Ronny Ziesmer startet in Berlin im Rennrollstuhl. Foto: Baumann

Bis zu einem Unfall war Ronny Ziesmer ein erfolgreicher Athlet mit Olympia-Chancen. Jetzt startet er unter anderem im Rennrollstuhl bei der Para-EM in Berlin.

Berlin - Ronny Ziesmer hat diesen einen großen Traum. Seit mehr als zehn Jahren treibt ihn dieser an. „Es ist mein Ziel, einmal zu den Paralympics zu kommen“, sagt Ziesmer. Einst hatte er andere, aber sehr vergleichbare Pläne, für die er jahrelang hart trainierte. Mehr als 18 Jahre ist Ronny Ziesmer Kunstturner. 2003 wurde er Deutscher Meister im Mehrkampf, für die Olympischen Spiele 2004 in Athen machte er sich Hoffnungen auf eine Medaille. Und dann: Ein schwerer und verhängnisvoller Trainingsunfall. Nach einem Doppelsalto schlug er mit dem Kopf auf den Boden und brach sich die Halswirbelsäule zwischen dem fünften und sechsten Wirbel. Eine schwere Form der Querschnittslähmung.

Bei der Para Leichtathletik-Europameisterschaft, die diesen Dienstag in Berlin beginnt, ist der 39-Jährige aus Cottbus jetzt einer der bekanntesten Teilnehmer. Für ihn ist es seine Premiere bei einem großen internationalen Wettkampf in der Para-Leichtathletik. „14 Jahre nach meinem Unfall ist das ein Schritt in Richtung meines großen Ziels“, sagt Ziesmer. Konkret heißt das: Die Teilnahme an den Paralympics 2020 in Tokio. „Die Vorfreude ist schon groß“, sagt er mit Blick auf die Heim-EM: „Die Aufregung wird unmittelbar vor dem Wettkampf kommen. Aber man darf sich da nicht zu sehr reinsteigern.“ Er nimmt am Keulenwurf teil und startet im Rennrollstuhl über 100 und 200 Meter.

Ziesmer rechnet mit wenig Chancen im Rennrollstuhl

Über Monate war Ziesmer nach seinem Unfall in den Medien, er erhielt Solidarität und Spenden, aber auch Mitleid und Bevormundung. Er sträubte sich gegen Begriffe wie „Schicksalsschlag“, wollte nicht an den „Rollstuhl gefesselt“ sein. Es wurde vieles anders, das gibt er zu, es blieb aber auch einiges gleich. Ziesmer konnte Restnerven reaktivieren, trotz der starken Schädigung seines Rückenmarks. Die Ärzte sahen Ursachen dafür auch in seiner Zeit als Leistungssportler und in seiner Willensstärke. „Als Turner ging es nie nur um körperliche Anstrengung“, sagt Ziesmer. „Ich musste immer auch meinen Kopf anstrengen. So ist es auch jetzt noch.“

In den Läufen im Rennrollstuhl am Dienstag und Freitag rechnet sich Ziesmer wenig Chancen aus. „Ich fahre hinten mit. Ich bin in meiner Klasse ganz unten angesiedelt. Die werden mir davonfahren“, sagt Ziesmer. Deutlich optimistischer ist er mit Blick auf den Keulenwurf am Mittwoch. Erst seit einem Jahr trainiert Ziesmer den Wurf. 10 000 Würfe benötigt man, so heißt es, um alle Feinheiten für die internationale Klasse zu verinnerlichen. Ziesmer ist bei etwa 6000. „Mit der eingeschränkten Sensorik und Motorik brauche ich vielleicht 20 000. Man muss sich das über die Jahre erarbeiten“, sagt Ziesmer. Doch Fortschritte sind schon jetzt zu erkennen. Bundestrainer Willi Gernemann: „In Hinblick auf Tokio hat er im Keulenwurf ganz gute Möglichkeiten.“

Der Athlet trainiert zweimal täglich

Schon wenige Monate nach seinem Unfall widmete sich Ronny Ziesmer wieder dem Sport. Er machte täglich Gymnastik, um die letzten verbliebenen Reflexe in seinen Armen zu erhalten. Er las Bücher, wollte seinen Körper besser verstehen. Es ging nicht mehr darum, spektakulär über die Turnmatte zu wirbeln. Es ging darum, wieder einzelne Muskeln zu aktivieren.

Der Athlet überlegte, in welchem Leistungssport er sich wohl fühlen könnte und entschied sich fürs Handbike. Doch wegen seiner schweren Behinderung hätte er es in seiner Startklasse auch nach Jahren des Trainings wohl nicht zu den Paralympics geschafft. Ziesmer wechselte deshalb auf den Rennrollstuhl. Als Turner wusste er, wie er seine Konzentration fokussieren konnte und wann es Zeit für eine Pause war. Da er als Tetraplegiker nicht mehr schwitzt, muss er besonders auf seinen Wärmehaushalt achten. Wenn es auf der Bahn zur Sache geht, findet er das schön: „Es ist immer wieder toll, die Umwelt vorbei rasen zu sehen.“

Sein Ehrgeiz ist groß, seine Motivation ebenfalls. Zweimal täglich trainiert Ziesmer für seinen Traum, „das ist Leistungssport, wie ich ihn von früher kenne. Der Aufwand ist mindestens genauso groß.“ Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), schwärmt auch deshalb von Ziesmer. Bei diesem habe der „Ur-Leistungssportler durchgeschlagen. Ronny gibt vielen Sportverletzten ein tolles Beispiel.“ Ronny Ziesmer bewegt sich längst auf neuen Wegen.

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