Zehn Millionen Euro soll der Angeklagte ergaunert haben. Foto: dpa/Jens Büttner

Ein früherer bekannter Urbacher Geschäftsmann soll Kredite erschlichen haben. Der Mann war nach Brasilien geflüchtet – und dort im Gefängnis. Nun beginnt ein Prozess am Landgericht. Wie konnte der heute 59-Jährige seine Partner blenden?

Stuttgart/Urbach - Der Betrug, um den es von diesem Freitag an in einem sicherlich Aufsehen erregenden Prozess am Landgericht Stuttgart gehen wird, liegt fast 20 Jahre zurück. Und immerhin neun Jahre sind vergangen, seit die beiden Helfer des jetzt Angeklagten zu Bewährungsstrafen wegen Beihilfe zum Betrug verurteilt worden sind. Lange Zeit schien es, als würde der Mann, der als eigentlicher Drahtzieher gilt, ungeschoren davon kommen wird. Der 1962 geborene Geschäftsmann, bekannt durch die Bäder-Oase in Urbach, hatte sich nämlich nach Brasilien abgesetzt, noch bevor Anklage gegen ihn erhoben werden konnte. Dort hatte er zuvor schon einmal einige Jahre gelebt.

 

In Brasilien musste er eine Strafe wegen Totschlags absitzen

Doch in Brasilien spürten ihn Ermittler 2003 auf, er wurde von Interpol verhört. Anschließend verbüßte er eine Strafe aus anderem Grund: wegen Totschlags. 1990 soll er seinen vierjährigen Stiefsohn erschlagen haben. Er war danach nach Deutschland gekommen, um dem Gefängnis zu entgehen. Einen Großteil der Strafe musste er aber nach der Rückkehr in das südamerikanische Land absitzen. Als der Vollzug gelockert wurde, tauchte er 2019 erneut ab – mutmaßlich in dem Wissen, dass am Ende der Strafe eine Auslieferung nach Deutschland droht.

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Das hat ihm am Ende wenig genützt. Nach Deutschland ausgeliefert worden ist der Mann jetzt nämlich trotzdem. Und so kommt es, dass von Freitag an Günter Necker, der Vorsitzende Richter der 6. Großen Strafkammer, aufklären muss, ob es stimmt, was die 16 Jahre alte Anklage dem 59-Jährigen vorwirft: Dass er als Geschäftsführer der Bäder-Oase in den Jahren 2001 und 2002 mehrere Banken in Deutschland sowie im Ausland um insgesamt zehn Millionen Euro erleichtert haben soll. Spannend dabei: wie ist ihm das gelungen, ohne dass jemand rechtzeitig bemerkte, dass er überhaupt nicht mehr kreditwürdig war?

Für seinen groß angelegten Betrug spannte er noch zwei Helfer ein

Der Anklage zufolge soll der Mann zahlreiche Dokumente wie Einkommenssteuererklärungen, Vermögensaufstellungen und eine Bürgschaft gefälscht haben. So schaffte er es, über lange Zeit die Fassade des erfolgreichen Unternehmers aufrechtzuerhalten. Den verurteilten Helfern von damals zufolge gab er bei den Banken an, er wolle den Firmensitz ausbauen, Geschäftsanteile von Partnern übernehmen oder Filialen eröffnen. Dafür nahm er jeweils Kredite zwischen 500 000 und 2,5 Millionen Euro auf. Die Männer, die 2012 verurteilt worden sind, halfen ihm dabei. Sie verwendeten zum Beispiel den Stempel eines verstorbenen Steuerprüfers und erfanden sogar eigens einen Notar.

Zu Geschäftsterminen kam er mit dem Hubschrauber

Tatsächlich scheint der Angeklagte sehr überzeugend gewesen zu sein. „Er war glaubwürdig“, sagte einer der Helfer damals vor Gericht. Er habe jedenfalls lange geglaubt, dass der Mann beruflich erfolgreich sei. Immerhin sei er zu Geschäftsterminen mit dem Privathubschrauber gekommen.

Glaubt man den Aussagen der Helfer im früheren Prozess, dann wurden Gläubiger auf geradezu kuriose Weise überzeugt. So ließ sich einer der beiden Helfer von einer Maskenbildnerin schminken, um bei einer misstrauisch gewordenen Bank als Bürge aufzutreten. Die Show funktionierte offenbar, wenn auch nicht lange. Am Ende flog der Betrug genau durch diese misstrauisch gewordene Bank auf.

Für die Kammer des Landgerichts Stuttgart dürfte es nicht einfach werden, den komplexen Fall aufzuklären. 14 Verhandlungstage sind angesetzt, ein Urteil ist erst für Ende März geplant. Eines der betroffenen Geldinstitute existiert inzwischen schon gar nicht mehr – und den übrigen wird die juristische Aufarbeitung das verlorene Geld kaum wieder zurückbringen. Anders sehen vermutlich die Erwartungen der beiden Helfer von damals aus, die ihre Strafen schon verbüßt haben. Denn sie dürften mit ihrem einstigen Rädelsführer noch eine Rechnung offen haben.