Adel Mer Dinly (links) und Issam Abdul-Karim beim Technik-Check im Studio. Foto: Eva Funke

Das „Radio Good morning Deutschland“ geht am Freitag im Internet wieder auf Sendung.

Stuttgart - Nach wochenlanger Pause ist sie an diesem Freitag wieder zu hören: die Stimme der Flüchtlinge aus dem Containerdorf am Killesberg. „Radio Good morning Deutschland“ geht im Live-stream im Internet auf Sendung. „Wir wollen mit dem Projekt geflüchteten Menschen eine Plattform geben, um über sich, ihre Interessen und Vorstellungen zu sprechen, damit die Zuhörer sie und ihre Kultur besser kennenlernen“, sagt Issam Abdul-Karim, der die Leitung des Projekts übernommen hat. Umgekehrt sollen die Flüchtlinge mehr über Deutschland und Stuttgart erfahren. Auf der Gästeliste des Senders stehen deshalb unter anderem auch Stadtpolitiker, Künstler und die deutschen Nachbarn der Flüchtlingsunterkunft.

Aufnahmestudio mit Technik vom SWR eingerichtet

Als eines der ersten Gespräche steht ein Interview mit dem Sänger Jürgen Drews auf dem Programm. Auch dessen Schlager werden im Programm gespielt. Abdul-Karim: „Die gehören zu Deutschland wie auch die Volksmusik. Deshalb wird beides neben arabischer Musik zu hören sein.“ Übersetzt werden die Wortbeiträge ins Deutsche, Englische, Arabische und in Farsi, das in Afghanistan gesprochen wird.

Der Senderaum mitten im Containerdorf ist perfekt für den Neustart ausgestattet. Das Equipment – Mikrofone, Mischpult, Kopfhörer – hat der SWR kostenlos zur Verfügung gestellt. Zusammen mit dem 19-jährigen Adel Mer Dinly aus Aleppo in Syrien prüft Abdul-Karim die Technik. „Eventuell müssen wir das eine oder andere Gerät ersetzen, weil es nicht mehr ganz hundertprozentig funktioniert. Aber für den Anfang kommen wir klar“, sagt er. Den jungen Syrer würde er gern dazu bewegen, seine Geschichte im Radio zu erzählen: Vor einem Jahr ist er im überfüllten Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland geflüchtet. Seine Eltern sind noch in Syrien. Obwohl er Deutsch spricht hat er ein großes Problem: „Ich hätte gern Kontakt zu deutschen Jugendlichen. Aber das klappt nicht“, sagt Mer Dinly. Mit von der Partie will bei der ersten Sendung Nada Ibrahim aus Damaskus in Syrien sein. Die 33-jährige ist ebenfalls im Schlauchboot in Griechenland angekommen. Der erste Versuch überzusetzen, endete mit Schiffbruch. „Unser Boot mit über 50 Menschen ist im Sturm gekentert. Zum Glück wurden wir alle von der türkischen Küstenwache gerettet“, sagt sie. Im Radio möchte die Köchin gern ihre Lieblingsrezepte aus der Heimat verraten und über ihr Leben dort erzählen.

Perfektion ist nicht das Ziel

Eine perfekte Sendung, warnt Issam Abdul-Karim, dürften die Zuhörer nicht erwarten. „Wir sind Laien, und außerdem ist die Tür zum Studio immer offen.“ Eine offene Tür: Das bedeutet, jemand kommt rein und bringt den Radiomachern mitten in der Aufnahme Tee und Kuchen oder Kinder platzen rein und erzählen, was sie so am Tag erlebt haben.

Die Idee für den Sender stammt von dem Komponisten Hannes Seidel. Er hat auch das Preisgeld, das er bei einem Wettbewerb erhielt, in das Projekt gesteckt. Außer in Stuttgart gibt es das „Radio Good morning Deutschland“ mit jeweils eigenem Programm auch in Frankfurt und in Donaueschingen. Der Titel ist eine Anspielung auf den Spielfilm „Good morning Vietnam“, in dem ein Radiomoderator des US-Militärsenders AFN in Saigon die amerikanischen Soldaten während des Vietnamkriegs bei Laune zu halten versucht.

Das Radioprojekt im Containerdorf kostet pro Jahr rund 12 000 Euro. 1500 Euro sind bisher über Spenden zusammen gekommen. Abdul-Karim hofft, dass das Projekt ähnlich wie die Flüchtlingszeitung „Red“, die ebenfalls im Containerdorf am Killesberg gemacht wird, von der Stadt unterstützt wird.

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