Mit dieser Geste lässt Jeremy Mockridge keinen Zweifel: Es wird kräftig geschimpft. Foto: Julian Marbach

Martin Laberenz zeigt in der Spielstätte Nord seine Version des einstigen Skandalstücks „Publikumsbeschimpfung“. Das war zwar 1966 eine große Provokation. Aber kann die heute noch funktionieren?

Stuttgart - Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ ist bekanntlich Theater für Fortgeschrittene – ein komplexes Meta-Monstrum, das in den 60er Jahren nicht nur mit sich selbst, sondern gleich mit der ganzen Institution Theater abrechnete. Das skandalträchtige Sprechstück stellte so gut wie alles infrage, was seit Jahrhunderten gewachsen war: Es löste die Bühnensituation auf, verbannte Vorhang, Schlussapplaus und Rollennamen aus der Inszenierung und erklärte die Darsteller zu Sprachrohren des Autors. Und dann lockte es auch noch das Publikum aus seiner Voyeursposition heraus und diskutierte so die Frage, wie unmittelbar das Verhältnis zwischen Schauspiel und Zuschauern eigentlich sein kann. Der Gipfel der konzeptuellen Kehrtwende: die drängend-dynamische Beschimpfung der eigenen Zuhörer. So trat der Autor damals gekonnt allen auf die Füße, stellte Konventionen infrage und Regeln auf den Kopf. Kurz: Für das Theater war Handke Punk.

Allerdings hat sich in den letzten 50 Jahren doch so einiges getan auf den deutschen Bühnen. Jede Menge Tabus wurden gebrochen, Erzählstücke durch experimentelle Ansätze und Performances ersetzt, bildgewaltige Provokationen zählen fast schon zum guten Ton eines ambitionierten Theatermachers. Wer noch Punk sein will, muss sich einiges einfallen lassen.

Die alten Tabus sind weg

Wie das gehen kann, das zeigt Martin Laberenz nun in der Spielstätte Nord. In Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin beschäftigt sich seine Version der „Publikumsbeschimpfung“ nämlich mit der Frage, was das einst so revolutionäre Stück heute noch zu sagen hat. Dass die Tabus von damals keine mehr sind, hat man hier längst verstanden. Laberenz nutzt den legendären Text clever als Grundlage für eine neue Auseinandersetzung.

Vor einem riesigen Stahlgerüst, in dem die Darsteller dank zahlreicher Neonröhren stets ein bisschen so wirken, als befänden sie sich gerade in der Mitte eines überdimensionalen Toasters, ringt das Stück dabei eindrucksvoll mit dem Bewusstsein der eigenen Künstlichkeit. Denn gerade das, was Peter Handkes Bühnentext einst so entschlossen forderte, nämlich mit der Illusion einer Bühne zu brechen, die als eigene Realität wahrgenommen wird, und stattdessen „nichts zu spielen“ – das wird heute zur eigentlichen Krux der ganzen Sache. Schließlich stecken wir mitten in einem poststrukturalistischen Weltverständnis, in dem die Vorstellung eines künstlerischen Nullpunkts ungefähr so realistisch erscheint wie Hulk in einem Ballerinakostüm.

Erst mal Stehzwang

So wird Handkes Stück auch an diesem Abend zum abstrakten Zitat: Wenn die Darsteller Teile des Originaltexts aus dem Jahr 1966 rezitieren, dann läuft ihnen geflissentlich eine Souffleuse hinterher, damit bloß niemand auf die Idee kommt, es handle sich beim Gesagten um etwas Substanzielles, Ehrliches. Gekonnt führt Laberenz das Dilemma des Stücks ad absurdum: Gerade die Forderung nach Unmittelbarkeit und Nähe ist es, die hier zur doppelbödigen Unmöglichkeit mutiert.

Und das, obwohl die dynamische Inszenierung jenes Konzept, das Handke damals angedacht hat, immer wieder auf die Spitze treibt. So bricht das Stück (zumindest vorläufig) völlig mit dem Konzept des Zuschauerraums. Statt wie gewohnt vorbereitete Plätze anzubieten, lässt Laberenz sein Publikum erst einmal eine ganze Weile schüchtern im Raum herumstehen, während die Schauspieler jovial einen schönen Abend wünschen und beteuern, sie selbst hätten heute nicht das Geringste zu sagen. Als dann doch endlich Stühle herangekarrt werden, müssen der Zuschauerraum selbst aufgebaut und die altbekannten Konventionen wiederhergestellt werden.

Eine postmoderne Rockband

Darüber legt Laberenz augenzwinkernd ein Mash-up aus Szenen der legendären Uraufführung der „Publikumsbeschimpfung“ im Frankfurter Theater am Turm, in der Altmeister Claus Peymann Regie führte. Während man dabei so langsam das Gefühl bekommt, tatsächlich mit Handkes Revolutionsgeist in Berührung zu kommen und an etwas teilzuhaben, das mutig Regeln und Gewohnheiten durcheinanderwirft, bricht Laberenz auch schon wieder mit diesen Erwartungen.

So sehr die fünf Schauspieler in ihren überdrehten Kostümen auch versuchen, dem Publikum handke-konform nahezukommen – sie positionieren sich zum Beispiel immer wieder kameradschaftlich irgendwo zwischen den Anwesenden oder bauen selbst die banalsten Ereignisse wie das Essen von Müsli zu zehnminütigen Einlagen aus –, so bleiben sie doch stets in der eigenen Illusion gefangen. Als wäre es ein Versehen, verfallen sie immer wieder in schrille Performances, spielen als postmoderne Rockband ziellose Songs auf Gitarre und Schlagzeug und werfen dabei mit Zitaten nur so um sich. Doch all das stets unter den lautstarken Versicherungen, eigentlich überhaupt nichts sein zu wollen.

Eine große Lüge

Und genau hier liegt die Erkenntnis, durch die Laberenz’ Stück Handkes Gedanken im Jetzt weiterspinnt. Die Darsteller kämpfen in immer absurderen Szenarien mit dem Problem der Unmittelbarkeit. Was die Zuschauer sehen, bleibt letztlich stets bloß eine überdrehte Show, von der die Beteiligten vehement behaupten, es gäbe sie gar nicht. Die Erkenntnis: So sehr das System sich seit Handke auch weiterentwickelt hat, eine große Lüge bleibt bestehen – die Illusion nämlich, in einer durch und durch künstlichen Situation jemandem wirklich nahe sein zu können.

Weitere Aufführungen
am 11., 16. und 27. Juni sowie am 3. Juli, jeweils um 20 Uhr

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