Einige Sportmomente des Jahres 2023 sind unseren Autoren besonders in Erinnerung geblieben. Sie werfen einen Blick zurück.
Tore Aleksandersen, Jan-Lennard Struff, Kevin Dicklhuber, Darja Varfolomeev und Enzo Millot haben aus Stuttgarter Sicht das Sportjahr 2023 entscheidend geprägt.
Aleksandersens letzte große Reise
Jochen Klingovsky war dabei, als der krebskranke Tore Aleksandersen die Stuttgarter Volleyballerinnen zum Titel geführt hat.
Wer schon mal Mannschaftssport getrieben hat, kann beurteilen, was verloren geht, wenn der Trainer fehlt: Autorität, Führungskraft, Inspiration, Wissen. Der Kopf. Der Taktgeber. Der Motivator. Der Chef. Umso höher ist zu bewerten, was die Stuttgarter Volleyballerinnen geleistet haben.
In den letzten Wochen der Saison, als es wirklich zählt, muss das beste Team der Bundesliga immer öfter auf Tore Aleksandersen verzichten. Der vom Krebs gezeichnete Coach hat nicht mehr genügend Kraft für Trainingseinheiten, fährt nicht mehr mit zu Auswärtsspielen. Seine Mannschaft schlägt sich trotzdem durch, bis in die Play-off-Serie um die Meisterschaft. Und bis zu einer letzten gemeinsamen Reise, die niemand jemals vergessen wird, der dabei gewesen ist.
Am 13. Mai steht das vierte Duell beim SC Potsdam an. Tore Aleksandersen sammelt alle Energie, die ihm geblieben ist. Er begleitet das Team, zeigt seine mentale Stärke, setzt damit ein Zeichen. Als der Coach die Arena in Potsdam betritt, spüren seine Volleyballerinnen, dass sie an diesem Tag nicht zu schlagen sein werden. Während der Partie sitzt Tore Aleksandersen hinter der Bande, doch in jeder Satzpause geht er langsamen Schrittes zu seiner Mannschaft, gibt Anweisungen, lobt, treibt an. Alle, die ihn dabei beobachten, wissen: Es sind Bilder für die Ewigkeit.
Am Ende holt Allianz MTV Stuttgart durch einen 3:1-Sieg erneut die Meisterschale, der Jubel ist grenzenlos. Auch Tore Aleksandersen feiert den Titel, allerdings nur in der Halle. Später, im Hotel und natürlich auch beim Ausflug ins Berliner Nachtleben, fehlt er. Der Akku des Mannes, der alles für sein Team gegeben hat, ist leer. Und er lädt sich auch nie mehr auf. Am 6. Dezember verliert Tore Aleksandersen den Kampf gegen den Krebs. Der erfolgreiche Frühlingstag in Potsdam wird für immer untrennbar mit seinem Namen verbunden bleiben.
Struffs Tennis-Märchen auf dem Weissenhof
Gregor Preiß erlebte im Juni eine Tennis-Woche wie lange nicht.
Als deutscher Tennis-Fan hat man es nicht leicht. Wir wollen jetzt nicht schon wieder von Boris Becker und Steffi Graf anfangen. Allerdings war das, was die nationale Tennis-Elite in den vergangenen Jahren zum Besten gegeben hat, mit wenigen Ausnahmen (Angelique Kerber, Alexander Zverev) so schwungvoll wie ein nasser Tennisball.
Weshalb es auch im Vorfeld der Boss Open in Stuttgart zur immer gleichen Diskussion kam: Was ist mit dem deutschen Tennis los? Das Überstehen der ersten Runde wurde schon als Erfolg gewertet.
Doch dann kam Struff.
Jan-Lennard Struff aus Warstein, Rufname Struffi, spielt sich über den Dächern Stuttgarts in einen Rausch. Der 33-Jährige übersteht die ersten Runden und erweckt spätestens ab dem Viertelfinale eine selten erlebte (deutsche) Tennis-Begeisterung auf dem Weissenhof. Wenn der Hüne mit der herumgedrehten Käppi aufschlägt, wird der Centre Court zum Tollhaus. Auf den Tribünen herrscht eine Stimmung wie weiland beim Daviscup, die Fans inklusive Boris Becker machen La Ola und schreien ihre Freude über das Dargebotene hinaus. Mit dem Endspiel als Krönung einer famosen Festwoche.
Im besten und dramatischsten Finale, welches das Traditionsturnier seit langem gesehen hat, muss sich der Fanliebling dem US-Amerikaner Francis Tiafoe mit 6:4, 6:7, 6:7 geschlagen geben – der hinterher von einem „surrealen Match“ spricht.
Eine schöne Geschichte ohne happy Fortsetzung: Zunächst als Mitfavorit für Wimbledon gehandelt, verletzt sich Struff – und fällt lange aus.
Ende des Horrortrips der Stuttgarter Kickers
Jürgen Frey erlebt nach vielen Abstiegen mal wieder einen Aufstieg der Stuttgarter Kickers mit.
Im Stadion an der Kreuzeiche läuft am 6. Mai die 20. Minute, als für alle, die es mit den Stuttgarter Kickers halten, das Geschehen auf dem Rasen plötzlich uninteressant wird. Die 3000 mitgereisten Fans jubeln, die Verantwortlichen liegen sich auf der Tribüne in den Armen und auf der Bank der Blauen klatscht man sich freudetrunken ab. Gerade war die Kunde vom 1:3 der SG Sonnenhof Großaspach beim FC 08 Villingen bekannt geworden. Die Partie hatte bereits um 14 Uhr begonnen. Nun ist es komplett egal, wie die um 15.30 Uhr angepfiffene Partie der Blauen beim SSV Reutlingen ausgehen wird. Die Kickers stehen durch die Niederlage des Verfolgers definitiv als Regionalliga-Aufsteiger fest. Ein Moment zum Genießen. Alle feiern. Das Team um Kapitän Kevin Dicklhuber muss weiter kicken. Der Spannungsabfall ist unverkennbar, das 0:0 am Ende die logische Konsequenz.
Nach dem Abpfiff darf endlich auch die Mannschaft ihren Gefühlen freien Lauf lassen, sie zeigt sich gemeinsam mit den Fans konditionsstark bis in die frühen Morgenstunden. Es herrscht vielleicht nicht die totale Ekstase, dafür ist der Aufstieg zu absehbar näher gerückt. „Ich bin eher der stille Genießer, schließlich haben wir nicht die Champions League gewonnen“, sagt Präsident Rainer Lorz. Doch seine Augen verraten seinen wirklichen Gemütszustand. Sie leuchten vor Freude und glückseliger Zufriedenheit. Denn dieser Aufstieg bedeutet für ihn und jeden, der die blaue Fahne der Hoffnung nie eingerollt hat, das Ende einer langen Leidenszeit mit einer Serie an Tiefschlägen. Fünf Jahre dauerte der Horrortrip in der Oberliga. Geendet hat er mit der 20. Spielminute in Reutlingen.
Gold im Plüschbeutel
Dirk Preiß zeigt sich beeindruckt von einer Begegnung mit Darja Varfolomeev.
Man weiß vor dem ersten Treffen ja selten, wer sich hinter einem Namen verbirgt. Welcher Mensch hinter sportlichen Erfolgen. Die Neugier also ist groß auf die junge Frau, die erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen ist – als Zwölfjährige. Die in einer Sportart erfolgreich ist, der man in Deutschland zuletzt nicht mehr viel Perspektive zugeschrieben hat. Die in Fellbach-Schmiden nicht nur an ihrer Sportkarriere feilt, sondern trotz der vermeintlichen Sprachbarriere auch an ihrem Schulabschluss.
Dann also der Besuch am Bundesleistungszentrum für Rhythmische Sportgymnastik (RSG). Unsicherheit? Schüchternheit? Probleme, sich auf Deutsch auszudrücken? Iwo! Noch nicht einmal 17 ist Darja Varfolomeev, als sie von ihrem ungewöhnlichen Weg aus Russland nach Deutschland erzählt, von ihrem deutschen Großvater, von den Erfolgen und von ihren Zielen – erst will sie bei der WM im August 2023 in Valencia glänzen, dann 2024 in Paris olympische Medaillen gewinnen. Aber sie sagt das so klar, wortgewandt und selbstsicher, wie man es dieser zierlichen Erscheinung kaum zugetraut hätte. Aufrecht und mit festem Blick sitzt sie dabei im Besprechungsraum des RSG-Zentrums.
In den kehrt Darja Varfolomeev einige Tage später zurück – mit fünf Goldmedaillen, die sie in Valencia gewonnen hat und die in einem kleinen Plüschbeutel verstaut sind. Fünf Titel bei der RSG-WM, das gab es für Deutschland noch nie. Und was macht Darja Varfolomeev? Dankt ihren Teamkolleginnen und spricht wenig später im Sportausschuss des Bundestags vor. Beim nächsten beeindruckenden Moment ihrer jungen Karriere.
Rettung in der Relegation
David Scheu war dabei, als der VfB Stuttgart den Grundstein für den aktuellen Höhenflug legte.
Es ist eine wacklige Angelegenheit in Hamburg. 0:1 liegt der VfB Stuttgart zurück im Rückspiel der Relegation, in der es um nichts weniger geht als die Zugehörigkeit zur Fußball-Bundesliga. Noch hält das Polster aus dem 3:0-Hinspielsieg, aber der HSV drückt im ausverkauften Volkspark. In einer elektrisierenden Atmosphäre, angetrieben von einem euphorisierten Publikum. Bis zur 48. Minute, in der eine Aktion die Statik der Partie grundlegend ändert: VfB-Kapitän Wataru Endo schickt nach einem Ballgewinn Torjäger Serhou Guirassy in die Tiefe, der legt direkt quer auf Enzo Millot, der die Nerven behält und zum Ausgleich trifft – zwar so knapp wie nur irgendwie möglich am Hamburger Torhüter Daniel Heuer Fernandes vorbei, aber letztlich erfolgreich: Das Netz zappelt.
Die Wirkung und Bedeutung des Tores sind für jede und jeden unter den 57 000 Zuschauern augenblicklich zu greifen. Aus dem rot gefärbten Auswärtsblock hallen schlagartig Jubelschreie durch die Arena, in der sich auf allen anderen Plätzen konsterniertes Schweigen breitmacht. Das Tor bricht die Moral der Gastgeber, am Ende gewinnen die Stuttgarter mit 3:1 und sichern sich die sportlich wie wirtschaftlich eminent wichtige Erstklassigkeit. Der Sieg im hohen Norden krönt die Aufholjagd unter dem neuen Trainer Sebastian Hoeneß, der die Mannschaft erst neun Wochen zuvor auf dem letzten Tabellenplatz übernommen hatte.
Im gesamten Verein ist die Erleichterung anschließend riesengroß: Es bleibt beim Blick in den Abgrund, hinuntergefallen ist der VfB nicht. Mittlerweile wirkt dieses Szenario ob des dritten Tabellenplatzes in der Bundesliga meilenweit entfernt, die Fans träumen längst vom internationalen Wettbewerb in der kommenden Saison. Der Juni-Abend in Hamburg aber bleibt eine entscheidende Weggabelung – ohne die es den derzeitigen Höhenflug nicht gegeben hätte.