Gast der „StN“-Reihe „Über Kunst“: Reinhold Würth Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Viel wird über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst gesprochen. Die „Stuttgarter Nachrichten“ bieten hierzu eine eigene Veranstaltungsreihe. Nächster Gast ist am 20. September der Unternehmer und Sammler Reinhold Würth.

Stuttgart - Viel wird über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst gesprochen. Die „Stuttgarter Nachrichten“ bieten hierzu eine eigene Veranstaltungsreihe. Nächster Gast ist am Sonntag, 20. September, im Carmen Würth Forum in Künzelsau der Unternehmer und Sammler Reinhold Würth.

 

Ständiger Antritt

Die nie unauffällige, aber stets zurückhaltende Krawatte betont eng geknotet, das Einstecktuch durchaus bewusst präsentiert – immer demonstriert Reinhold Würth Haltung, ist sein Auftritt als Ergebnis des Erreichten und mehr noch des erst noch zu Erreichenden zu verstehen.

Als Unternehmer schreibt Würth bis heute bundesdeutsche Wirtschaftsgeschichte mit und treibt sie weiter mit voran, als Kunstsammler bewegt ihn ungeachtet auch großer und größter Namen stets der Wunsch, möglichst viele Menschen an der Kunst teilhaben zu lassen.

Unternehmer und Sammler verbinden sich im Impulsgeber: Klassische Musik, Literatur, Kunst, Geschichte – was ihn und seine Frau interessiert, forciert, unterstützt er. Mit dem Bau einer eigenen Konzerthalle, mit Preisen und Stiftungsprofessuren, mit Museen, Ausstellungshallen und dem unermüdlichen Werben für freien Eintritt in alle Museen. Wer in Würths Förderung das Fordern zu entdecken glaubt, liegt durchaus richtig.

Der große Schritt

Es ist ein schöner Mai-Tag im Jahr 2001. In Schwäbisch Hall wird ein bis dahin in Baden-Württemberg einzigartiges Projekt eröffnet: die Kunsthalle Würth. Höchster Gast ist der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Fast ungestüm wirkt der Stifter, Mentor und Motor Reinhold Würth an jenem Tag. Mit jeder Bewegung wird das Tempo spürbar, das Reinhold Würth als Lenker der in Künzelsau ansässigen Adolf Würth GmbH & Co. KG lebt.

Lebensintensität vermittelt auch das von dem Berliner Maler Rainer Fetting geschaffene Porträt von Reinhold Würth – überlebensgroß begrüßt Würth im Mai 2001 so die Besucher im Eingangsbereich der Kunsthalle Würth. 66 Jahre ist Reinhold Würth im Mai 2001 – und sagt: „Die Einweihung der Kunsthalle ist einer der ganz großen Höhepunkte in meinem beruflichen Leben.“ Und wie sieht Reinhold Würth, inzwischen 85, das Projekt Kunsthalle Würth heute? „Ein Gedanke ist mir nach wie vor wichtig“, sagt Würth unserer Zeitung: „Wir tun etwas für die Gesellschaft, in und mit der wir leben.“ Ein Hinweis darauf, dass es bei der Kunsthalle 2001 um mehr geht als um ein „Zwillingsinstitut“ zum Museum Würth, das wie ein ständig wachsender Skulpturenpark seit 1991 in den Firmenstammsitz in Künzelsau integriert ist und im „Museum Würth 2“ inzwischen ein stolzes Gegenüber hat.

Fördern und Fordern

Geburtstage können Anlässe für große Bühnen sein. Reinhold Würth betont anderes. Am 1. Oktober 2019 feiert der Vorsitzende des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe am Firmenstammsitz in Künzelsau mit Auszubildenden aller Unternehmensstandorte sein 70. Arbeitsjubiläum. Mit 14 war Würth 1949 in den kleinen väterlichen Betrieb eingestiegen, mit nur 19 Jahren übernahm er die Leitung. Heute ist Würth als Handelsunternehmen in 80 Ländern aktiv und zählt mehr als 77 000 Beschäftigte.

Allerorten auf dem Würth-Areal ist der Würth-Nachwuchs seinerzeit mit Kunst konfrontiert. Und doch bleibt der Förderer von Kunst und Kultur zurückhaltend. Sein Unternehmen, sagt er seinerzeit unserer Zeitung, sei ein„Spiegelbild der Gesellschaft“. „Nur eine Minorität der Mitarbeiter interessiert sich für Kunst“, so Würth, „gleichwohl berichten mir viele Mitarbeiter, dass ich ihnen über die Kunst ein neues Fenster in ihrem Leben geöffnet habe“.

Kunst beflügelt das Unternehmen

Früh identifiziert Würth Kunst als Baustein, das Unternehmen noch bekannter zu machen, und forciert zugleich die Identität in einer betont mobilen Mitarbeiterschaft. „Wenn Mitarbeiter Freunde und Verwandte von außerhalb zu Besuch haben“, sagt Würth 2019, „besuchen sie gerne eine unserer Kulturveranstaltungen. Sind die Besucher dann beeindruckt von der Top-Liga der Künstler, die wir hier präsentieren, ergibt sich daraus ein Sozialprestige für unsere Mitarbeiter und hohe Motivation, bei und mit Würth zu arbeiten.“

700 Jahre Kunst

Von Hans Holbein d.J. und der mittelalterlichen deutschen Tafelmalerei erstreckt sich der Kunstbogen des Sammlers Reinhold Würth über den Blick auf das 19. Jahrhundert mit den Augen des Malers Heinrich von Zügel und die Aufbrüche des frühen 20. Jahrhunderts mit Pablo Picasso und Max Ernst sowie die Einsprüche etwa von Alfred Hrdlicka in den frühen 1960er Jahren und die kunstpoetischen Konzepte von Christo & Jeanne-Claude zwischen 1960 und 2020 bis hin zu aktuell diskutierten Bildwelten von Christopher Lehmpfuhl.

„Über Kunst“ auf Tour

Sind also Brüche und Widersprüche in einer mehr als 18 000 Werke umfassenden Sammlung bis heute Programm? Und spiegelt die Vielzahl und thematische wie stilistische Gegensätzlichkeit der aktuellen Ausstellungen in den Museen und Ausstellungshallen in Künzelsau und Schwäbisch Hall, aber auch in zehn europäischen Würth-Dependancen mehr denn je die Vielstimmigkeit unserer Gesellschaft?

Antworten auf diese und andere Fragen gibt Reinhold Würth beim „Über Kunst“-Gespräch unserer Zeitung am Sonntag, 20. September um 11 Uhr. Nicht in der Staatsgalerie Stuttgart als angestammter „Über Kunst“-Bühne, sondern – unter Beachtung der aktuellen Corona-Verordnung – im Carmen Würth-Forum in Künzelsau. Die Veranstaltung ist ausgebucht. „Über Kunst“ geht auf Tour – und erweitert so den Radius des Kunstsaison-Starts in Stuttgart mit dem Galerienwochenende „Art Alarm“ am 19. und 20. September.

Aktuelle Ausstellungen bei Würth

Museum Würth Am Stammsitz des Unternehmens in Künzelsau-Gaisbach ist eine Bestandsaufnahme zum Schaffen des Berliner Malers Christopher Lehmpfuhl zu sehen. „Zwischen Pathos und Pastos“ heißt die Schau mit Werken aus dem Lehmpfuhl-Werkblock der Sammlung Würth.

Museum Würth 2 Als Teil des von David Chipperfield geplanten und 2017 eröffneten Carmen Würth Forums markiert der Neubau des Museums Würth 2 auch architektonisch das Selbstbewusstsein des Kulturareals am Firmenstammsitz. „Weitblick. Reinhold Würth und seine Kunst“ versammelt einen Querschnitt aus 18 000 Erwerbungen in mehr als 50 Jahren.

Kunsthalle Würth 2001 eröffnet, ist die Kunsthalle in Schwäbisch Hall, ein Projekt der Adolf Würth GmbH & Co. KG, Bühne großer Wechselausstellungen. „Neues aus der Sammlung Würth zur Kunst nach 1960“ ist die aktuelle Schau überschrieben.

Johanniterkirche Seit November 2008 ist die von der Adolf Würth GmbH & Co. KG sanierte Kirchenbau aus dem 12. Jahrhundert Bühne für die spektakulären Bestände spätmittelalterlicher Kunst in der Sammlung Würth. Die Dauerausstellung zeigt unter anderem den berühmten „Falkensteiner Altar“ des Meisters von Messkirch aus dem 16. Jahrhundert sowie Bildwerke von Hans Holbein d.J..

Hirschwirtscheuer Inmitten der Altstadt von Schwäbisch Hall ist das 1980 wiederaufgebaute Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert erste Bühne für die lokal-regionalen Bezüge in der zuvorderst national und international ausgerichteten Sammlung Würth. Aktuell zu sehen sind Werke der in Künzelsau lebenden Malerin Ute Schmidt.

Auslandsniederlassungen In zehn Ländern sind Ausstellungsräume fester Bestandteil der Würth-Landeszentralen. Die Präsentationen werden aus der Sammlung Würth heraus entwickelt. Im französischen Erstein etwa zeigt das Museum Würth France aktuell Werke von Christo & Jeanne-Claude.