Prächtige Perspektive, wenig frequentiert: Fellbachs Aussichtspunkt „weiße Station“ der Remstal-Gartenschau, auf halber Höhe des östlichen Kappelbergs. Foto: Dirk Herrmann

Fellbachs „weiße Station“ auf dem östlichen Kappelberg ist ein netter Aussichtspunkt, liegt aber etwas ab vom Schuss – und ist mangels Werbung ein echter Geheimtipp.

Fellbach - Was war das doch für ein Bohei um das „weiße Haus von Fellbach“ – also um jenen außergewöhnlichen Beitrag zum Architekturprojekt in allen 16 Gartenschau-Kommunen. Während schon früh dank einer Glücksfee Fellbach das renommierte deutsch-amerikanische Architektenduo Regine Leibinger und Frank Barkow zugelost wurde, einigte man sich beim Standort erst nach monatelangen Debatten und Einwendungen vor allem von Wengerterseite auf eine Grüninsel an einem Wegedreieck in Halbhöhenlage im Gewann Wiflinger.

Das aus drei Tonnen Material hergestellte Stahlgebilde sei ebenso filigran wie sturmfest

Im Winter, als quasi der Rohbau fertig war, pilgerten an die 100 Interessenten bei eisigen Temperaturen zum Richtfest der „weißen Station“, wie sie mittlerweile umbenannt worden war. Barkow habe, so schwärmte die OB Gabriele Zull über den ebenfalls anwesenden Stararchitekten, „ein Kunstwerk kreiert“. Das „Belvedere“ bietet in der Tat schöne Perspektiven zum Korber Kopf oder zur Stettener Yburg, wobei sich merkwürdigerweise ausgerechnet der Fellbacher Wolkenkratzer hinter einem Erdhügel liegend verbirgt. Das aus drei Tonnen Material hergestellte Stahlgebilde sei ebenso filigran wie sturmfest, versicherte damals Baudezernentin Beatrice Soltys. Als Pergola sei es eine Rankhilfe, „sie ist ebenso aber ein kleiner Tempel wie auch immaterielle Wolke“, analysierte Barkow sein eigenes Werk. Dies sei „ein Ort der Kontemplation“, ergänzte der Architekt. Und werde sicher ein echter Treffpunkt für Wanderer und Radler, Schauplatz für genussreiche sommerliche Weinproben unter der Pergola.

Die Pergola selbst wird ihrer Funktion als Rankhilfe und Sonnenschutz noch keineswegs gerecht

Am 11. Mai wurde das rund 150 000 Euro teure „Belvedere“ schließlich offiziell zur Besichtigung freigegeben. Allerdings ist es vermutlich die am verstecktesten gelegene der 16 Stationen im Remstal. Als Empfehlung für per Automobil kommende Interessenten nennt die Stadtverwaltung nicht etwa den Parkplatz an der „Spinne“ , sondern die neue Kelter. Wer sich von dort aber zu Fuß aufmacht, vermisst nach einem ersten Schild weitere Hinweise für den richtigen Weg. Da das „Belvedere“-Gestänge immer mal wieder zwischen den Rebstöcken sichtbar ist, gelangt man irgendwann doch zum Ziel. Bei einer kleinen Pause lässt sich eine Teenagerin auf dem Spaziergang mit riesigen Kopfhörern ebenso beobachten wie eine Gruppe junger Menschen, die ihre Wanderung für eine Rast auf der Wiese neben dem „Belvedere“ unterbrochen haben. Dem Dialekt nach zu urteilen offenkundig russischer Herkunft.

Der von der Gartenschau-Gesellschaft veröffentlichte Flyer mit allen 16 Architektur-Stationen ist längst vergriffen

Die Pergola selbst wird ihrer Funktion als Rankhilfe und Sonnenschutz noch keineswegs gerecht – die Rosen an den Füßen der Stahlstützen haben bisher nicht viel Höhe gewonnen. Im Übrigen hat man den Eindruck, dass die Warnungen etlicher Gemeinderäte vor Vandalismus und deshalb notwendiger starker Kontrolle des Ordnungsdiensts auf dem östlichen Kappelberg unbegründet waren: Alles sieht sauber und gepflegt aus.Womöglich ist das eine Folge der sehr defensiven Promotion durch die Fellbacher Gartenschau-Macher. Der eigentlich sinnvollere Parkplatz für Besucher von weiter her – an der Spinne nahe der Straße nach Rommelshausen, mit lediglich fünfminütigem Fußweg – ist nirgendwo genannt. Der von der Gartenschau-Gesellschaft veröffentlichte Flyer mit allen 16 Architektur-Stationen ist längst vergriffen. Dafür gibt’s ein anderes Heftchen: „Kunst im Unteren Remstal“. Aufgelistet sind darin die kulturellen Gartenschau-Höhepunkte in Fellbach, Kernen, Korb, Remseck, Waiblingen und Weinstadt. Was auffällt: Alle fünf anderen Kommunen stellen ihre jeweilige Remstal-Station ins Schaufenster: Kernen erwähnt sein Wengerter-Häuschen, Korb preist seinen „Fernseh-Aussichtsturm“ an. Doch Fellbach nennt als Höhepunkte lediglich die Triennale, die Natur-Kunst-Räume im Oeffinger Weidachtal und den Besinnungsweg. Zur schönen Aussicht des Belvedere aber – kein Wort. Weil Fellbach sich dafür schämt? Man will es kaum glauben. Unsere Empfehlung: Hingehen!

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