Ein jüdischer Arzt und Klinikleiter mit konservativen Zügen, der 1933 von den Nazis verfolgt wird: Szene aus „Professor Mamlock“ mit Gustav Peter Wöhler (rechts) in der Hauptrolle. Foto: Veranstalter/G2 Baraniak Foto:  

Der Schauspieler Gustav Peter Wöhler agiert in der Titelrolle des Dramas „Professor Mamlock“, das in Fellbach zu sehen ist. Im Interview äußert sich der 67-Jährige über seinen jüdischen Ehemann, seine Rollenvorbereitung, sein Faible für Musik jeglicher Art und über sein Outing im Jahr 1978.

Die Premiere erfolgte zwar vor rund 90 Jahren, aber das Stück ist von brennender Aktualität. Und kaum ein Drama könnte besser geeignet sein, die Erinnerung an die antisemitischen Verbrechen in der dunkelsten Phase der deutschen Geschichte wachzuhalten, als „Professor Mamlock“. Eindringlich und ergreifend erzählt das 1933 entstandene Schauspiel von einem angesehenen jüdischen Arzt und Patrioten, der nach der Machtergreifung die Gefahr der Nationalsozialisten unterschätzt. Kurz vor der Aufführung an diesem Donnerstag in der Fellbacher Schwabenlandhalle haben wir mit dem Hauptdarsteller Gustav Peter Wöhler gesprochen.

 

Herr Wöhler, erst mal eine simple Frage: Wer war Professor Mamlock?

Professor Mamlock ist die Titelfigur im gleichnamigen Theaterstück von Friedrich Wolf. Er war, wie auch Wolf selbst, Chirurg und Chef seiner eigenen Klinik in Berlin. Er war Jude und mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet, hatte zwei Kinder. Sein Sohn war ein glühender Kommunist und Kämpfer gegen die Nazis, was ihm sehr missfiel, da er selbst konservativ und Hindenburg-Verehrer war. Die Nazis waren für ihn zu Beginn eher störend und politisch nicht relevant.

Was ist Mamlock für ein Mensch? In seiner Klinik unterbindet er politische Äußerungen gegen den Staat. Dann kommt der große Knall, und er muss die wahre Fratze der Nazis erkennen.

Mir war sein konservativer Zug, seine apolitische Haltung im Beruf und im Privatleben nicht eigen, also ging es darum, diese Seiten in mir zu finden und ans Licht zu bringen. Sein Aufwachen war mir da schon eine Erleichterung und spielerischer Pluspunkt. Mit meinem jüdischen Ehemann und vielen jüdischen Freunden habe ich mich intensiv in Gesprächen und Diskussionen mit der Thematik auseinandergesetzt.

Ein besonderer Fall, aber vermutlich kein einzigartiger – auch andere Juden dürften gedacht haben, so schlimm wird es schon nicht kommen...

Leider ein fataler Gedanke, der das grausame Ende, die Vernichtung von über sechs Millionen Juden, jahrelange Flucht und Vertreibung nicht voraussehen konnte beziehungsweise wollte. 1933 sind die Pessimisten geflüchtet, und die Optimisten sind geblieben.

Friedrich Wolfs Drama stammt aus dem Jahr 1933 – seinerzeit aktuell geschrieben und doch von so großer Weitsicht.

Wolf hat die politische Entwicklung in Nazi- Deutschland präzise vorausgesehen und mit seinem Stück eine Warnung an die Welt geschrieben, wachsam zu sein und zu handeln.

Ein mahnender, warnender Text für die jüngsten rechtsextremen, antisemitischen Entwicklungen in Deutschland?

Ich hoffe sehr, dass unsere Demokratie standhält und nicht, wie in anderen europäischen Ländern bereits geschehen, den Weg für Antisemitismus, Rassismus und Ungleichheit in der Gesellschaft ebnet. Professor Mamlock ist in diesem Sinne ein warnender Text. Wehret den Anfängen!

Wie erleben Sie die Aufführungen?

Die Zuschauer sind sehr konzentriert und aufmerksam, auch in Schulvorstellungen. Hinterher beim Publikumsgespräch gibt es berührende Aussagen und Danksagungen zur Aufführung. Viele Zuschauer ziehen Parallelen zum heutigen politischen Zustand und erkennen, dass Wachheit geboten ist.

Sie haben zahlreiche komische und auch viele tragische Rollen gespielt – ist Professor Mamlock nun die tragischste? Und auch eine, die einen persönlich fordert, die Kräfte raubt?

Jede Figur, die ich spiele, ist eine Herausforderung, egal ob komisch oder tragisch, und Professor Mamlock war da keine Ausnahme und nicht tragischer als „Gloster“ im Lear oder andere Rollen.

Im Februar haben Sie an der Initiative #actout des SZ-Magazins teilgenommen, mit anderen homo- und bisexuellen, queeren Schauspielerinnen und Schauspielern. Wie waren die Reaktionen?

Ich bin seit 1978 geoutet und habe mich seitdem immer aktiv für die Emanzipation von Schwulen, Lesben und queeren Menschen eingesetzt und beteiligt. Meine Teilnahme bei „ActOut“ war eine Solidaritätsbekundung. Die Reaktionen waren gemischt, aber Anfeindungen habe ich nicht erlebt.

Eine Ihrer Leidenschaften ist die Musik: mal in einer Rockband, dann im Musical oder als Händel, dem „Popstar der Barockmusik“.

Mir macht es einfach Spaß, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Die Musik war und ist meine große Leidenschaft, und ich singe für mein Leben gern, und ich reise gern durch alle musikalischen Genres – Pop, Klassik, Jazz, ich möchte mich da nicht festlegen. Mein Herz schlägt je nach Bedarf für Theater, Film und Musik.

Erst „Theater im Gespräch“, dann das Drama

Stück
„Professor Mamlock“ ist neben „Cyankali“ zum Abtreibungsparagrafen 218 das erfolgreichste Schauspiel des von 1928 bis 1933 auch in Stuttgart tätigen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf. Er verfasste das Drama um den jüdischen Arzt 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nazis im Exil in Frankreich. Die deutsche Erstaufführung erfolgte im Dezember 1934 am Zürcher Schauspielhaus.

Darsteller
In der Hauptrolle der in Fellbach zu sehenden aktuellen Inszenierung glänzt der Schauspieler Gustav Peter Wöhler. Der 67-jährige gebürtige Bielefelder stand beispielsweise am Schauspielhaus Bochum und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg auf der Bühne und ist bekannt durch zahlreiche Haupt- und Nebenrollen in deutschen Kinoproduktionen und Fernsehfilmen.

Aufführung
Auf Einladung des Fellbacher Kulturamts gastiert das Hamburger Sprechwerk mit „Professor Mamlock“ an diesem Donnerstag, 18. Januar, um 20  Uhr in der Schwabenlandhalle. Eine Einführung hält in der Reihe „Theater im Gespräch“ Prof. Dr. Anat Feinberg von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg am Abend der Aufführung um 19 Uhr in der Schwabenlandhalle.