Konzentration ist gefragt bei der Pflanzaktion am Rebhang. Foto: Gottfried Stoppel

Im Volkshochschul-Seminar „Remstal-Winzer für ein Jahr“ haben Weinbau-Novizen einen Rebhang in Strümpfelbach für Versuchszwecke bepflanzt. Die Fläche soll als Testfeld für die sogenannte Umkehrerziehung dienen – und dem Wengerter die Arbeit erleichtern.

Eine Rebschere gehört für einen Wengerter normalerweise zur Grundausstattung für die Arbeit. Irgendwas ist schließlich immer, ohne Schnittwerkzeug geht es nicht in den Hang. Für den dritten Termin des Weinbauseminars „Remstal-Winzer für ein Jahr“ allerdings hatten sich die Teilnehmer mit Hacken, Spaten und Gummistiefeln ausgerüstet – und auf die Mitnahme einer Rebschere verzichtet.

 

Das lag nicht nur an den dunkel über dem Weinstädter Teilort Strümpfelbach drohenden Regenwolken, sondern auch an einer ganz speziellen Aufgabenstellung. Statt dem Schneiden und Anbinden der jungen Triebe, Hauptaufgabe im Weinberg bis weit in den Frühsommer, stand am Nonnenberg das Buddeln von Löchern auf dem Programm. 200 Rebstöcke sollten auf dem kleinen Dreieck an der Wegbiegung beim Skulpturenpfad der Künstlerfamilie Nuss gepflanzt werden.

Für einen Einzelkämpfer ist eine Bepflanzung ein tagesfüllender Job

Für einen Einzelkämpfer ist das ein durchaus tagesfüllender Job, den zumindest im professionell betriebenen Weinbau kaum noch jemand selbst erledigt. In der Regel kommt in Lohnarbeit die Pflanzmaschine, um die Jungpflanzen GPS-gesteuert in den Boden zu bringen – Zeit ist schließlich Geld , wenn es um akkurate Pflanzabstände und schnurgerade Linien geht. Bei Martina und Claus Mannschreck in Strümpfelbach wird beim Volkshochschulseminar aber noch nach alter Väter Sitte selbst Hand angelegt – und mit dem Spaten alle 110 Zentimeter ein Pflanzloch ausgehoben. Ein Teilnehmer fährt die Schubkarre mit der als Starthilfe für die jungen Rebstöcke gedachten Blumenerde, einer verteilt die von der Rebschule vorgezogenen Hochstamm-Pflanzen, die Weingut-Chefin packt noch ein paar Kügelchen vom Super-Dünger in die Kinderstube – bei einem guten Dutzend Helfern geht die Arbeit bemerkenswert schnell von der Hand.

Ein spatentiefes Loch, eine Schippe Blumenerde und ein paar Kügelchen Kunstdünger sind nötig. Foto: Gottfried Stoppel

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Grund gut vorbereitet ist: Die traktoraffinen Söhne der Weingut-Familie haben den Weinberg mit seinem lehmigen Boden gleich mehrfach gefräst. Kaum ein Stein stellt sich dem Spaten in den Weg, die als Anbindehilfe gedachten Metallstäbe lassen sich mühelos in die aufgelockerte Krume drücken. Nur an der Linienführung hat Oberwengerter Claus Mannschreck mitunter etwas auszusetzen – akkurat in Reih und Glied sollen die Reben in die Höhe wachsen, nicht in einer sich talwärts windenden Schlangenlinie.

Der Donauriesling ist eine in Vergessenheit geratene Züchtung aus Österreich

Gesetzt wird beim Arbeitseinsatz des Do-it-yourself-Seminars eine Neuzüchtung aus Österreich, die hierzulande bisher noch weitgehend unbekannt ist. Es handelt sich um einen Donauriesling, ausgekreuzt in der Bundeslehranstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg bei Wien. Entwickelt wurde die Weißwein-Sorte, eine Züchtung aus Riesling und Freiburger Hybriden, bereits 1978, von der Weinbaubranche aber nicht weiter beachtet und links liegen gelassen. Erst die Diskussion über den reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln hat der in Vergessenheit geratenen Neuzüchtung zu einer kleinen Blüte verholfen. Denn erstens hat sich herausgestellt, dass die Rebsorte eine bemerkenswerte Widerstandskraft gegen Mehltau und Peronospora mitbringt, die beiden gefürchteten Pilzkrankheiten im Weinbau. Und zweitens scheint offenbar auch der aus Donauriesling-Trauben gekelterte Wein durchaus zu munden – bei Blindverkostungen bekam die neue Rebsorte so gute Bewertungen, dass sie laut dem Fachmagazin Vinum einen Vergleich mit den klassischen Riesling-Tropfen keineswegs zu scheuen braucht.

Weshalb Claus Mannschreck auf Donauriesling setzt, hat mit einem Experiment zu tun. Der Weinstädter Wengerter will den neu angelegten Rebhang als Testfeld für eine besondere Erziehungsmethode nutzen. Statt sich von Kniehöhe aus nach oben zu recken wachsen die Triebe bei der Umkehrmethode fast auf Kopfhöhe – teilweise nach unten und ansonsten in alle Richtungen. Die Hoffnung des Wengerters ist, dass sich die Laubarbeit im Frühsommer bei dieser Erziehungsform mit der Heckenschere erledigen lässt – was neben enormer Zeitersparnis auch deutliche Arbeitserleichterungen bringen könnte.

Ohne pilzresistente Rebsorten geht es bei der Umkehrerziehung sicher nicht

Preisgekrönte Spitzengewächse lassen sich auf diese Weise wohl nicht erzeugen. Ein ordentlicher und vor allem wirtschaftlich produzierter Tischwein aber möglicherweise schon. Der Haken an der Sache ist, dass für den Versuch quasi zwingend auch eine pilzresistente Rebsorte zum Einsatz kommen muss – sonst bleibt von den Beeren bis zur Ernte nicht mehr viel übrig. „Mein Vater hat mir schon prophezeit, dass das nicht funktionieren wird“, berichtet der Wengerter von der durchaus angebrachten Skepsis.

Noch sind die Jungpflanzen im Eimer, bald sind sie im Boden. Foto: Gottfried Stoppel

Mit dem Donauriesling und seiner Widerstandsfähigkeit gegen Pilzbefall allerdings könnte es vielleicht klappen mit dem Traum, im Weinbau auch mit reduziertem Arbeitsaufwand auszukommen – oder Wengerter Mannschreck ist um eine Erfahrung reicher. Beim Ständerling in der Mannschreck-Scheuer geht es nach der Pflanzaktion aber weniger um Erziehungsformen und Rebschnitt-Theorie. Die Teilnehmer wollen vor allem wissen, welche Schäden die Frostnacht vor drei Wochen konkret angerichtet hat. Claus Mannschreck kann das für seine knapp elf Hektar auf eine einfache Formel bringen: 50 Prozent der Triebe sind hin, die Ernteeinbuße wird gewaltig sein. Den Kopf in den Sand stecken will der Wengerter nicht. „Wir schauen nach vorn, sich aufregen bringt eh nichts“, sagt er. Glücklicherweise ist das 2019 gegründete Weingut gegen Frost und Hagel versichert, wie mittlerweile die meisten Berufskollegen. Die Branche zittert allerdings schon, dass mit den Frostschäden auch die Prämien in die Höhe schießen werden.