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Andrey Bykov ist gläubiger Christ, Diplomaten-Sohn und will nun Karriere bei EnBW machen.

Im Herbst vergangenen Jahres ging es bei Deutschlands drittgrößtem Energieversorger EnBW drunter und drüber. Die Karlsruher steckten tief in den roten Zahlen, zwei Atommeiler waren abgeschaltet, die Stimmung in der Belegschaft war auf einen vorläufigen Tiefpunkt gefallen. Und: Die EnBW suchte zu allem Überfluss auch noch einen neuen Chef.

Das war ein elendes Geschäft. Hinter den Kulissen mühten sich Headhunter monatelang, einen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge des gerade geschassten Hans-Peter Villis an der EnBW-Spitze zu finden. Aber wer sollte den Job machen? Bei einem Unternehmen mit einem so ramponierten Ruf?

Das war ein elendes Geschäft. Hinter den Kulissen mühten sich Headhunter monatelang, einen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge des gerade geschassten Hans-Peter Villis an der EnBW-Spitze zu finden. Aber wer sollte den Job machen? Bei einem Unternehmen mit einem so ramponierten Ruf?

Das Projekt gestaltete sich besonders schwer, zumal auch der Aufsichtsrat des Konzerns ziemlich genaue Vorstellungen hatte: „Understatement im Auftritt“ und „Überzeugung durch Sachargumente“ sollte die erste Tugend des Neuen an der EnBW-Spitze sein. „Wir erwarten einen Kandidaten, der im Sinne des Bildes vom ehrbaren Kaufmann seine Rolle nicht für persönliche Karriereambitionen missbraucht“, diktierte das EnBW-Kontrollgremium den Personal-Spürhunden der Beratung Egon Zehnder in den Anforderungsblock. „Anstand, Stil und Diplomatie“, dazu ein „gradliniger Charakter“. Und „schwäbisches Understatement“ – nicht mehr, nicht weniger werde gefordert, so EnBW-Aufsichtsrat-Chef Claus Dieter Hoffmann.

Bykov: „Ich stehe als EnBW-Chef zur Verfügung“

Monate später fand man mit dem Eon-Manager Frank Mastiaux einen Kandidaten, der ins Beuteschema passte. Geht man nach der Selbsteinschätzung eines ehemaligen Geschäftspartners der EnBW, hätten die Headhunter ihre Fühler bis nach Russland ausstrecken müssen, um den idealen Kandidaten zu finden. Zumindest dann, wenn man einem Schreiben des russischen Geschäftsmanns Andrey Bykov an die EnBW- Hauptaktionäre glaubt, das unserer Zeitung vorliegt. Darin bietet sich der langjährige Strippenzieher der EnBW an, selbst den undankbaren Posten an der Konzernspitze zu übernehmen.

„Ich stehe der EnBW in dieser schweren Zeit zur Verfügung“, schreibt Bykov an die Aktionäre. Immerhin, so der Diplomatensohn und gläubige Christ, sei er „einer der seltenen Menschen, für den das Überleben der EnBW auch Lebensziel“ sei. Er sei in „aufrichtiger Sorge“ um die EnBW, schreibt der 50-jährige Präsident der wohltätigen russischen Stiftung Heiliger Nikolaus – der Wundertäter.

„Mag für Sie auch der Gedanke, mich auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden der EnBW einzuladen, für den Moment verblüffend und unrealistisch sein, so sollten Sie trotzdem wissen, dass ich, ungeachtet der immensen Schwierigkeiten, in denen sich das Unternehmen befindet, zu einer solchen Herausforderung bereit wäre“, schreibt Bykov, dem nachgesagt wird, über Jahrzehnte für die deutsche Wirtschaft diskret und zuverlässig als Lobbyist den russischen Energiemarkt bearbeitet zu haben.

Dass aus der in einem 13-seitigen Schreiben verpackten Bewerbung wahrscheinlich doch nichts wird, könnte daran liegen, dass Bykov zwar ein alter Bekannter der EnBW ist, dort aber nicht mehr als wohlgelitten gilt. Der Grund: Der selbst ernannte „Ehrenmann“ streitet sich seit zwei Jahren mit dem Konzern vor mehreren Schiedsgerichten um 120 Millionen Euro. Die EnBW wirft Bykov Vertragsbruch vor und fordert Millionen zurück. Bykov sieht sich als Opfer eines Komplotts und besteht darauf, alle Verträge ordentlich erfüllt zu haben.

Sicherung von Gasfeldern in Russland soll nur zum Schein verfolgt worden sein

Wie es aus seiner Sicht zu dem Zerwürfnis kam, beschreibt er in dem Brief. Demnach habe er nach Jahren der Zusammenarbeit tiefe Einblicke in die Geschäfte des Konzerns gehabt. Zweimal – 2001/2002 und 2008 – habe er der EnBW mit unterschriftsreif ausgearbeiteten Verträgen Zugang zu russischen Erdgasfelder verschaffen wollen. Die Electricité de France (EdF) als damaliger Hauptaktionär habe diese Erfolge aber in letzter Minute „torpediert“, weil sie fürchtete, bei Energielieferungen den Einfluss auf eine dann eigenständigere EnBW zu verlieren – eine Argumentation, die Bykov auch bei der juristischen Auseinandersetzung mit der EnBW vor drei Schiedsgerichten anführt.

Auch der Rest des EnBW-Führungsmannschaft habe das Projekt, sich in Russland Gasfelder zu sichern – etwa durch Verhandlungen mit der russischen Gasfirma Novatek – nicht mehr ernsthaft verfolgt. Vielmehr seien die Namen russischer Firmen gezielt ins Spiel gebracht worden, um Spekulationen über einen Einstieg ausländischer Investoren bei der EnBW anzuheizen und damit die Voraussetzungen für den „Not-Kauf der EnBW-Anteile“ durch das Land Baden-Württemberg im Dezember 2010 zu schaffen.

EnBW weist Vorwürfe Bykovs zurück

Die Verschlechterung des Verhältnisses zwischen ihm und der EnBW sei überraschend gekommen. Noch im August 2010 habe er sich „auf eine lange Zusammenarbeit mit der EnBW“ eingestellt und nicht auf einen „langwierigen Grabenkrieg“. Weil seine „Tätigkeit aber unbequem“ geworden sei, sei eine „Verfolgungsjagd“ auf ihn wegen seines Wissens losgetreten worden. Ein EnBW-Sprecher bezeichnete die Vorwürfe gegenüber unserer Zeitung als „absurd“. Eine juristische Klärung der strittigen Sachverhalte sei „keine Verfolgungsjagd“.

Der gerade erreichte Durchbruch im Gasgeschäft zeige, dass das Thema weiterverfolgt worden sei. Gestern hat die EnBW mitgeteilt, ab Herbst erstmals direkt Gas aus Russland zu beziehen – nach Angaben von Insidern von der Firma Novatek.

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