Ständige Angst vor Attentätern: Nach einem der seltenen Gottesdienste in Karakosch spazieren die Christen singend vorbei an ihren ausgeplünderten Geschäften und ausgebrannten Häusern. Foto: Jürgen Becker

Christen werden im Irak verfolgt, enteignet und ermordet. Auch nach der Vertreibung des IS droht dem Erbe der Christenheit im Land des Urvaters Abraham der Untergang

Mossul - Glas splittert unter den Schuhsohlen. Der Geruch kalter Asche beißt in der Nase. An Wänden und Decken klebt der Ruß. Verbeulte und angesengte Töpfe, ein Wasserkessel, Metallrohre ragen aus Geröll und Schutt. Kabelreste hängen herab. Auf einem Sims liegt eine Bibel. „Die haben sie nicht angefasst“, sagt Madschid, der durch sein Haus in Karakosch führt. Er zwängt sich durch einen Durchbruch in der Wand, den die Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geschlagen haben, um unerkannt von Haus zu Haus zu gelangen. An der Fassade hat einer der Fanatiker eine Nachricht für den syrisch-katholischen Priester hinterlassen. „Abu Omar, der Dschihadist, bleibt auf ewig hier. Gott ist noch größer als am allergrößten.“ Dann setzten die Terrorkrieger vor ihrem kampflosen Rückzug im Oktober 2016 das Haus des Geistlichen in Brand – und 3000 weitere Gebäude in Karakosch.

Die sunnitischen Fanatiker sprengten den halben Glockenturm der Marienkirche weg, missbrauchten die Gotteshäuser als Waffenschmieden und Bombenwerkstätten, plünderten, zertrümmerten die Möbel, schlugen Heiligenstatuen die Köpfe ab. Im Innenhof der einst größten Kirche der Christenheit im Nahen Osten zeugen Schaufensterpuppen, von Kugeln durchsiebt, von den Schießübungen der Extremisten. Von den wertvollen alten christlichen Manuskripten ist nur Asche übrig. Die unmissverständliche Botschaft der Dschihadisten: Kein Christ soll sich hier in Karakosch, etwa 32 Kilometer südöstlich von Mossul in der nordirakischen Ninive-Ebene gelegen, je wieder zu Hause fühlen.

Wer kann, flieht aus dem Land, in dem die Ursprünge des Christentums liegen

Etwa 50 000 Einwohner, zu mehr als 90 Prozent Christen, zählte diese einst größte christliche Stadt im Irak einmal. Mehr als zwei Jahre hatte der Islamische Staat sie besetzt. Heute ist sie frei, aber menschenleer. Erst elf Familien sind zurückgekehrt.

Überall liegen in der Ninive-Ebene Kirchen in Schutt und Asche. Bartella, Tel Kaif, Karamlesch – sie alle sind heute menschenleere Geisterstädte, die den Exodus der Christenheit im Irak spiegeln. 1,5 Millionen Christen zählte der Irak vor dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein. 200 000, vielleicht 300 000 sind es heute noch. Wer kann, flieht aus dem Land, in dem die 2000 Jahre alten Ursprünge des Christentums liegen. Dort lebte Urvater Abraham, dort wurden die ersten christlichen Gemeinden überhaupt gegründet. Die Christen waren schon dort, lange bevor die ersten Moscheen errichtet wurden. Chaldäische Katholiken, syrische Katholiken, Syrisch-Orthodoxe, Altorientalen, Armenisch-Apostolische – all die Verästelungen der östlichen Kirchen haben in diesem Zweistromland ihre Wurzeln. In der Ninive-Ebene entwickelten sich die frühesten Formen der Liturgie. Bis heute pflegen die Christen dort dieses historische Erbe, das nun unterzugehen droht.

Der uralte Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten bekommt neue Nahrung

Erstmals seit Langem läuten wieder die Glocken in Karakosch. Choräle dringen aus der Ruß geschwärzten „Unbefleckten Empfängniskirche“. Verkohlte Bücher liegen auf der Erde. Im Kirchenschiff stehen Hunderte Christen, Militärs, Polizisten, ehemalige Einwohner. Viele sind seit der Rückeroberung der Stadt das erste Mal wieder in ihrer Heimatgemeinde. Sie werden nur kurz bleiben.

Zehntausende Christen waren vor dem IS in die kurdischen Gebiete geflohen. Viele sind aus den Flüchtlingslagern aus Erbil angereist, vorbei an den roten Fähnchen, die Landminen markieren. Sie mussten nach den kurdischen die Checkpoints der irakischen Streitkräfte passieren – und vorbei an den Kontrollstellen der schiitischen Haschd al-Schaabi. Das ist eine vom Iran ausgebildete und ausgerüstete Miliz. Bei der Befreiung zahlreicher Orte vom IS hat sie sich als äußerst effizient erwiesen. Doch der Westen fürchtet ihren Radikalismus nicht minder als den des IS, zumal dieser Miliz vorgeworfen wird, bei ihrem Vormarsch immer wieder unschuldige Sunniten gefoltert, ermordet und vertrieben zu haben. Alles Lügen, sagen indes die Kämpfer der Hasch al-Schaabi. Überprüfen lässt sich das derzeit nicht. Doch wo sie siegen, bekommt der uralte Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten neue Nahrung.

Schwer bewaffnete Milizionäre bewachen die Eingänge der Kirche

Schia heißt Partei und gibt den Schiiten, der Partei Alis, ihren Namen. Ali, Cousin und Schwiegersohn des Propheten, war Mohammeds Nachfolger – und führte die Muslime an. Vor mehr als 1300 Jahren wurde er ermordet. Später fiel dessen Enkel Hussein beim Versuch, mit seinem Heer die Anführerschaft für die Familie des Propheten zurückzuerobern, in der Schlacht von Kerbela im heutigen Irak. Für die Schiiten ist diese Niederlage eine bis heute klaffende Wunde – und eine Verpflichtung, ihre Sache doch noch zum Sieg zu führen. Schon nach dem Sturz des sunnitischen Saddam-Regimes durch die US-Invasion 2003 hatten Schiiten die wichtigsten Machtpositionen im Irak übernommen. Die Sunniten fühlten sich unterdrückt. Viele gingen in den Untergrund. Ein brutaler Kampf begann, in dem der Islamische Staat seinen Nährboden fand.

Petros Moshe predigt in Karakosch auf Aramäisch, der Sprache Jesu. Er ist Erzbischof der syrisch-katholischen Kirche, seine Heimatdiözese ist Mossul. Von dort floh er vor den Islamisten erst nach Karakosch, dann nach Erbil. Für diesen Tag ist er zurückgekommen. Schwer bewaffnete Milizionäre bewachen die Eingänge der Kirche. Die Angst vor einem Selbstmordattentäter des IS geht um. „Wir brauchen Versöhnung“, predigt Erzbischof Moshe. Nach dem Gottesdienst spazieren die Christen singend vorbei an ihren ausgeplünderten Geschäften und ausgebrannten Häusern. Einige halten ein Banner: „In Zeiten des Krieges bringen wir Frieden.“ Andere machen vor den Resten ihrer Häuser Fotos. „Wir sind die Hefe des Christentums und werden es bleiben“, sagt ein Prozessionsteilnehmer. „Wir haben hier eine Zukunft. Unser Wille und unser Glaube sind stark.“

Viele Christen wollen aus dem Flüchtlingscamp in ihre Heimatstädte zurück

Doch viele Christen sind misstrauisch geworden. Die Liste der Gräueltaten an ihnen ist lang: Schutzgelder werden erpresst, Läden geplündert, es wird gebrandschatzt und enteignet, Kirchen werden gesprengt, Mädchen vergewaltigt und zwangsislamisiert, Priester enthauptet oder gekreuzigt. Seit sich nach dem Sturz von Saddam Hussein der Irak in eine Hochburg sunnitischer Terroristen verwandelt hat, die alle Christen aus dem Land vertreiben wollen, gehört Gewalt gegen Christen zum Alltag. Der Ex-Bischof Wolfgang Huber sprach schon 2008 von „Völkermord“ und „ethnischen Säuberungen“, doch der Westen nahm lange kaum Notiz davon, auch weil der Vatikan schwieg. Geschätzt 30 bis 40 Prozent der aus der Ninive-Ebene vertriebenen Christen haben das Land verlassen. Viele suchten Zuflucht in Deutschland. Dort stapeln sich Tausende Anträge auf Familienzusammenführung.

Suad Elias ist geblieben. In der Kurdenhauptstadt Erbil betreibt sie im Christenviertel einen kleinen Laden im Flüchtlingslager Ankawa II, der sie und ihre Familie so gerade eben über Wasser hält. Priester Emanuel verwaltet dieses Containerdorf, in dem 1200 christliche Familien wohnen. Das Elend schreit einen in diesem Lager nicht so an wie in vielen anderen Camps. Viele der Christen sind vor ihrer Flucht im Staatsdienst gewesen. Deshalb beziehen sie weiterhin ein Gehalt. Es gibt Läden, kleine Restaurants, eine Kirche, zwei Schulen. Die Nacht vom 6. auf den 7. August 2014 wird Suad Elias aber niemals vergessen. Sie und ihre Familie hatten ein Haus und einen kleinen Gemüseladen in Bartella. „Nachts wurde uns gesagt, dass der IS in der Nähe ist“, erzählt die 62-Jährige. „Morgens sind wir mit dem Auto und dem, was wir am Körper hatten, Hals über Kopf geflohen.“ Sie möchte wie die meisten anderen Christen aus dem Flüchtlingscamp bald in ihre Heimatstadt in der Ninive-Ebene zurück. „Wir werden schauen, was die anderen machen. Ich denke, nicht alle Muslime sind schlecht, aber wir können erst zurück, wenn wir Sicherheit haben.“

Ohne Rückkehrer steht das 2000-jährige Erbe der Christenheit auf dem Spiel

Tatsächlich droht die christliche Minderheit nicht nur zwischen den Fronten der Sunniten und Schiiten zerrieben zu werden, sondern auch zwischen denen des kurdischen Nordiraks und des arabisch dominierten Südens. Seit Jahren wird um die Ninive-Ebene gestritten. Heute kursiert unter den Christen der Verdacht, dass die irakische Regierung den Kurden im Gegenzug für deren Unterstützung im Kampf gegen den IS Gebiete zuspricht, und zwar die christlichen in der Ninive-Ebene. Sie fürchten, dass die Befestigungen, die die Kurden dort angelegt haben, nicht vorübergehend, sondern dauerhaft die Grenze zwischen dem autonomen Kurdistan und dem Irak korrigieren könnten. Die Kurden und die irakische Zentralregierung weisen das zurück.

Erzbischof Moshe greift zum Handy. Er telefoniert mit dem zuständigen Referatsleiter für den Wiederaufbau in der Ninive-Ebene. „Die Renovierung der vom IS abgefackelten Häuser ist Sache der Zentralregierung in Bagdad“, sagt er. „Bis heute haben wir aber von der nichts bekommen. Räumt endlich den Schutt von den Straßen, sorgt für Strom und Wasser, dann kommen wir zurück.“ Moshe wirkt müde. Der 73-Jährige weiß: Je länger der Wiederaufbau dauert, desto schwieriger wird es, die Menschen zur Rückkehr zu bewegen. Und er weiß, ohne Rückkehrer steht das 2000-jährige Erbe der Christenheit im Land des Urvaters Abraham auf dem Spiel.

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