Die künftige Organisation der Pflege ist ein Hauptanliegen der großen Koaliton. Foto: dpa

Die große Koalition will die Pflegeberufe näher an die Realität in den Heimen und Kliniken bringen. Die Idee ist gut, die Umsetzung eher mäßig, bemängelt Bernrad Walker.

Berlin -

Trocken und langweilig? Von wegen. Die Statistik zur Lage der Pflege ist vielmehr sehr interessant: Deutlich mehr als eine Million Pflegekräfte versorgen die 19,2 Millionen Patienten, die 2015 in einem Krankenhaus behandelt worden sind. Und sie kümmern sich um die knapp drei Millionen Menschen, die zu Hause die Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes bekommen oder in einem Altenheim leben. Deshalb ist die Reform der Pflegeberufe kein sozialpolitisches Randthema.

Doch hat Schwarz-Rot nur ein missglücktes Kuddelmuddel zuwege gebracht. Dabei ist längst klar, wie stark sich der Pflegealltag wandelt. Viel häufiger als früher behandeln die Kliniken hochbetagte Patienten, von denen manche altersverwirrt sind. Wenn diese Patienten gut versorgt werden sollen – und das muss selbstverständlich das Ziel sein –, braucht es auf vielen Stationen auch das Wissen, das gerade Altenpflegekräfte erworben haben – das Wissen, mit Demenzkranken umzugehen.

Schmerzen als Herausforderung

Außerdem spielen medizinische Fragen eine größere Rolle in der klassischen Altenpflege, weil viele Ältere an mehreren Krankheiten zugleich leiden oder nicht mehr sagen können, welche Beschwerden oder Schmerzen sie haben. Eine Schmerzeinschätzung vorzunehmen ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Wissen und Erfahrung voraussetzt. Zwar betont die große Koalition immer wieder, dass ihre Reform genau diesen Wandel meistern soll. Nur ist ungewiss, ob dies gelingt, wenn die drei Ausbildungswege der Kranken-, der Kinderkranken- und der Altenpflege in einen Beruf zusammengefasst werden (sogenannte Generalistik). Das gilt umso mehr, als Schwarz-Rot einen Torso vorlegt. Die Details der Generalistik soll eine Ausbildungs- und Prüfungsverordnung regeln. Diese Verordnung fehlt jedoch bis heute.

Die Reform ist also ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Wirklich gelungen ist das 140 Seiten lange Reformgesetz nur an einer Stelle: Endlich wird in ganz Deutschland das Schulgeld in der Altenpflegeausbildung abgeschafft. Schwarz-Rot hätte gut daran getan, es dabei zu belassen und den Rest noch mal gründlich zu überlegen.

Die Pflege als Beruf wird attraktiver

Ausgerechnet bei einem Vorhaben, das Millionen Menschen betrifft, stellen Union und SPD Schnelligkeit vor Gründlichkeit. Damit werfen sie einen Schatten auf ihre eigene Erfolgsbilanz, denn fraglos hat sich in der Pflege vieles zum Besseren gewandelt. Die Pflegeversicherung stellt besser auf die Lebenslage von Demenzkranken ab. Auch gibt es heute Modelle, wie der bürokratische Aufwand in der Altenpflege gemindert werden kann. Zudem hat die große Koalition die Basis dafür geschaffen, dass Altenpflegekräfte besser bezahlt werden können. Und nie zuvor haben sich mehr Menschen für eine der drei Pflegeausbildungen entschieden als heute.

Umso wichtiger ist es, dass die Regierung nach der Bundestagswahl rasch klärt, wie in Krankenhäusern und in der Altenpflege mehr Teams entstehen können – Teams, in denen Kranken- und Altenpflegekräfte gemeinsam und gut Patienten und Pflegebedürftige versorgen.

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