Das Banner an der Pauluskirche in Stuttgart-West formuliert spitz: „Noch fünf Mal Weihnachten, dann ist hier Schluss!“. Was steckt dahinter?
Für manche in der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-West ist die eröffnete Pauluskirche samt Paulus-Zentrum mit diversen Übungs- und Konferenzräumen sowie einem Kindergarten noch immer die „neue Kirche“. Doch geht es nach der Evangelischen Gesamtkirche Stuttgart, könnte das 1961 übergebene Areal bald Geschichte sein.
Nach einem Beschluss des Gesamtkirchengemeinderats vom 30. Juni dieses Jahres werden von dringend notwendigen Sanierungsmaßnahmen an den Stützen des Kirche und Veranstaltungsräume verbindenden Hauptgebäudes, am Dach sowie am Kirchturm nurmehr die Arbeiten an den Stützen finanziert. Die Kirchengemeinde Stuttgart-West sieht sich überrumpelt – und will einen offenen Dialog über die Zukunft der Pauluskirche, mit mehr als 3000 Mitgliedern größte der drei Westgemeinden (Johannes-, Paul-Gerhardt- und Paulus), initiieren. Für diesen Mittwoch, 27. September, hat man zur Gemeindeversammlung in die Pauluskirche eingeladen. Beginn soll um 19 Uhr sein – und das Banner über dem Eingang der Kirche drückt die aktuelle Stimmung aus: „Noch 5 x Weihnachten, dann ist hier Schluss!“.
Eine Formulierung, die Stadtdekan Soeren Schwesig zu weit geht. „Das Banner weist auf die Gemeindeversammlung hin“, sagt Schwesig unserer Zeitung, „das finde ich gut“. Schwesig merkt aber an: „Irreführend finde ich die Aussage ,dann ist hier Schluss’.“ Seine Begründung: „Ob eine weitere gemeindliche Nutzung des Gebäudes möglich ist, auch wenn die Gesamtkirchengemeinde keine weiteren Finanzen dazu geben wird – darüber soll sich nun die Kirchengemeinde vor Ort Gedanken machen.“
Für die Kirchengemeinde Stuttgart-West stellen sich jedoch ganz andere Fragen. „Das Tempo, in dem von Seiten der Gesamtkirche zu Paulus Fakten geschaffen wurden, hat alle maßlos überrumpelt und ist völlig unverständlich“, sagen Julia Keinarth-Uhland und Stephanie Thomsen-Wolf. Die Initiatorinnen des Komitees „Paulus hat Zukunft.“ Dass Stützen und Dach saniert werden müssten, sei der Gesamtkirchengemeinde seit vielen Jahren bekannt und sei in vergangenen Baubegehungen immer wieder festgestellt worden. Der Beschluss vom 30. Juni dieses Jahres, die notwendige Sanierung nurmehr in Teilen zu leisten, sei schon deshalb unverständlich. „Es gibt“, kritisieren Keinarth-Uhland und Thomsen-Wolf, „bis heute keine Begründung für diese Entscheidung der Verantwortlichen der Gesamtkirche“. Und sie sagen: „Man hat die Gemeinde eines inneren Prozesses beraubt, über Ihre Köpfe hinweg entschieden.“
Stadtdekan Schwesig widerspricht: „Die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart als Gebäudeeigentümerin hat erklärt, keine finanziellen Mittel mehr bereit zu stellen“, sagt Schwesig, „sie hat nicht entschieden, dass kein Gemeindeleben und kein Gottesdienst mehr in den Räumlichkeiten stattfinden kann“. Und er fügt hinzu: „Die Gemeinde ist vielmehr gebeten, über eine künftige Nutzung nachzudenken. Finden sich etwa Menschen oder Einrichtungen, die eigene Nutzungspläne für das Gebäude haben, die aber daneben auch weiterhin Gemeindearbeit und Gottesdienst möglich machen würden?“ Schwesig sieht eine „Gestaltungschance für die Kirchengemeinde“.
Um wie viel Geld aber geht es eigentlich? Nach Angaben der Gesamtkirche wird die Sanierung der Stützen voraussichtlich 800 000 Euro kosten. Mit dieser Maßnahme werde die Standsicherheit des zweistöckigen Baus gewährleistet. Nicht mehr bezahlt werden sollen die Sanierung des Dachs und des Turms – diese sind mit 1,5 Millionen Euro kalkuliert. Hinzu kämen weitere Sanierungsmaßnahmen, vor allem energetische Verbesserungen, aber auch Themen wie Barrierefreiheit und eine neue Haustechnik. Diese ließen sich noch nicht beziffern.
Orgel als Herzensangelegenheit
Zahlen, die in der der früheren Paulusgemeinde kaum jemand wirklich schrecken können, hatte man sich doch aufgemacht, die weithin einmalige Orgel erneuern zu wollen. Mit mehr als 500 000 Euro wurde und wird gerechnet. Hat man sich in der Gemeinde vielleicht zu sehr auf die Sanierung der Orgel konzentriert und die dunklen Zeichen für das Gesamtareal Paulus nicht gesehen? Julia Keinarth-Uhland und Stephanie Thomsen-Wolf weisen dies zurück. Man habe sich keineswegs „zu viel“ um die Orgel gekümmert betonen sie und machen deutlich. „Für die Orgel sind wir als Gemeinde zuständig. Die Gesamtkirchengemeinde ist für das Gebäude und den Erhalt zuständig.“ Und sie betonen: „Die Orgel in Paulus ist eine Besonderheit mit Ihren 50 Registern und hat eine große Fan-Gemeinde, die das Äußerste tut um Spenden zu erhalten. Das steht nicht in Konkurrenz zum Kirchenbau.“
Wie geht es nun weiter mit der Pauluskirche und dem Pauluszentrum? Ein Einstieg in den Dialog über die Zukunft des Standorts, als den sich Stadtdekan Schwesig die Gemeindeversammlung an diesem Mittwoch wünscht, braucht aus Sicht des Komitees „Paulus hat Zukunft.“ gänzlich andere Voraussetzungen. „Wir wollen“, sagen die Initiatorinnen Julia Keinarth-Uhland und Stephanie Thomsen-Wolf, „dass der Beschluss der Gesamtkirchengemeinde aufgehoben wird. Wir wollen die Chance auf einen Inneren Prozess, Mitbestimmung und Mitentscheidung.“ Und sie betonen: „Die Schäden am Gebäude der Pauluskirche haben mit der weiteren Entwicklung in der Westgemeinde nichts zu tun. Die Sanierung soll vollumfänglich an Stützen, Dach und Turm vorgenommen werden. Paulus bleibt Gemeindestandort, wie Paul-Gerhardt und Johannes.“
Das ist die Pauluskirche
Geschichte der Pauluskirche
24. Mai 1892: Gründung der Paulusgemeinde. Gottesdienste fanden im Johannes-Gemeindehaus in der Reuchlinstraße statt.
Paulus in Zahlen
9500 Besucherinnen und Besucher, besser Nutzerinnen und Nutzer, zählt man pro Jahr bei den zahleichen und generationsübergreifenden Angeboten in den Paulus-Gemeinderäumen. Knapp 7500 Besucherinnen und Besucher pro Jahr sind es im Kirchenraum – hier machen sich unter anderem die für Paulus prägenden Konzerte bemerkbar. Trotz aller Bemühungen verliert auch Paulus Mitglieder – knapp 3400 sind es aktuell (zum Vergleich: 2015 hatte Paulus mehr als 4000 Mitglieder).