Thomas Bopp, der von seiner CDU ausgebootete Chef des Verbands Region Stuttgart, übt scharfe Kritik an der Spitzenkandidatur von Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper.
Seit fast 17 Jahren ist Thomas Bopp (CDU) der Vorsitzende des Verbands Region Stuttgart – und er wäre das auch gerne noch nach der Regionalwahl im kommenden Jahr geblieben. Doch der Stuttgarter Kreisvorstand der CDU hat den Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper zum Spitzenkandidaten gemacht – und Thomas Bopp auf der Kandidatenliste nicht einmal berücksichtigt. Dazu nimmt der 70-Jährige nun Stellung.
Herr Bopp, Freund, Feind, Parteifreund: Ein bisschen scheint diese bekannte Steigerungsformel ja auch in Ihrem Fall zu gelten. Wie geht es Ihnen heute?
Nach einer Woche des enormen Zuspruchs wieder ganz gut.
Wie groß ist denn Ihre Enttäuschung darüber, dass Ihre, die Stuttgarter CDU sich über die Entscheidung der Findungskommission hinweggesetzt hat?
Der Kreisvorstand kann sich auch über eine einstimmige Empfehlung der Findungskommission hinwegsetzen. Über das Ergebnis, gar nicht mehr auf der Vorschlagsliste für die Mitgliederversammlung zu stehen, bin ich allerdings sehr enttäuscht. Und über die Art und Weise, dies nicht im Vorfeld zu kommunizieren, erst recht.
Die Kommission hatte Sie als Spitzenkandidaten vorgeschlagen. Jetzt sind Sie komplett aus der Liste verbannt worden. Was ist passiert?
Das müssen Sie die Mitglieder des Kreisvorstands fragen.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper und der bisherige Fraktionschef der CDU im Regionalparlament, Joachim Pfeiffer?
Ich finde es schade, dass mit dem Oberbürgermeister trotz vieler gemeinsamer Termine im Vorfeld keine Abstimmung möglich war. Zur Rolle anderer Personen äußere ich mich nicht.
Schmeißen Sie jetzt hin?
Natürlich nicht. Ich bin noch für ein ganzes Jahr gewählt. Und aus Erfahrung weiß ich, dass es in Vorwahlzeiten am schwierigsten ist, die Regionalversammlung zu führen und zusammenzuhalten. Wir müssen in den nächsten Monaten viele weitreichende Entscheidungen im Bereich Verkehr, S-Bahn, Regionalplanfortschreibungen Windkraft und Photovoltaik treffen. Dafür brauchen wir breiten regionalen Konsens. In dieser Situation wäre es unverantwortlich der Regionalversammlung zuzumuten, kurzfristig eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger suchen und wählen zu müssen.
Haben Sie Verständnis für die Entscheidung der Stuttgarter CDU, Frank Nopper zum Spitzenkandidaten zu machen?
Der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt sollte Mitglied der Regionalversammlung sein. Viele wundern sich nur darüber, dass er sich die Spitzenkandidatur zumuten will angesichts der enormen Aufgaben in seiner eigenen Verwaltung. Wenn der Spitzenkandidat in der Regionalversammlung Präsenz zeigt und neue Ideen für die Weiterentwicklung und den Zusammenhalt der Region einbringt, – und das wäre mein Anspruch an einen Spitzenkandidaten – dann kann die Region davon profitieren. Er müsste hierfür aber seine bisher eher skeptisch-zurückhaltende Haltung gegenüber regionalen Themen und Aufgaben überdenken.
Gab es denn in den vergangenen Monaten Signale, dass man mit Ihrer Arbeit nicht zufrieden gewesen ist?
Nein. Nach der Entscheidung des Kreisvorstandes haben viele mit Unverständnis reagiert. Als Vorsitzender von Verband und Regionalversammlung muss ich das große Ganze im Blick haben und nicht Parteiinteressen. Das gefällt manchen Parteifreunden möglicherweise nicht.
Haben Sie sich überlegt, trotzdem zu kandidieren?
Viele haben mich darum gebeten. Und natürlich habe ich darüber nachgedacht. Ich habe dem Kreisvorsitzenden aber schon früh mitgeteilt, dass ich die Entscheidung des Kreisvorstandes respektieren werde. Wahlkampf für die CDU müssen nun andere machen, und ich kann mich voll auf die Aufgaben als Vorsitzender konzentrieren.
Aus welchen inhaltlichen Gründen bedauern Sie die Entscheidung denn am meisten?
Regionale Zusammenarbeit wird immer wichtiger. Diese hätte ich mit neuen Ideen, beträchtlicher Erfahrung und einem starken regionalen Netzwerk gerne weiterhin in der Regionalversammlung unterstützt.
Was hätten Sie in der kommenden Amtsperiode denn gerne vorangebracht?
Stuttgart 21 in Verbindung mit dem ersten digitalen Schienenknoten ist das Schlüsselprojekt für die Infrastruktur der Region. Bei dessen Fertigstellung und Weiterentwicklung mitwirken zu können und die IBA 2027 Stadt Region Stuttgart voranzubringen wären neben den Kernaufgaben wie Regionalplanfortschreibung, Wohnungsbau und Gewerbeflächenausweisung meine wichtigsten Schwerpunkte gewesen.
Die IBA ’27 verliert mit Ihnen einen Ihrer großen Fürsprecher – angesichts vieler weiterer durch Baukrise, Inflation und fehlendem Mut bedingten Probleme, ist das ein weiterer Rückschlag für die Internationale Bauausstellung. Gerät die IBA ins Wanken?
Die IBA verliert mich nicht als Fürsprecher. Sie ist ein enorm wichtiges Format, um nachhaltig die Zukunft des Wohnens, Arbeitens und Bauens zu gestalten. Die Krise am Bau, die rasant steigenden Baukosten und die hohen Zinsen machen uns schwer zu schaffen. Wir haben trotzdem viel mehr Projekte als erhofft. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir bei einigen Projekten im Zieljahr der IBA 2027 auch Gebautes zeigen können. Die bisher vorliegenden Pläne sind jedenfalls fantastisch.
Und was wird aus den angedachten sportlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Großveranstaltungen, die Sie zur Steigerung des Images der Region nach Stuttgart holen wollten – Bundesgartenschau, Weltinnovationsforum oder Tour-de-France-Etappe?
Wir brauchen in der Region auch nach der IBA wieder Leuchtturmprojekte, die unsere regionale Zusammenarbeit fördern und die hohen Qualitäten unserer Region sichtbar machen. Diese drei von mir vorgeschlagenen Projekte könnten solche Leuchtturmprojekte sein. Sie sind nun als Vorschlag im Raum und haben Resonanz gefunden. Ich habe in meiner restlichen Amtszeit noch ein Jahr Zeit, um für derlei Projekte zu werben. Und danach im Übrigen auch.
Vor welchen großen Aufgaben steht die Region Stuttgart in den kommenden fünf Jahren?
Die Herausforderungen von Klimaschutz, demografischem Wandel und Transformation der Wirtschaft sind für alle Ebenen enorm. Auch in der Region Stuttgart muss vieles neu gedacht werden. Wir müssen als Regionalversammlung in unserem Zuständigkeitsbereich Antworten geben zur Mobilitätswende, beim Wohnungsbau, dem Ausbau regenerativer Energien, der Schaffung von Gewerbeflächen und auch den vielen anderen Themen, die wir bereits angesprochen haben.
Thomas Bopp – zur Person
Regionalparlament
Mit dem Ausscheiden von Thomas Bopp geht für den Verband Region Stuttgart eine Ära zu Ende. Seit Januar 2007, also seit mehr als 16 Jahren, hat der mittlerweile 70-jährige Architekt ehrenamtlich die Geschicke des VRS geleitet.
Politikkarriere
Von 2008 bis 2011 war Bopp Landtagsabgeordneter – als Nachrücker für Christoph Palmer. Für seine Fraktion saß Bopp im Ständigen Ausschuss sowie im Europaausschuss. Innerhalb der Fraktion war er in den Arbeitskreisen Recht und Verfassung und Europa aktiv. hol