Thomas Bopp trommelt für den Filderbahnhof plus Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Vorsitzende des Verbands Region Stuttgart nimmt alle politisch Verantwortlichen in die Pflicht. Bis Ostern 2015 sollen sie sich auf bessere Pläne bei Stuttgart 21 auf den Fildern einigen, appelliert Thomas Bopp (CDU).

Stuttgart - Herr Bopp, es wird wieder heftig diskutiert über einen Flughafenbahnhof plus bei S 21 statt der aktuellen Planung. Jetzt sprach Stuttgarts OB sich für eine bessere, zukunftsfähige Lösung aus. Eine Steilvorlage?
Zweifellos. OB Kuhn und ich sind uns mittlerweile einig, dass der Filderbahnhof plus besser wäre und dass er realisiert werden sollte. Die Frage ist, wie man das erreicht. Die Bahn hat Verträge, die anderen Beteiligten haben auch Verträge. Noch ist ja ein Gutachten über die Auswirkungen der bisherigen Bahn-Planung in Arbeit. Ich denke, die Bahn wird die Leistungsfähigkeit des bisher bei Stuttgart 21 Geplanten nachweisen können, gegebenenfalls mit der einen oder anderen Korrektur. Für die Anforderungen der Zukunft wäre eine veränderte Lage des Flughafenbahnhofs aber hilfreicher. Nicht nur für den künftigen S-Bahn-Verkehr, sondern auch für die geplanten Metropol­expresszüge.
Sie selbst dachten nach dem Filderdialog 2012 schon anders. Warum der Sinneswandel?
Die jüngste Erörterung zeigte deutlich, dass Befürchtungen über Engpässe beim S-Bahn-Verkehr berechtigt sind. Wir haben jetzt die letzte Chance, bei Stuttgart 21 auf den Fildern eine zukunftsfähige Lösung hinzukriegen. Das geht aber nur mit der Bahn. Und auch nur dann, wenn man die Mehrkosten dafür außerhalb der bisherigen Finanzierungsvereinbarung zu Stuttgart 21 regelt. Zukunftsfähigkeit heißt plus. Die verschiedenen Partner müssen sich zusammenraufen und eine Finanzierung auf die Beine stellen. Es geht letztlich darum, Schienenverkehr aus dem Kreis Böblingen an der S-Bahn-Stammstrecke in Stuttgart vorbei in Richtung Esslingen zu führen und umgekehrt. ­Irgendwann vielleicht auch mal nach Göppingen. Es ist doch nicht einzusehen, dass dieser Verkehr weitere 50 Jahre zwingend mitten durch Stuttgart gehen muss, wo die Stammstrecke überlastet ist.
2012 regte der SPD-Politiker Claus Schmiedel bereits einen Sondertopf dafür an und scheiterte. Warum sollte es diesmal anders enden?
Alle, die jetzt in Parlamente und Versammlungen gewählt sind, haben die Pflicht, über die eigene Amtsperiode hinaus für die nächsten 50 Jahre zu denken. Den Bau eines zweiten Gleises für die Rohrer Kurve und die Wendlinger Kurve kann man auch später angehen, aber nicht einen besseren Flughafenbahnhof. Wenn nach den aktuellen Plänen 27 Meter unter der Messepiazza ein neuer Bahnhof gebaut wird, dann ist das für die nächsten 100 Jahre. Dann baut keiner mehr einen Bahnhof unter der Flughafenstraße.
Die Bahn-Chefs zeigen noch keine Reaktion.
Die Bahn muss sowieso nacharbeiten. Daher fordere ich ihre Verantwortlichen auf zu sagen, wie sie zu der Frage der Zukunftsfähigkeit der Schienensysteme auf den Fildern stehen. Die Bahn nimmt schließlich nicht nur den Fernverkehr wahr, sie fährt auch den S-Bahn-Verkehr. Und da entspricht die Qualität – Stichwort Unpünktlichkeit – nicht dem Vertragsinhalt.
Welche Mehrkosten müssen für die bessere Lösung gestemmt werden? Es war immerhin von 224 Millionen Euro die Rede.
Ich habe schon viele Zahlen gehört. Die letzte Zahl war in der Tat 224 Millionen Euro. So teuer muss es aber nicht werden. Wir müssen aufpassen, dass die Bahn-Experten da nicht reinrechnen, was nicht reingehört. Mir scheint eine Größenordnung von 140 Millionen Euro eher realistisch zu sein. Klären muss sich das bei der Detailplanung.
Könnte es sein, dass das Land mehr Verkehr auf die Schiene bringen will und daher mehr gibt als im Finanzierungsvertrag vorgesehen?
Da erinnere ich an den ÖPNV-Pakt, den die Region mit dem Land und mit Stuttgart abgeschlossen hat. Bis 2025 sollen 20 Prozent mehr Fahrgäste auf die Schiene gebracht werden. In dem Zusammenhang sind ­Metropolexpresszüge mit großer Reichweite vorgesehen. Deshalb werden auch mehr Verkehre, die vom Land getragen werden, über diese Schienen abgewickelt. Das Land braucht die Verkehrsdrehscheibe am Flughafen auch, um den Staatsvertrag mit der Schweiz zu erfüllen. Die vereinbarten Reisezeiten zwischen Zürich und Stuttgart sind bisher nicht eingehalten. Beim Filderbahnhof geht es also nicht nur darum, den Flughafen Stuttgart attraktiver zu machen, wie manche Grüne glauben, sondern um eine Verkehrsdrehscheibe des ÖPNV.
Bei den Flughafen-Geschäftsführern genießt die Variante Flughafenbahnhof plus keinen hohen Stellenwert.
Zeitweilig favorisierten auch sie diese Variante. Dann kamen Bedenken auf, für die ich ein gewisses Verständnis habe. Denn der Flughafen müsste mit der Baustelle, die dann die Flughafenstraße beeinträchtigen würde, leben. Die weitere Aufsiedlung des Gewerbeparks könnte sich vielleicht verzögern. Aber das kann nicht der Maßstab sein. Es geht hier darum, die Chance für eine zukunftsfähige Schienenlösung für 50 bis 100 Jahre zu ergreifen. Da muss man dann Lösungen finden und mit dem einen oder anderen Baufeld vielleicht noch zwei oder drei Jahre warten. Das wird am Ende der Aufsichtsrat zu entscheiden haben, in dem die Gesellschafter Land und Stadt Stuttgart ihre Vertreter haben.
Mit Landesverkehrsminister Winfried ­Hermann von den Grünen können Sie pragmatisch die Optimierung hinkriegen?
Ich bin zunächst einmal froh, dass OB Kuhn mit mir an einem Strang zieht. Jetzt müssen wir versuchen, uns mit dem Land zu einigen – und mit der Bahn. Dabei gibt es Zeitdruck. Die Bahn muss parallel weiter an der Antragstrasse arbeiten. Wir wollen uns im Fall des Misserfolgs nicht vorwerfen lassen, wir hätten das Projekt verzögert. Gerade der Verband hat es ja immer gefördert.
Die Technische Universität Dresden berechnet noch, wie die verkehrlichen Auswirkungen der Antragstrasse sind. Wie relevant wird das?
Die Region hat bereits die klare Stellungnahme zum Planfeststellungsbeschluss abgegeben, dass sich der S-Bahn-Verkehr durch die Stuttgart-21-Pläne nicht verschlechtern darf. Je nachdem werden wir auf das Gutachten reagieren. Aber die Berechnungen für die Antragsplanung der Bahn stehen auf einem anderen Blatt als die Zukunftsfähigkeit des Schienensystems für den Regional- und S-Bahn-Verkehr. Da sollten wir zügig zu einer zusätzlichen Vereinbarung kommen.
Wie zügig?
Bis Ostern 2015 sollte die Vereinbarung zustande kommen. Danach wird sie meines Erachtens nämlich nicht mehr möglich sein. Dann hat sich das Zeitfenster dafür, die Chance zu ergreifen, wieder geschlossen.
Der Verkehrsexperte Professor Gerhard Heimerl hat gewarnt, wer die Antragstrasse baue und nicht den Flughafenbahnhof plus, versündige sich an künftigen Generationen. Sehen Sie das auch so streng?
Wenn der Flughafenbahnhof plus nicht zustande käme, wäre das für mich wie in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als der Autobahnring um Stuttgart herum nicht durchgesetzt wurde. Hätten wir diesen Ring heute, könnten wir den Ziel- und Quellverkehr der Region auf unseren Straßen bewältigen. Wir hätten nicht die Staus und die Probleme. Das sollte man bedenken und sich entschließen, wenigstens unser Schienensystem zukunftsfähig zu machen.
Zumal dies möglich erscheint durch eine­ ­Lösung ohne ständige Folgekosten, oder?
Das ist ein wichtiger Punkt. Der Flughafenbahnhof plus bedeutet eine einmalige Investition. Andere Vorhaben wie die Einführung von Expressbussen verursachen wiederkehrende Kosten. Ein Expressbus dürfte etwa eine Million Euro kosten. Jedes Jahr! Die Mehrkosten für den Flughafenbahnhof können wir mit Umlagezahlungen im gesamten Bauzeitraum finanzieren, und nach der ­Fertigstellung gibt es keine Folgekosten. Für dieses Ziel sollten wir den einen oder anderen Wunsch zurückstellen, finde ich, und Geldmittel umschichten. Dafür gibt es Möglichkeiten. Deshalb werde ich in der Regionalversammlung dafür werben, dass man über den Beitrag für Stuttgart 21 hinaus weiteres Geld gibt, wenn die anderen Partner das auch tun.
Welche finanziellen Querbeziehungen haben Sie im Blick?
Wenn wir die S 2, die wir ja jetzt nach Neuhausen verlängern, später ins Neckartal führen wollten, um die Südumfahrung Stuttgarts zu erreichen, müssten teure Tunnelbauwerke erstellt werden. Diese Kosten könnten eingespart werden, wenn wir einen Filderbahnhof bauen würden, der eine Verbindung vom Kreis Böblingen über Flughafendrehscheibe und Neubaustrecke ins Neckartal möglich macht. Sei es mit S-Bahn oder Metropolexpress des Landes. Ich bin mir auch sicher, dass die Bahn für den höher gelegenen Flughafenbahnhof plus einen viel geringeren Betriebsaufwand hat als für den bisher geplanten Bahnhof in 27 Meter Tiefe mit acht Hochleistungsaufzügen und aufwendigem Brandschutz. Ich fordere die Bahn ausdrücklich auf, dies endlich einmal gegenzurechnen.
Wie wollen Sie die Mehrkosten verteilen?
Verhandlungsgrundlage wird sicher der Schlüssel zwischen Bahn, Land, Stadt Stuttgart und Region sein, der bei der Finanzierungsvereinbarung für S 21 angewendet wurde. Wenn Stuttgart dann einwendet, die Gemarkung der Stadt sei nicht betroffen, wird darüber zu reden sein, welcher städtische Anteil vom Verband Region Stuttgart übernommen werden könnte. Die Stadt Stuttgart ist zwar auch Profiteurin, aber über die Verkehrsumlage ja dann auch beteiligt. Solche Verkehrsprojekte haben regionalen Nutzen und sollten daher solidarisch finanziert werden.
Setzt sich bei den Grünen ein neuer Pragmatismus durch?
Ja, das nehme ich so wahr. Ich treffe bei meinen Gesprächen generell niemand mehr, der den Flughafenbahnhof plus nicht für besser hielte. Einige wenige hängen noch an der Idee, die Gäubahn nicht über den Flughafen zum neuen Hauptbahnhof zu führen, sondern die bisherige Strecke direkt mit dem Tiefbahnhof zu verbinden. Aber dafür müsste man die bestehenden Verträge ändern, die einen Anschluss des Flughafens vorsehen. Dazu ist niemand bereit. Und beim Flughafenbahnhof geht es ja auch um die Fortsetzung des ÖPNV-Pakts. Ja, es gibt einen neuen Pragmatismus. Das entspricht aber auch der politischen Verantwortung. Der Bau von Stuttgart 21 ist Realität. Es wäre nicht gut, wenn sich die Kritiker des Projekts jetzt nicht an der Ausgestaltung der städtebaulichen und verkehrlichen Chancen beteiligen würden. Mit dem Filderbahnhof plus können wir jetzt noch Zukunft positiv gestalten.
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