Ein Mann soll seine Frau über Jahre brutal misshandelt und sie zur Prostitution gezwungen haben. Am dritten Tag des Prozesses sagt die Frau im Gericht aus – und berichtet von Todesangst und bizarren Details.
Unter anderem Menschenhandel und gefährliche Körperverletzung lauten die Vorwürfe gegen einen 37 Jahre alten Mann am Stuttgarter Landgericht. Was im Juristendeutsch so nüchtern klingt, umschreibt eine nahezu unglaubliche Geschichte. Deren Versionen nicht weiter auseinandergehen könnten – und das über einen Zeitraum von über zehn Jahren.
Sklaverei, Folter und Todesangst sind Begriffe, die im Verfahren immer wieder fallen. Der Mann soll seine frühere Freundin und spätere Ehefrau in Stuttgart, später dann auch in Polen, Dresden und Hamburg mit brutaler Gewalt dazu gezwungen haben, sich zu prostituieren, damit er sein Leben finanzieren kann. Das alles sei verbunden gewesen mit Totalüberwachung.
Der dritte Tag des auf mehrere Wochen angesetzten Prozesses war mit Spannung erwartet worden. Denn während der Angeklagte bereits im Saal seine Sicht der Dinge erläutert und erklärt hatte, keiner der Vorwürfe stimme, vielmehr habe er sich als Callboy verdingen müssen, um seiner angeblich kokainsüchtigen Partnerin ein Luxusleben zu finanzieren, war vom mutmaßlichen Opfer bisher nur eine frühere Befragung per Video eingespielt worden. Nun sollten beide aufeinandertreffen.
Das jedoch passiert nur indirekt. Zwar ist die junge Frau, die inzwischen an einem geheimen Ort lebt, nach Stuttgart gekommen. Sie darf aber auf Antrag ihrer Rechtsanwältin in einem anderen Saal vor einem Bildschirm Platz nehmen. Es wird befürchtet, die Belastung könnte sonst zu groß für sie werden. Die Fragen werden übertragen. Als im Bild kurz der Angeklagte zu sehen ist, dreht sie sich um. Der Mann dagegen verharrt über Stunden nahezu regungslos auf seinem Stuhl und schaut auf die Wand gegenüber.
Immer wieder mit den Tränen kämpfend antwortet die Frau, die aus Polen stammt, auf die Fragen des Gerichts. Schildert, wie sie nach Stuttgart kam und wie sie angeblich schnell vom Angeklagten in Bordelle geschickt worden sei. Wie sie fast täglich verprügelt und gequält worden sei, weil sie ihm zu wenig Geld nach Hause brachte. Wie sie über Jahre habe Aufzeichnungsgeräte am Körper tragen müssen, damit er jeden ihrer Schritte habe überwachen können. Ansprechen lassen habe er sich von ihr nicht mit seinem Namen, sondern mit „mein Imperator“. „Ich wurde gefoltert mit Peitschen, Nadeln und Feuer. Ich war seine Sklavin, sein Besitz“, sagt sie, während sie mit den Fingern nervös einen Ball knetet. Die Details der Schilderungen sind dabei schwer zu ertragen.
Psychischer und körperlicher Druck
Warum sie all das mehr als zehn Jahre lang mitgemacht hat? Dafür hat die Frau eine simple Erklärung: „Ich wollte überleben.“ Was für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist, scheint sich in der stundenlangen Befragung zusammenzufügen. Demnach habe der Mann ihr gedroht, sie überall zu finden. Außerdem habe er sie einen Schuldschein über 150 000 Euro unterschreiben lassen – sogar beim Notar. Er habe gesagt, sie komme deshalb ins Gefängnis, wenn er das wolle. „Ich habe ihm das geglaubt. Ich schäme mich heute dafür, dass ich so naiv gewesen bin“, sagt sie. Völlig isoliert von früheren Freunden und der Familie habe sie sich nicht zu helfen gewusst. Mehrmals fragt der Richter, was wohl passiert wäre, wenn sie sich widersetzt hätte. „Ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte“, antwortet sie.
Erst 2018 zieht sie einen Schlussstrich. Ihren Angaben nach hat der Mann, damals bereits von ihr geschieden, weil er eine reichere Frau habe heiraten wollen, sie zu diesem Zeitpunkt von Polen aus nach Hamburg zum Anschaffen geschickt. Sie fürchtet um ihr Leben und gerät an Leute, die ihr helfen. Geblieben seien schwere körperliche und psychische Folgen, sagt sie. Der Prozess soll in der nächsten Woche fortgesetzt werden.