Hat die Pauluskirche in Stuttgart-West noch eine Zukunft? In einer ersten öffentlichen Debatte werden die tiefen Risse zwischen der Gesamtkirche und der Gemeinde vor Ort überdeutlich.
Gibt die evangelische Gesamtkirche Stuttgart mit der Pauluskirche in Stuttgart-West „erstmals einen lebendigen Kirchenstandort auf“? Die Debatte, bisher eher im Hintergrund geführt, ist in der Öffentlichkeit angekommen. Am Mittwochabend in der Pauluskirche selbst – bei einer Gemeindeversammlung der Kirchengemeinde Stuttgart-West stellte allen voran Stadtdekan Søren Schwesig die Position der Gesamtkirche vor. Julia Keinarth und weitere im neuen Komitee „Paulus hat Zukunft.“ Engagierte warben für einen Neustart der Diskussion über die Pauluskirche.
Was nach mehr als zwei Stunden Vortrags- und Fragerunde blieb? Vor allem Ratlosigkeit. Ende Juni hatte die Gesamtkirche Stuttgart der Kirchengemeinde Stuttgart-West mit ihren Standorten Pauluskirche, Johanneskirche und Paul Gerhardt-Zentrum mitgeteilt, dass man den größten Standort, die Pauluskirche, baulich sichern werde, weitere, dringend notwendige Sanierungsarbeiten aber nicht mehr finanziert würden.
Nur Betonstützen werden saniert
Für 800 000 Euro sollen nun die maroden Betonstahlstützen an der Ostfassade des 1961 eröffneten Kirchenbaus mit Gemeindezentrum und Kindergarten ertüchtigt werden. Klar ist aber: Eigentlich wären weitere 1,5 Millionen Euro notwendig, um das schadhafte Dach sanieren zu können. „Geld, das wir nicht haben“, wie Stadtdekan Schwesig am Mittwoch wiederholt betonte.
Unruhig wird es, als von Seiten der Gesamtkirche der Hinweis kommt, man habe doch in der Kirchengemeinde Stuttgart-West und speziell in der Pauluskirche mit einem Angebot reagieren können, anstatt 2020 in einer Fragerunde den Standort für unverzichtbar zu erklären. „Bitte nicht in diesem Ton“, raunt es durch den Kirchenraum. Tatsächlich gerät der Abend bald in Schieflage. Je mehr Fotos die vielfältige Lebendigkeit im Gemeindeleben zeigen, desto mehr ziehen sich die Verantwortlichen der Gesamtkirche auf die großen Linien zwischen schwindenden Mitgliederzahlen und schwindenden Einnahmen bei anhaltend großer Gebäudelast zurück. Da überrascht selbst der gleich drei Mal wiederholte Hinweis nicht mehr, an anderer Stelle habe man mit Abriss und Neubauten für betreutes Wohnen letztlich auch einen Ort für das Gemeindeleben gesichert.
Stadt soll mit ins Boot kommen
Einzig Bernhard Mellert, Bezirksvorsteher von Stuttgart-West, bricht die Fronten für einen Moment auf. „Ich bin gerne bereit, mit allen Beteiligten in ein offenes Verfahren bürgerschaftlicher Mitbestimmung zu gehen“, sagt Mellert. Und sein Vorschlag, angesichts des vielfältigen Gemeindelebens bis hin zur Bühne für die eritreische Gemeinde auch die Stadt mit ins Diskussions-Boot zu holen, hellt nicht nur die Stimme von Stadtdekan Schwesig wieder auf.
Für Paulus-Pfarrerin Sabine Löw und das Komitee „Paulus hat Zukunft.“ bleibt derweil die Forderung klar: „Nehmen Sie den Beschluss vom 30. Juni zurück, sanieren Sie Stützen und Dach der Pauluskirche. Beginnen Sie eine offene Debatte.“
Wer in den späten Abend hinausgeht, hört und sieht die Musikerinnen und Musiker des Paulus-Orchesters. Wieder einmal üben sie für ein großes Konzert. Nun, so scheint es, mit besonderer Intensität.