Ferdinand von Schirachs Stück „Gott“ kreist um eine eine ethisch sensible wie umstrittene Frage und bezieht die Zuschauer mit ein. Im April 2021 ist das Stück in Stuttgart am Alten Schauspielhaus zu sehen.
Berlin - Irgendetwas muss Ferdinand von Schirach richtig machen. Es ist etwas hinter den Kulissen, das mit dem eigentlichen Gegenstand seines Tuns, dem Schreiben, erst einmal nichts zu tun haben kann. Wie sonst schafft es jedes Theaterstück, das genau genommen kein Stück ist, sondern eine Fleißarbeit, eine Art multidisziplinäre Expertenverhandlung mit überschwappendem Belehrungsin- und Sendungsoutput, nur Wochen nach seiner Uraufführung bereits auf die Spielpläne von einem Dutzend großer Stadttheater, läuft als Film im Fernsehen und ist als Buch im Handel erhältlich? Seit Donnerstagabend nun jedenfalls brummt die Schirach-Maschine wieder, seitdem im Berliner Ensemble und im Düsseldorfer Schauspielhaus zeitgleich sein neues Stück „Gott“ zur Premiere kam.
Eine ethisch so sensible wie umstrittene Frage
Nein, um Religion geht es nur nebenbei, aber um eine ethisch so sensible wie umstrittene Frage schon: „Soll ein Arzt bei einem Suizid helfen? Wäre das ethisch richtig?“, fragt der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates gleich zu Beginn von der Bühne hinab ins Zuschauerparkett und markiert damit auch gleich die Spielanordnung des Abends. Wir befinden uns in einer Sitzung eben dieses Ethikrates, dessen Mitglieder wir alle sind, und hören uns den Fall einer Frau Gärtner an, der Josefin Plath zwar eine bedenklich labile Verfassung leiht, die aber eisern zum Sterben entschlossen scheint, weil das Leben ohne ihren verstorbenen Mann für sie sinnlos geworden sei. Dafür braucht die 78-Jährige die Hilfe eines Arztes, die aber nicht leicht zu finden ist, obwohl die Rechtslage klar zu ihren Gunsten steht. Soll ihr geholfen werden? Per Abstimmung wird auch das Publikum am Ende entscheiden.
Ein Ethikrat, dessen Mitglieder wir alle sind
Erst im Februar 2020 beschloss das Bundesverfassungsgericht, jenen Paragraph 217 zu kippen, nach dem sich Ärzte strafbar machten, wenn sie auf Verlangen ein zum Suizid geeignetes Medikament verschrieben. Erst jetzt also kann die im Grundgesetz festgelegte „freie Selbstbestimmung“ jedes Menschen vollumfänglich möglich werden, die eben auch in der Freiheit besteht, sich selbst zu töten. Immer wieder wird an diesem Abend diese liberale Rechtslage erklärt, zuerst von dem distinguierten Vorsitzenden (Gerrit Jansen), dann von der scharfsinnigen Rechtssachverständigen Professor Litten, die Judith Engel als die klarste, lichteste Gestalt der sonst düsteren Versammlung gibt. Und das werfen die beiden anderen Sachverständigen in die Arena: ein Vertreter der Ärztekammer und ein katholischer Bischof. Ingo Hülsmann verteidigt seine Ärzte dabei so aalglatt wie ein DAX-Unternehmer seine Dividende, indem er sie „dem Leben“ verpflichtet erklärt, nicht dem Sterben, und Veit Schubert bindet alle Entscheidung über Leben und Tod letztinstanzlich an Gott. Auch wenn beide Argumente bekannt sind, lodert hier zumindest der kleine ethische Glutkern auf, der eigentlich das ganze Stück hätte aufmischen sollen. Denn so frei die Suizid-Beihilfe strafrechtlich ist, so frei ist sie eben auch von jeder medizinischen oder ethischen Pflicht. Niemand kann zur Sterbehilfe gezwungen werden, denn die Freiheit des einen grenzt an der Gewissensfreiheit des anderen.
Wo fängt die Autonomie an, hört das Gemeinschaftswesen auf?
Hier könnte eine Diskussion beginnen. Darüber zum Beispiel, ob Selbst- und Fremdbestimmung, die gerade hier so wichtig sind, überhaupt brauchbar voneinander zu trennen sind. Wo fängt die Autonomie an, hört das Gemeinschaftswesen auf? Wie soll ein Sterbehelfer prüfen, ob die Entscheidung eines Sterbewilligen frei getroffen ist oder nur einer fatalen Krisensituation entstammt oder müssen nicht individuelle Umstände überhaupt egal sein für eine prinzipielle Entscheidung, die die Autonomie des Sterbewilligen voll respektiert? Wer spielt nun eigentlich Gott: derjenige, der sich einer Sterbehilfe verweigert oder der ihr nachgibt? Aber nichts von alldem.
Wer spielt nun eigentlich Gott?
Oliver Reeses Inszenierung muss man dennoch zugute halten, dass sie den Text schärfer und lebhafter in die helle Treppenkulisse setzt, als er auf dem Papier steht. Das Grundproblem aber bleibt: die ethische Diskussion die er ankündigt, findet nicht statt. Abgestimmt wird am Ende trotzdem: gibt es Zweifel, wie die Entscheidung ausfiel?
In Stuttgart steht eine Inszenierung von Ferdinand von Schirachs „Gott“ vom 30. April 2021 an auf dem Spielplan des Alten Schauspielhauses.