Das Atomkraftwerk im badischen Obrigheim war das erste in Westdeutschland. Jetzt ist es Vorreiter für den Rückbau. Der läuft dort schon seit 15 Jahren.
Genau genommen sieht man noch gar nichts. Dabei läuft der Rückbau im Kernkraftwerk Obrigheim (KWO) schon seit Ende 2007. Doch die Betonkuppel, unter der bis 2005 der Druckwasserreaktor bollerte, steht unberührt auf dem Gelände, umringt von Betongebäuden im Schick der 1960er Jahre. Was fehlt, ist ein Kühlturm mit Dampfwolke, die wie in Neckarwestheim den Betrieb anzeigt. So etwas hat es hier bauartbedingt nie gegeben. Das Kühlwasser floss direkt zurück in den Neckar.
Ein paar Autos stehen auf dem Parkplatz vor dem Zaun. Rund 150 Mitbürger arbeiteten immer noch beim einstmalig größten Arbeitgeber, unter anderem im Werkschutz, sagt der Bürgermeister Achim Walter. Hinzu kämen noch einmal so viele Spezialisten, die vorübergehend dort seien, je nachdem welche Arbeiten gerade anstünden.
Reich geworden – und jetzt?
Die Brennelemente sind längst entfernt. 2017 wurden sie per Schiff nach Neckarwestheim transportiert. Der überstürzte zweite Atomausstieg hatte dort zu freien Kapazitäten im Standortzwischenlager geführt. Walter ist nicht unglücklich darüber. Den hoch radioaktiven Müll hat er von der Backe. „Ich werde es nicht erleben, dass wir in Deutschland ein Endlager haben. Da kann ich so alt werden, wie ich will“, sagt der 53-Jährige.
Das Obrigheimer Rathaus ist ein kräftiger Bau von Anfang der 1970er Jahre. Der Energieversorger EnBW hat den Ort im strukturschwachen Neckar-Odenwald-Kreis reich gemacht. Zur alljährlichen Revision waren alle Hotelbetten belegt. Gegenüber dem Rathaus ist auf dem Gasthausareal Zum Wilden Mann eine große Ladenzeile mit Hotel entstanden. Ursprünglich sollte sie die Hauptstraße hinauf verlängert werden.
Grüne gibt es nicht
Der Ort hat eine große Gemeinschaftsschule und eine Realschule. Die ist frisch saniert. In der Neckarhalle nebenan kämpfen die Gewichtheber von Germania Obrigheim um Bundesligapunkte. In etlichen Vorgärten wehen badische Flaggen. Doch anders als im südbadischen Wyhl, wo der bundesdeutsche Antiatomprotest seinen ersten Erfolg errang, gab es in Obrigheim keine zwei Meinungen.
„Wir hatten nie Grüne im Gemeinderat“, sagt Walter. Er selbst ist bei der FDP. Neulich hatte er im Rathaus einen Stromausfall – „da ging nichts mehr“. Zwei oder drei Atomkraftwerke hätte er persönlich deshalb länger laufen lassen. „Die Entscheidung hätte aber vor einem Jahr fallen müssen.“ In Obrigheim ist es sowieso für ein Zurück zu spät. Der 135 Tonnen schwere Reaktordruckbehälter wurde in zwölf Teile zerlegt. „In zwei Jahren fallen wir aus dem Atomrecht.“ Dann bleibt noch ein Zwischenlager für schwach und mittel radioaktiven Müll am Standort, bis er in Schacht Konrad, dem Endlager für solche Abfälle, seine ewige Ruhe findet.
Absturz auf den letzten Platz
Geht dann in Obrigheim das Licht aus? Bei der Steuerkraft ist die Gemeinde im Kreis auf den letzten Platz zurückgefallen. Doch das ist nur eine Momentaufnahme, bedingt durch Gewerbesteuerrückzahlungen und die Abhängigkeit von einem Unternehmen. Schon bald dürfte man wieder ganz oben stehen. „Die Kollegen bedauern mich nicht so arg“, räumt Walter ein.
30 Millionen hat er in der Rücklage. Ein neues interkommunales Gewerbegebiet hat aufstrebende Firmen angezogen. Auch das einstige Kraftwerksgelände soll nach dem Abriss weiter genutzt werden – am liebsten zusammen mit der EnBW. „Es gibt viele Ideen.“ Konkretisieren will Walter sie noch nicht. Aber es wird Energie erzeugt, in einer Biomasseanlage. Sechs Megawatt beträgt ihre Leistung. Das KWO schaffte 357.
Klimaschutz oder Gefahr
Betrieb
Obrigheim ist das erste Atomkraftwerk in Westdeutschland und ging 1968 ans Netz. Es war in dreieinhalbjähriger Bauzeit entstanden und erzeugte in 37 Betriebsjahren mit einer Leistung von zuletzt 357 Megawatt insgesamt 90 Milliarden Kilowattstunden Strom. Laut EnBW habe dies der Umwelt 88 Millionen Tonnen CO2 erspart.
Probleme
Bis zum Jahr 2005 wurden in Obrigheim 268 meldepflichtige Ereignisse gezählt. So gab es in den Anfangsjahren Probleme mit einer erhöhten Radioaktivitätsabgabe über Luft und Wasser. Der Rückbau sollte zunächst 600 Millionen Euro kosten und 2020 abgeschlossen sein. Inzwischen rechnet man mit dem Abriss 2025.