Das Stuttgarter Landgericht befasst sich seit Dienstag mit einem Fall, bei dem sich dunkelste Abgründe aufzutun scheinen. Einem Mann wird vorgeworfen, seine Frau wie eine Sklavin behandelt zu haben.
Was die Staatsanwältin da in Saal 3 des Stuttgarter Landgerichts verliest, klingt wie eine Horrorgeschichte. Die Anklageschrift handelt von jahrelanger Unterdrückung, von Gewaltexzessen, Abhängigkeit, Folter und Überwachung. Einem 37 Jahre alten Mann wird vorgeworfen, seine Freundin und spätere Ehefrau über Jahre wie eine Sklavin behandelt zu haben. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, soll er sie zur Prostitution gezwungen und mit Schlägen gefügig gemacht haben. Menschenhandel, Zwangsprostitution, Zuhälterei, gefährliche Körperverletzung lauten die Vorwürfe.
Begonnen haben soll all das wie eine Liebesromanze. Kennengelernt haben sich der in Kattowitz geborene deutsche Staatsangehörige und die junge Polin laut Staatsanwaltschaft schon 2008 in Polen. Nur wenige Monate später soll er sie dazu gebracht haben, mit ihm nach Deutschland zu ziehen. Dafür soll sie ihre Ausbildung abgebrochen, einen Job aufgegeben und ihre Familie zurückgelassen haben.
Doch das neue Leben in Stuttgart soll sich dann ganz anders entwickelt haben als erhofft. Da der Angeklagte offenbar keiner Arbeit nachging, soll er im Frühjahr 2009 beschlossen haben, seine Freundin zum Anschaffen zu zwingen, um Geld in die Kasse zu bekommen. Die Frau sei geschockt gewesen, so die Staatsanwaltschaft, weil er sie aber geschlagen habe, sie Sprachprobleme hatte und komplett von ihm abhängig gewesen sei, soll sie schließlich gehorcht haben.
Was in den nächsten Jahren angeblich folgte, klingt auch für erfahrene Juristen erschütternd. Mindestens bis 2018 soll der Mann die Frau, die er später sogar heiratete, immer wieder zur Prostitution gezwungen haben. Mal zu Hause, mal bei den Freiern, mal in Bordellen – je nachdem, wo er den größtmöglichen Gewinn vermutete. Das Geld soll er ihr regelmäßig abgenommen, sogar Tagesvorgaben gemacht haben, die sie zu erfüllen hatte.
Mit Handschellen in die Sauna
Brachte sie nicht genug Einnahmen mit, setzte es Schläge, so der Vorwurf. Er soll sogar zu Foltermethoden gegriffen haben: Auspeitschen mit Kabeln, Fesseln oder Schläge auf den Kopf mit einem Kartoffelstampfer zählt die Anklage auf. Dabei soll er nahezu jeden Schritt seiner Partnerin überwacht haben. Und sie sogar so weit gebracht haben, dass sie sich mit Nadeln selbst bestrafte, wenn ihre Tagesleistung zu gering war. Ihre Figur sollte dabei schlank und kindlich bleiben – dafür soll er sogar ihr Essen kontrolliert und sie bei vermutetem Übergewicht stundenlang mit Handschellen in die Sauna gesetzt haben.
Warum die Betroffene das alles mitgemacht hat? Das soll sie im Lauf des weiteren Verfahrens selbst im Saal erzählen. Auch eine Videobefragung ist bereits gemacht worden, die gezeigt werden soll. Zudem ist eine Sachverständige geladen, die ein Glaubhaftigkeitsgutachten erstellt hat, damit das Gericht besser einschätzen kann, ob die ungeheuren Vorwürfe realistisch sind.
Ein schmächtiger Mann im Anzug
Geklärt werden muss dann auch, wie es letztlich zum Bruch zwischen den beiden und zur Anzeige kam. Bis Sommer 2018 waren sie verheiratet, lebten mal in Deutschland, mal in Polen. Dann ließ sich der Angeklagte scheiden, versuchte aber angeblich auch danach noch, die Frau zur Prostitution zu zwingen. Im März 2022 schließlich erging ein Haftbefehl gegen ihn. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich in Polen. Nach drei Monaten wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen, um auf den Prozess zu warten.
Wer das wirklich ist, der da auf der Anklagebank sitzt, muss sich im Lauf des Verfahrens noch zeigen. Rein optisch will der eher schmächtige Mann im Anzug und mit Fliege so gar nicht zum Klischee eines brutalen Schlägers passen. Fast schüchtern lächelnd verfolgt er die Ausführungen der Staatsanwaltschaft am ersten Tag. Der 37-Jährige hat wohl diverse lange Schriftsätze zu den Vorwürfen eingereicht und will sich auch im Prozess ausführlich gegenüber der fünften Strafkammer äußern.