Davide Appollonio ist positiv getestet worden Foto: Getty

Der Radsport hat sich gewandelt, eine Bedrohung bleibt Doping trotzdem – auch wenn die Vorreiter zuletzt andere waren.

Utrecht - Kritiker des Radsports hätten diese Nachricht zeitlich nicht besser platzieren können. Kurz vor dem Start der Tour de France wurde der Italiener Davide Appollonio mit dem Blutdopingmittel Epo erwischt. Der Sprinter vom Zweitliga-Rennstall Androni Giocattoli, der noch im Mai die Italien-Rundfahrt beendet hatte, gehörte 2011 zum Giro-Team von Sky. Dass er jetzt eine positive A-Probe abgab, lässt zwei Folgerungen zu: Entweder nahm es der Zero-Tolerance- Rennstall von der Insel in der Vergangenheit nicht so genau mit dem Kampf gegen Doping. Oder der Italiener entdeckte – verbunden mit seinem Arbeitgeberwechsel – seine Lust am Dopen ausgerechnet in einer Zeit, in der das Peloton angeblich sauberer wird.

Appollonios Beispiel passt all denen, die behaupten, auch das Feld der 102. Tour de France sei alles andere als dopingfrei. „Man darf sich keinen Illusionen hingeben“, sagt der Nürnberger Biochemiker Fritz Sörgel, „es gibt immer noch genügend Möglichkeiten zu tricksen. Hochleistungssportler tun alles, um ihre Leistung zu steigern.“ Und wenn sie es perfekt machen, müssen sie nicht einmal Angst haben, entdeckt zu werden.

Der französische Sportwissenschaftler Pierre Sallet bewies in einer im Mai vorgestellten Studie, dass der individuelle Blutpass der Athleten bei geschickter Dosierung umgangen werden kann. Er ließ acht Amateursportler vier Wochen lang alle zwei Tage Mikrodosen Epo, Wachstumshormone und Kortikosteroide nehmen, gab ihnen zudem auch zweimal je einen Viertelliter Eigenblut. Die Blutwerte blieben trotzdem in unverdächtigen Regionen. Die Sportler verbuchten allerdings Leistungszuwächse von im Schnitt 2,5 Prozent im Radsport wie im Ausdauerlauf. Sie berichteten von einer „euphorisierenden Wirkung“, fühlten sich „unglaublich stark“, manche gar unbesiegbar. „Das deckt sich mit Erfahrungen, die wir in Gesprächen mit geständigen Dopern gemacht haben“, bestätigt Experte Fritz Sörgel. In der Hoch-Doping-Phase wurden im Radsport aber Steigerungen von bis zu zehn Prozent erzielt. Das Dopen mit Mikrodosen lohnt sich weniger. Grober Betrug bleibt es dennoch.

Bleibt die Frage, ob eine Leistungsverbesserung wie früher auch heute noch erzielt werden kann. Die Forscher des Kölner Instituts für Biochemie warnen vor ganz neuen Substanzklassen mit Effekten wie bei klassischem Epo und Wachstumshormon. Dabei werden nicht die gewünschten Stoffe selbst, also Erythropoietin oder IGF 1, zugeführt. Die Medikamente regen stattdessen die körpereigene Produktion dieser Stoffe an – und umgehen so die klassischen DopinganalyseVerfahren. Bei geschickter Dosierung dürfte – analog zur Einnahme von Mikrodosen wie im Experiment von Pierre Sallet – auch die Auswertungssoftware des Blutpasses nicht Alarm schlagen. Praktisch für Epo-affine Doper sind auch die noch im Testverfahren steckenden Präparate der US-Firma Fibrogen (FG2216 und FG4592): Sie können einfach als Pillen geschluckt werden. Das bedeutet zusätzliche Betrugsgefahr.

Dass derartige Substanzen unter Hochleistungssportlern kursieren, zeigte der Dopingbefund beim französischen Geher ­Bertrand Moulinet. Der Olympia-Achte von London wurde im April 2015 mit FG4592 erwischt. Warnungen von Dopingfahndern vor Hematide, einem anderen Medikament, das die körpereigene Erythropoietin-Produktion ankurbelt, gibt es seit 2008. Positive Kontrollen: Fehlanzeige. Das Präparat, weiterentwickelt unter dem Namen Omontys, wurde 2013 aus dem Verkehr gezogen, weil es in klinischen Tests Todesfälle verursacht hatte. Dass alte Chargen dennoch auf dem Dopingmarkt gehandelt werden, kann niemand ausschließen.

Substanzen, die die Produktion von Wachstumshormonen forcieren, wurden im vergangenen Jahr im Rahmen des Essendon-Skandals im Australian Football sowie im April dieses Jahres beim britischen Rugby-Profi James Lockwood entdeckt. Dass bei allen diesen neueren Medikamenten einmal nicht Radprofis als erste überführte Konsumenten auftauchten, sondern Geher, Rugby-Spieler und Australian Footballer, lässt vollkommen diametrale Schlussfolgerungen zu.

Entweder sind die Radprofis geschickter als die Doper aus anderen Sportarten. Oder im Peloton hat tatsächlich der Kampf um die jeweils neueste Substanz an Bedeutung verloren. Dass Chris Froome, einer der vier großen Favoriten auf den Tour-Sieg 2015, zuletzt aus freien Stücken zugab, einen Dopingtest verpasst zu haben, weil das Hotelpersonal die Kontrolleure nicht ins Zimmer gelassen hatte, kann man als großen ­Fortschritt in puncto Transparenz bezeichnen. Der Epo-Befund seines ehemaligen Sky-Teamkollegen Appollonio ist gleichzeitig aber eine Warnung, dass es sich bestenfalls um unterschiedliche Verhältnisse handeln dürfte.

Als Perikles Simon vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt gefragt wurde, ob das Rennen sauber zu schaffen sei, antwortete der Anti-Doping-Experte aus Mainz: „Man kann die Tour ungedopt bewältigen – die Frage ist nur, mit welchem Ergebnis.“