Dass es mit den Finanzen nicht zum Besten steht, war den meisten Mitarbeitern der Diakonie klar. Foto: dpa

Stuttgarter Mitarbeiter entsetzt: Rücklagen in Höhe von 30 Millionen Euro komplett aufgebraucht.

Stuttgart/Berlin - Der Bundesverband des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland hat seine Rücklagen in Höhe von 30 Millionen Euro aufgebraucht. In einer kurzfristig anberaumten Versammlung wurden die Mitarbeiter des Diakonischen Werks in Stuttgart und Berlin von Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier und seinem fürs Geld zuständigen Kollegen Jörg Kruttschnitt über die wirtschaftliche Situation informiert.

Dass es mit den Finanzen nicht zum Besten steht, war den meisten Mitarbeitern klar. „Als uns jedoch mitgeteilt wurde, dass die gesamten Rücklagen von rund 30 Millionen Euro komplett weg sind, hat uns das alle aber doch fassungslos gemacht“, stellt ein Mitarbeiter der Stuttgarter Dienststelle in der Stafflenbergstraße fest und meint, dass das einer Insolvenz gleichkomme.

Von Insolvenz zu sprechen sei Unsinn, erklärte eine Diakonie-Sprecherin in Berlin auf Anfrage unserer Zeitung. Der Diakonie- Bundesverband könne gar nicht insolvent werden, „da er keine eigenständige Rechtsperson, sondern ein unselbstständiger, abgegrenzter Bereich innerhalb des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland ist“.

Im Oktober sollen auch die Stuttgarter Mitarbeiter nach Berlin ziehen

Die Sprecherin bestätigte jedoch, dass der Jahresetat für 2011 ein Defizit von zwei Millionen Euro aufweist. Der Grund dafür sei, dass trotz permanent steigender Kosten weder Bund noch Kirche ihre Zuschüsse erhöht hätten. Und sie räumte ein, dass auf die Rücklagen von einst 30 Millionen Euro zum Ausgleich des jährlichen Defizits nicht zurückgegriffen werden kann. „Sie sind durch außergewöhnliche Belastungen in den vergangenen zehn Jahren aufgebraucht worden“, stellt sie fest

Als außergewöhnliche Belastungen nennt sie zwingend notwendige Gebäudesanierungen und den Aufbau der Bundesvertretung in Berlin. Kein Wort sagt sie über die Konditionen, zu denen der ehemalige Präsident Klaus Dieter Kottnik und Ex-Finanzvorstand Wolfgang Teske aus dem Amt geschieden sind. Darin und in den Kosten für den Neubau in Berlin, der nach der geplanten Fusion mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) im Oktober bezogen werden soll, sehen Insider ebenfalls Gründe für die finanzielle Misere des Verbands.

Im Oktober sollen auch die Stuttgarter Mitarbeiter des Diakonischen Werks nach Berlin ziehen. Viele haben die Pläne nur zähneknirschend akzeptiert. Laut Diakonie machen den Umzug in die Hauptstadt jedoch fast alle der 259 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter inklusive der Diakonie-Katastrophenhilfe und Brot für die Welt mit, deren Verträge länger als bis zum 30. September dieses Jahres laufen. Nur 39 Angestellte hätten sich gegen den Umzug entschieden und würden in Vorruhestand gehen oder hätten Auflösungsverträge unterschrieben.

Gegen den finanziellen Notstand ansteuern will die Diakonie nach eigenen Angaben durch „Konsolidierungsmaßnahmen“. Dazu gehörten Einsparungen bei den Sach- und Personalkosten. Wie das im Detail aussehen soll, ließ die Diakonie offen. Allerdings böte der Umzug von Stuttgart nach Berlin Gelegenheit zum Sparen. Zum einen würden die hohen Reisekosten für die Pendelei zwischen den beiden Städten wegfallen. Außerdem sollen die durch den Umzug frei werdenden Stellen nicht wieder besetzt werden – mit Ausnahme der offenen Stellen bei Brot für die Welt. Die Sparmaßnahmen sollen sich nur auf den Bereich Diakonie-Bundesverband erstrecken, nicht aber auf die Ökumenische Diakonie mit den Aktionen Brot für die Welt sowie die Katastrophenhilfe. Deren Finanzlage sei aufgrund der „strikten Trennung der Finanzkreisläufe im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland“ sehr solide, versichert die Sprecherin.

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