Hat ein Mann seine Frau über Jahre misshandelt – oder war die Geschichte ganz anders? Foto: picture alliance / dpa/Maurizio Gambarini

Ein Mann soll seine Frau in Stuttgart jahrelang gefoltert und aus Geldgier zur Prostitution gezwungen haben. Die beiden Beteiligten erzählen völlig unterschiedliche Geschichten – gespickt mit bizarren Episoden.

Es ist eine erschütternde Geschichte – so oder so. Und eine voller Lügen. Das Stuttgarter Landgericht verhandelt über einen Fall, in dem einem Mann vorgeworfen wird, eine junge Frau mit Liebesversprechungen aus Polen nach Deutschland geholt zu haben, um sie in Stuttgart dann nach kurzer Zeit zur Prostitution zu zwingen und über Jahre zu foltern und schwer zu misshandeln. Nach den ersten beiden Verhandlungstagen steht nur eines fest: Einer oder eine der beiden muss im Gerichtssaal eine Märchenstunde erster Klasse abgehalten haben. Denn die Versionen, die da erzählt werden, könnten unterschiedlicher nicht sein.

 

Zunächst wird per Video eine vorangegangene mehrstündige Befragung des mutmaßlichen Opfers vorgespielt. Unter Tränen erzählt die Frau da, wie sie ihren entfernten Verwandten 2008 in Polen kennengelernt hat. Sie habe ihr Jurastudium abgebrochen, um ihm nach Stuttgart zu folgen, ihn später sogar geheiratet. Angeschlossen habe sich ein zehnjähriges Martyrium. „Ich dachte, ich sterbe“, sagt die Frau immer wieder, die inzwischen an einem geheimen Ort lebt.

Der heute 37-Jährige habe sich als Sadist erwiesen. Er habe sie aus Geldgier zur Prostitution gezwungen, regelmäßig geschlagen und gefoltert, wenn sie nicht genug verdiente. Verbunden sei all das mit einer Totalüberwachung gewesen. Sie berichtet schluchzend von Schlägen mit dem Baseballschläger auf den Kopf, von Folter mit Feuer und psychischem Druck. „Ich war kein Mensch. Ich war eine Sklavin für ihn.“ Er habe sie einen Schuldschein über 150 000 Euro unterschreiben lassen und gedroht, sie überall zu finden, wenn sie fliehe.

Erst 2018 endet das Leiden in der Version der Frau. Ihr Peiniger habe beschlossen, sich scheiden zu lassen, weil er eine andere, reichere Frau kennengelernt habe. Trotzdem hätte sie weiter für ihn anschaffen sollen – er habe sie dazu von Polen aus, wo sie inzwischen lebten, nach Hamburg geschickt. Dort erstattete sie schließlich Anzeige gegen ihn. Bis es zum Verfahren gekommen ist, sind über fünf Jahre vergangen. Sie habe noch immer Angstzustände, Zwangsstörungen und zahlreiche körperliche Leiden, so die Frau.

Als Callboy für sie Geld verdient?

In den fünf Stunden, die der Angeklagte danach im Saal spricht, klingt das völlig anders. Er berichtet, die Frau habe ihn gebeten, sie nach Deutschland zu holen. In Stuttgart habe sie sich als äußerst anspruchsvoll und geldgierig erwiesen. Bereits nach wenigen Monaten sei sie über einen anderen Mann mit Kokain in Kontakt gekommen und drogensüchtig geworden. Um das nötige Geld zu verdienen, habe sie sich prostituiert. Als er das mitbekommen habe, sei für ihn eine Welt zusammengebrochen. „Ich habe sie geliebt. Ich wollte eine anständige Frau. Ich wollte nicht, dass sie das tut“, berichtet der Mann – ebenfalls unter Tränen. Deshalb habe er beschlossen, als Callboy zu arbeiten, um ihr teures Leben zu finanzieren. Immer wieder habe sie ihn betrogen und ihm versprochen, mit den Drogen aufzuhören: „Aber sie kam nicht davon los.“ Erst 2018 habe er es geschafft, sich von ihr zu trennen.

Die Erzählungen wimmeln nur so von bizarren Episoden und Unstimmigkeiten. Zehn Jahre zum Beispiel sollen die beiden ein Paar gewesen sein, ohne dass es Freunde oder Bekannte gäbe, die das bestätigen könnten. Nur die Mutter des Angeklagten berichtet von der „toxischen“ Beziehung mit einer in ihren Augen gierigen Frau, die ihren Sohn sogar zu einem Suizidversuch getrieben habe. E-Mails und Briefe tauchen als Beweismittel auf, bei denen der Verdacht einer Fälschung besteht. Eine Beziehung voller Tragik – egal, welche Version sich als richtig herausstellt. Am nächsten Prozesstag werden die beiden direkt aufeinandertreffen. Die Frau soll dann persönlich aussagen.