. Impfquoten von 95 Prozent fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO), um den potenziell tödlichen Erreger auszurotten. Aber keines der 16 Bundesländer erreicht diesen Zielwert.

Wer Ursachenforschung betreiben will, sollte mit Thomas Mertens sprechen. Der Ulmer Virologe ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut (Stiko). Das Expertengremium gilt als letzte Instanz in Sachen Immunisierung. Auf seinen Vorgaben basieren die Impfempfehlungen der Bundesländer. Der Stiko-Chef macht vor allem mangelnde Aufklärung für die schlechten Impfquoten im Südwesten verantwortlich. „Es fehlt an Wissen über den Nutzen von Impfungen, zugleich gibt es eine irrationale Angst vor Nebenwirkungen“, sagte er unserer Zeitung. Viele Eltern ließen sich durch Impfgegner und -skeptiker verunsichern, die mit falschen Fakten desinformierten. Und natürlich würden Impfungen auch manchmal schlicht vergessen.

Stiko-Chef Mertens sieht Impfpflicht skeptisch

Mertens sieht die Mediziner in einer Schlüsselrolle. Jeder Kontakt zwischen Arzt und Patient müsse genutzt werden, um das Impfen in Erinnerung zu bringen. Auch Mediziner, die das Thema kritisch sehen, seien gesetzlich verpflichtet, es den Patienten gegenüber anzusprechen, betonte er.

Der Faktor Arzt sei umso wichtiger, als die Politik gerade auch in Baden-Württemberg den öffentlichen Gesundheitsdienst „kaputtgespart“ habe. Es gebe deshalb so gut wie kein niederschwelliges Angebot mehr, um aufzuklären und zu impfen. Ein Grund für Mertens, den Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn zu unterstützen, der erwägt, künftig auch in Apotheken impfen zu lassen. In Sachen Impfpflicht, die Spahn ebenfalls befürwortet, ist er dagegen skeptisch. Impfgegner würden mit aller Kraft dagegen kämpfen und sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Am Ende könne der Schaden größer sein als der Nutzen.

Eine unmittelbare Erklärung für die Ausreißer-Kreise bei der zweiten Masernimpfung im Südwesten hat Mertens nicht, jedenfalls keine, die er auch belegen könnte. Er vermutet, dass die Zahl der niedergelassenen Kinderärzte eine wichtige Rolle spielen könnte. Pädiater impften deutlich mehr als andere Mediziner. Wo sie sich rarmachten, gebe es entsprechend weniger Immunisierungen. In den betroffenen Kreisen könne zudem auch der Zeitpunkt eine Rolle spielen, zu dem routinemäßig geimpft werde. Kinder, die etwas später zum zweiten Mal gepikst werden und dann schon älter als zwei Jahre sind, könnten aus der Statistik herausfallen. Auf diesen Effekt verweist übrigens auch der Main-Tauber-Kreis. Beim Schuleingang sei der Kreis wieder im Landesmittel der Impfquoten, betonte Heiner Thierolf, Leiter des Kreisgesundheitsamts, gegenüber unserer Zeitung.

SPD stichelt gegen grüne Impfgegner

Wie dem auch sei – das Land Baden-Württemberg scheint entschlossen, die schlechten Impfquoten nicht länger hinzunehmen. In der vergangenen Woche tagte die neue Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAG) zum ersten Mal. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) hat das Gremium ins Leben gerufen, das alle wichtigen Akteure versammelt. Zum Auftakt ging es um Hindernisse bei den Impfungen gegen Humane Papillomviren (HPV), Masern, Mumps und Röteln (MMR) sowie um Impfungen von medizinischem Personal zum Schutz der Patienten. Ein Hindernis bei der HPV-Impfung wurde offensichtlich: Wer sich impfen lassen will, muss sich den Impfstoff per Einzelrezept in der Apotheke besorgen. Die Krankenkassen hätten zugesagt zu prüfen, ob einfachere Bezugswege rechtlich möglich seien, sagte eine Sprecherin Luchas unserer Zeitung. Mit Blick auf die MMR-Impfung sei zudem ein Erinnerungssystem für Kinderärzte diskutiert worden. Es könne ein Ansatz sein, die Impfquoten zu steigern.

Die LAG soll künftig die Problemzonen des Impfthemas im Südwesten analysieren und Lösungsansätze erarbeiten. Am Ministerium sollen höhere Impfquoten nicht scheitern, so lautet Luchas Botschaft. Der Minister hat bereits angekündigt, im Zweifel auch eine aus Berlin verordnete Impfpflicht mitzutragen. Insofern muss er eine Stichelei des SPD-Gesundheitsexperten im Landtag, Rainer Hinderer, zumindest nicht persönlich nehmen. Hinderer hatte in Anspielung auf mögliche grüne Impfskeptiker erklärt, Lucha müsse auch „bereit sein, die Weitergabe von Fehlinformationen im ‚alternativen‘ Wählerklientel zu unterbinden“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: