400. Montagsdemo in Stuttgart Die Hoffnung auf den S21-Ausstieg lebt

Von Tilman Baur 

Am Montagabend kamen mehr als 1000 Menschen zur 400. Demonstration gegen das Bahnprojekt S 21. Die meisten von ihnen waren Gegner der ersten Stunde.

Stuttgart - Schon 20 Minuten bevor der erste Redner der 400. Montagsdemo die Bühne betritt, steht Alexander Kreiter auf der Schillerstraße vor dem Hauptbahnhof. Er ist ein Veteran der Veranstaltung, das ist leicht zu erkennen: Auf seiner Mütze prangen unzählige Buttons und Sticker verschiedener Organisationen, auf seinem knöchellangen Parka hat er sich die neueste Ansteckplakette geheftet. Gegen den geplanten Tiefbahnhof ist er von Anfang an auf die Straße gegangen. „Das ist sicher das 350. Mal heute“, so Kreiter.

Am Montag ist er einer von mehr als 1000 Menschen, die sich vor dem Hauptbahnhof versammelt haben, also dreimal so viel wie gewöhnlich. „Ich bin schon seit 1994 sensibel, was den Bahnhof angeht“, sagt der 60-jährige. Die Geschichte des Großprojekts habe seine Bedenken über die Jahre bestätigt. „S 21 bringt einfach keinen Vorteil gegenüber dem heutigen Bahnhof, ein Umstieg ist viel sinnvoller“, so der gebürtige Stuttgarter. Die Fakten lägen auf dem Tisch, sie sprächen gegen das Projekt.

Zehn Fakten zu Stuttgart 21 sehen Sie in unserem Video:

Ähnlich sieht es Nancy Frey, die Kreiters Ausführungen zugehört hat. Auch Frey ist gebürtige Stuttgarterin. Warum sie heute dabei ist? „Die Stadt und das Leben in ihr werden zerstört“, so die Frau Mitte 50. „Außerdem leidet der ÖPNV maximal unter dem Projekt – gerade das wollte man ja eigentlich verhindern“, so Frey. Ein Umstieg sei effizienter und billiger. Noch hegt sie Hoffnung, dass die Politik einlenkt. „Ich frage mich schon, was eigentlich noch passieren muss, um das Ganze zu stoppen.“

Das fragt sich auch Wolfgang Weber. Der 66-jährige hält einen Besenstiel in der Hand, auf dem ein Transparent angebracht ist: „Heidelberg grüßt Stuttgart“ ist da zu lesen. Weber ist mit 14 anderen aus Heidelberg angereist. „Wir sind seit 2010 dabei, fahren fast jeden Montag her“, sagt er, denn „hier werden die Mittel verbrannt, die uns fehlen“, so Weber.

Etwas abseits der Masse steht Rebecca Ernst. Die 20-jährige hat sich an diesem kalten Abend mehrere Wollschichten übergeworfen und schaut Richtung Bühne. Die angehende Physiotherapeutin hat genau zwei Montagsdemos besucht: Die allererste im Jahr 2009 und die 400. heute Abend. Zum Teil sei sie aus Neugier gekommen, zum Teil aber auch als Demonstrantin, sagt sie. „Es wird einfach viel Geld in das Projekt gesteckt, das man auch anders investieren könnte, in Bildung zum Beispiel“, sagt sie. Die Wirkung der Montagsdemos kommentiert sie nüchtern: „Ich glaube nicht, dass das Projekt gestoppt wird.“

Zorn und Wut über Kostensteigerungen

Die Organisatoren der Montagsdemo sehen das anders. Das Projekt werde ganz sicher nie zu Ende gebaut, sagt Angelika Linckh, Parkschützerin und Moderatorin der Demo, bei einem kurz vor Beginn anberaumten Pressegespräch. Die politische Kaste klammere sich an das Großprojekt, statt Mut zu beweisen und auszusteigen.

Genugtuung über die jüngsten Meldungen über Kostensteigerung empfinde sie nicht. „Wir freuen uns nicht, sondern sind zornig und wütend und warten darauf, dass das Projekt endlich gestoppt wird“, sagt Linckh. Der Journalist Winfried Wolf, einer der Hauptredner am Montag, bezeichnet das Projekt als Irrtum, dessen Versprechen wie beispielsweise Kapazitätserweiterungen oder verkürzte Fahrzeiten längst widerlegt seien.

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