Ja, rauchen ist ungesund, der Dramatiker René Pollesch (50) kennt die Berichte. „Doch was sie ­verschweigen, ist die Hauptbotschaft: Dass wir alle sterben werden“. Foto: David Graeter

René Pollesch bringt an diesem Freitag um 19.30 Uhr auf der großen Bühne im Probenzentrum Nord sein neues Stück zur Uraufführung. Auch nach Probenschluss hat der Künstler noch Energie, um über Neugierde, Radikalität und über Misserfolg zu sprechen.

Stuttgart - „Toll“, sagt die Regieassistenz-Praktikantin. Toll seien die Proben zu René Polleschs neuem Stück. Leuchtende Augen, die junge Dame ist vermutlich für immer fürs Theater gewonnen. Sie führt einen auf die Probebühne im Nord am Stuttgarter Pragsattel. Ein bizarr vernageltes Holzplatten-Ungetüm, und auf einem der vielen Tische zwischen Kaffeebechern und Kuchenresten ein Stoß Blätter. Der Text. Mehr als ein Blick auf die erste Seite ist nicht drin, weil man zu gut erzogen ist und weil René Pollesch (50) in den Saal stürmt. Strahlend, obwohl es später am Abend ist und obwohl er einer verschleppten Erkältung wegen Antibiotika nimmt.

Nicht schlimm, dass man ein paar Sätze gelesen hat. Den Text vor der Uraufführung hergeben will er trotzdem nicht. „Es ist keine Schikane“, sagt René Pollesch. Er klingt so freundlich, dass man sofort bereit ist, ihm zu glauben. Er will eben die Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt erhalten. Augenblickskunst. „Sobald wir die Texte vor einer Aufführung herausgeben, entsteht eine historische Differenz. Wie bei einem Klassiker. Und das wirkt beruhigend, dann geht es nur noch darum: Wie spielen die das, und was machen die daraus. Ich möchte aber, dass die Neugierde auf den Text, auf das noch nicht Gehörte, größer ist als die Frage, wie diese oder jene Szene interpretiert wird. Denn dann geht die Härte des Gedankens verloren.“

Nicht dass er etwas gegen Klassiker hätte. „In der Schulzeit war ich eine Leseratte“, sagt René Pollesch. Und ehrgeizig. Musil, Joyce, die Griechen. Er hat sie auswendig gelernt, na ja, die ersten Sätze zumindest. Den Anfang aus „Ulysses“ hat er noch drauf: „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Steppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem ­gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen . . .“ Klingt schön.

Der Anspruch ist geblieben, nur liest der in Berlin lebende Dramatiker und Regisseur jetzt eben anderes. Er brauche die Theorie, um sein Leben einschätzen zu können, sagt er. Und auch wenn sie keine Lösungen bereithält, hilft es doch, sich über die Zwänge klar zu werden. „Ich bearbeite meine Verzweiflung und werde dabei nicht trauriger.“

Radikal wie Adorno

Das ist so ein Satz wie in einem seiner Stücke. Man hört bei ihm auch Philosophen wie Giorgio Agamben oder Theodor W. Adorno – als Nächstes plant er in Frankfurt ein Stück mit dem Titel „Je t’adorno“. Die Zeile hat er auf Twitter gefunden. Das ist der Mix, der Pollesch-Abende so grandios macht. Fröhliche Wissenschaft. Philosophieseminar in Grell, mit Film- und Musikzitaten. Und bei aller Distanz und Unlust, Figuren zu entwickeln, mit mehr Spiellust als bei manchem klassischen Dramen- oder Komödienabend.

Der Titel des neuen Stücks ist ein (autorisiertes) Zitat aus Robert Pfallers Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“: „Die Revolver der Überschüsse“. Was passend ist, weil es um Kunst geht, um das Schöne und um Geld und Kapital. Immer schon hat René Pollesch Geld und Liebe in paradoxen, originellen Wendungen zusammengedacht. Wie Pfaller beobachtet er ein gesellschaftliches Verlangen nach Sicherheit und eine zunehmende, staatlich verordnete Lustfeindlichkeit (Stichwort: Rauchverbot). René Pollesch: „Was die Berichte verschweigen, ist die Hauptbotschaft: dass wir alle sterben werden.“

Pollesch ereifert sich jetzt ein bisschen und redet fast so schnell wie die Schauspieler bei ihren Schnellfeuersuaden. „Immer heißt es, das Sterben gehört zum Leben“, sagt Pollesch. „Warum können wir nicht mal was anderes probieren! Es ist nicht radikal zu sagen, ich bin gegen Gewalt. Gegen den Tod sein, das ist radikal.“ Radikal wie Adorno, der in einem Gespräch mit Ernst Bloch die Abschaffung des Todes gefordert habe.

„Nur der liebt, der die Kraft hat, an der Liebe festzuhalten“

Adorno steht Pate auch für die Liebe. Wer nachlesen möchte – das „Constanze“-Kapitel aus „Minima Moralia“. Und so kommt man jetzt doch zu dem Dramentext, über den der Autor eigentlich nicht so detailliert sprechen will. Immerhin über die ersten Zeilen und die Frage, warum man immerzu dem „Ruf des Herzens folgen“ soll. Stets soll man rational handeln, nur in der Liebe nicht, konstatiert Adorno. Pollesch wundert sich mit ihm und sagt: Liebe in unserer Gesellschaft ist ein Befehl. Es heißt, jeder kann und soll lieben. „Wenn in einer Runde fünf Leute sitzen und einer sagt, er liebt nicht oder hat noch nie geliebt, wird er aussortiert.“

Gibt es das, die große Liebe? Der Autor antwortet nicht direkt. Er erzählt von seinen Eltern. „Sie sind 50 Jahre verheiratet gewesen.“ Und da kommt Adorno ins Spiel: „Nur der liebt, der die Kraft hat, an der Liebe festzuhalten.“ Oder wie es Dietmar Dath und Barbara Kirchner in „Der Implex“ formulieren: „Nicht wegrennen, wenn’s kompliziert wird“. Aber wer bleibt schon? Man will sich nicht endgültig für eine Liebe entscheiden, weil es uncool ist. Was wiederum Pollesch uncool findet. „Wenn alle sagen, jetzt ist Party, bin ich trotzfrigide. Das Gefühl haben zu müssen, jedem Impuls nachgeben und der Herzensstimme folgen zu müssen, um sich lebendig zu fühlen, kann auch den Tod bedeuten.“

„Keiner hat mehr Kredit“, sagt Pollesch. Alles ist unverbindlich geworden, alles aber auch nur Scheinfreiheit. Man folge nur kapitalistischen Regeln: flexibel sein, Optionen offenhalten. Pollesch klagt nicht und will sich nicht als Romantiker outen, der er natürlich sympathischerweise ist. Aber er sagt auch, was für ihn abseits der Bühne gilt: „Ich bin auf integere Menschen angewiesen.“

Geht er aber nicht selbst im Theater Don-Juan-haft von Bühne zu Bühne? Ein verdutzter Blick. Ja, aber mit einigen Schauspielern verbinde ihn jahrzehntelange Zusammenarbeit. Silja Bächli, Christian Brey sind seit „Smarthouse 1+2“ 2001 in jedem der neun Stuttgarter Pollesch-Abende dabei gewesen. Und womöglich wird man sie weiter in Stuttgarter Pollesch-Abenden sehen können – er deutet an, er sei in Gesprächen mit dem neuen Intendanten Armin Petras.

Jeder soll tun, was er kann

Pollesch ist nicht nur treu, er sieht sich auch als Diener. „Ich bin der Dienstleister“, sagt Pollesch heiter, „nicht die Schauspieler. Ich habe heute zwei Sätze herausgenommen, die eine Schauspielerin doch nicht sprechen will.“ Man merke das ohnehin, wenn jemand sich bemühe, aber es nicht fühlen, denken könne. „Dann wird es brav.“ Das will er nicht. Auch sonst heißt es: delegieren. Kostüme und Bühnenbild? Pollesch macht eine abwehrende Handbewegung. „Jeder ist dann am besten, wenn er selbst denken, selbst entscheiden kann. Die bestmögliche Kunst entsteht selten, wenn andere bevormundet werden.“ Jeder soll tun, was er kann.

Wenn er kann. Pollesch beobachtet, dass heute jeder nur noch tun will. „Das Künstlerbild ist ein bisschen hohl geworden. Der Beruf verwässert, und diejenigen, die es ernst meinen, sind im Druck.“ Wie er das meint? „Niemand“, scherzt er in ironisch empörtem Ton, „will einfach nur als Regieassistent seine Arbeit machen, sondern sich möglichst künstlerisch gerieren und so für eine Inszenierung empfehlen.“ Das sind Selbstinszenierungen, denen man womöglich nie entkommt. „Ja, aber ich erzähle mir keine kohärente Geschichte von mir selbst. Und man kann das Künstlerbild reflektieren, dann ist man auch nicht mehr so stolz.“

Stolz könnte er schon sein, vergangenes Jahr erst wurde er mit einer Arbeit an der Berliner Volksbühne wieder zum Theatertreffen eingeladen. „Ja“, sagt René Pollesch, „ich arbeite jetzt 14 Jahre am Stück. Vor fünf Jahren dachte ich, es geht nicht mehr lange so weiter.“ Angst? René Pollesch schweigt. „Hab’ ich nicht. Denn ich habe das schon mal erlebt. Ich weiß, dass es nicht schön ist, kein Geld zu haben und nicht gefragt zu sein.“ Er kennt auch die medialen Hypes, die Lobeshymnen, auf die geradezu gesetzmäßig irgendwann die Verrisse folgen. Wie man damit umgeht? Weitermachen und festhalten an dem, was man gut findet, sagt René Pollesch. „Wenn man auf das Lob vom Papa angewiesen ist, ist man aufgeschmissen.“

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