Joanne K. Rowlings Buch „Ein plötzlicher Todesfall“ ist am Donnerstag zeitgleich in den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und Deutschland erschienen. Foto: dpa-Zentralbild

Es geht auch ohne Magie. „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling überzeugt in ihrem Roman „Ein plötzlicher Todesfall“, in dem sie psychologisch präzise die Vorgänge in der Kleinstadt Pagford schildert.

Wenn ein Mann mit Anfang 40 in einer Kleinstadt wie Pagford unerwartet stirbt, dann trauert die Familie und die Einwohnerschaft versammelt sich zum Kondolieren auf seiner Beerdigung. Ob man ihn wirklich gut kannte, mochte oder eigentlich so gut wie nie gesehen hat, äußert man dann lieber zu Hause in den eigenen vier Wänden. In ihrem Roman „Ein plötzlicher Todesfall“ reißt Joanne K. Rowling den Wänden der Kleinstadtbewohner die Dächer vom Kopf und verfolgt mikroskopisch genau das Treiben in Pagford nach dem Ableben eines Nachbarn.

Beim Toten handelt es sich um Barry Fairbrother, der unter anderem im Gemeinderat und Trainer des Ruderteams war – weshalb für jeden im Ort sein Tod eine andere Bedeutung hat. Für die arme Krystal ist es der Verlust des Trainers und der einzigen Anlaufstelle für Probleme, für Howard Mollison in erster Linie ein vakanter Platz im Gemeinderat. Der englische Titel „The Casual Vacancy“ (Deutsch: Eine zufällig frei gewordene Stelle) ist darum treffender als der deutsche – auch weil die Nöte der verwitweten Ehefrau Mary einen weit geringeren Platz im Roman einnehmen als der Kampf um das Gemeinderatsmandat.

Eindrucksvoll schildert Rowling die verzwickten Beziehungen und einander bedingende Abläufe in einem Ort, in dem jeder jeden kennt. Aus der vakanten Stelle im Gemeinderat flicht sie spannende Handlungsstränge, um sie zu einem ergreifenden Sozialdrama zu verbinden.

In ihrem ersten Roman für Erwachsene – Harry Potter ist in erster Linie eben doch Kinder- und Jugendliteratur – verzichtet sie, zum Glück, auf seitenlange Beschreibungen von Nebensächlichkeiten (wie damals die Beschaffenheit von Hexenmänteln und Zauberstäben). Sie fokussiert sich vor allem auf die Gedanken und Überlegungen der vielen Gesichter Pagfords.

Präzise erfasst sie, was dem Kleinbürger beim Blick aus dem Fenster durch den Kopf geht, wenn er Bekannte mit einer Unbekannten sieht und beginnt, Hirngespinste seines Kleinbürgerhirns in der Gerüchteküche aufzuwärmen.

Beachtlich, wie sie selbst die angeblich unabhängig vom Nachbarn getroffenen Entscheidungen im Kern prüft und die selbst eingeredete Abhängigkeit der Pagforder von ihrem Ruf und Beruf aufzeigt.

Auch Mobbing, Gewalt und Drogensüchtige haben ihren Platz in Pagford

Klar, dass die Stimmbänder am Telefonhörer heiß laufen, wenn in so einem Ort der ­Sensenmann unvorhersehbar zuschlägt – „das alles war ungeheuer aufregend“ für Howards Frau Shirley, die übrigens großer Fan der Queen ist. Nur Stuart, Spitzname Fats, der Adoptivsohn des stellvertretenden Gesamtschulleiters Colin Walls, hält nichts vom spießigen Kleinstadtleben und trägt mit seinem Zynismus und aus Wut auf die prügelnden Väter maßgeblich zur Katastrophe bei.

Doch auch Mobbing, Gewalt und Drogensüchtige haben ihren Platz in Pagford. Die Jugendliche Sukhvinder schneidet sich mit Rasierklingen in die Unterarme, Vater Simon schlägt sämtliche Familienmit­glieder, die Mutter von Krystal und ihrem dreijährigen Bruder spritzt sich regelmäßig ­Heroin.

Dennoch besteht „Ein plötzlicher Todesfall“ nicht aus Haupt- und Nebenhandlung. Vielmehr ist alles, was in den Häusern und auf den Straßen vor sich geht, auf eigene Weise spannend und lässt keine Langeweile aufkommen. Mit der Zeit macht Rowling den Leser zum stummen, beobachtenden Bewohner Pagfords. Dass sie diesmal kein Buch für Möchtegern-Zauberschüler, sondern für Erwachsene geschrieben hat, machen allerdings nicht nur diese Themen deutlich. Auch die Sprache der Figuren, nicht nur die der Jugendlichen, ist nichts für junge Ohren. Der Ausdruck „Scheiße“ fällt so gut wie in allen Haushalten Pagfords, die Wortwahl hätte man der „Harry Potter“-Autorin so nicht zugetraut.

Sie kann eben auch anders. Ob man nun wegen der Geschichten um Harry, Hagrid und Hogwarts schon vorher Fan von Joanne K. Rowling war oder nicht – man muss anerkennen, dass sie nicht nur Kinder- und Jugendromane schreiben kann, sondern darüber hinaus eine Erzählerin mit außergewöhnlicher Beobachtungsgabe ist. Sie erinnert Dorf- und Kleinstadtbewohner daran, wie schwierig Menschen sein können, die nur Gemeinderat, Gerüchteküche und Gartenpflege im Kopf haben. Allen anderen macht sie bewusst, wie schön die Anonymität der Großstadt sein kann. Rowlings Roman ist auf eine ganz andere Art und Weise nicht weniger magisch als ihre bisherigen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: