Andrea Schweikart soll ein Jahr Bauarbeiten und danach eine saftige Mieterhöhung hinnehmen – dagegen wehrt sie sich. Foto: Lichtgut/Jan Reich

Die Proteste gegen den Wohnungsriesen Vonovia gehen weiter. Mieter und mehrere Fraktionen im Rathaus wehren sich gegen die angekündigten Modernisierungen samt folgenden massiven Mieterhöhungen. Das zeigt jetzt erste Wirkung.

Stuttgart - Andrea Schweikart hat einen Aktenordner vor sich auf dem Tisch liegen. Noch gibt es Luft zwischen den beiden Pappendeckeln. Doch das wird sich aller Voraussicht nach ändern. „Den habe ich grade angelegt, und ich befürchte, er wird sich rasch füllen“, sagt die Frau aus Untertürkheim. Denn Andrea Schweikart beabsichtigt wie diverse andere Stuttgarter, gegen das größte deutsche Immobilienunternehmen Vonovia vorzugehen – ihren Vermieter.

Grund ist ihre an sich schöne Wohnung am Rande zu Bad Cannstatt. 74 Quadratmeter in einem Wohnblock im Grünen, wie er in Stuttgart häufig zu finden ist. Gemischtes Publikum, Familien, viele ältere Leute, eine bezahlbare Miete. Doch das soll sich ändern.

Vonovia besitzt in der Landeshauptstadt inzwischen über 4600 Wohnungen. 279 davon sollen allein in diesem Jahr modernisiert werden, zahlreiche weitere werden folgen. Nach den Umbaumaßnahmen, das hat die Vonovia per Brief angekündigt, werden viele davon auf die Mieter umgelegt. Für Familie Schweikart bedeutet das: Ihre Kaltmiete steigt um 228,56 Euro. Statt 850 Euro warm werden künftig fast 1100 Euro fällig.

Im Gegenzug gibt es ein moderneres Haus mit Fahrstühlen, zusätzlicher Wärmedämmung, neuen Türen und Elektroleitungen sowie einen sanierten Balkon. „Das hat der aber gar nicht nötig“, sagt Andrea Schweikart und erzählt, dass manche Balkone im Haus erst vor einem Jahr gerichtet worden seien. Neben der Mieterhöhung darf sie künftig eine Energieeinsparung von 39 Cent pro Quadratmeter erwarten, teilt das Schreiben mit – und eine einjährige Großbaustelle. Denn oben auf die Häuser wird ein zusätzliches Geschoss aufgesetzt.

Einschränkungen während der Bauzeit

„Balkon, Keller und Dachboden können während der Sanierung zeitweise nicht genutzt werden“, sagt Schweikart, die seit acht Jahren in dem Haus an der Augsburger Straße wohnt. Und: „Uns bleibt angesichts der Mieterhöhung nur, eine andere Wohnung zu suchen – oder ich finde einen Zweitjob, um das alles bezahlen zu können.“ Inzwischen hat sie sich einen Anwalt genommen und Einspruch eingelegt.

Da ist sie nicht die Einzige. In der Friedhofstraße im Nordbahnhofviertel laufen seit Wochen Proteste gegen die Sanierung von 81 Wohnungen der Vonovia. Dort sind Mieterhöhungen von zum Teil um die 60 Prozent angekündigt. Laut Einschätzung des Mietervereinsvorsitzenden Rolf Gaßmann gehe es Vonovia „nur um Maximierung der Rendite auf Kosten der Mieter“.

Bei Versammlungen an mehreren Standorten in dieser Woche hat das Unternehmen solche Vorwürfe zurückgewiesen und die Maßnahmen erklärt. Laut Vonovia seien nur wenige Mieter gekommen, man habe verschiedene Dinge besprochen und auch Zugeständnisse gemacht. Aus Teilnehmerkreisen wird allerdings von durchaus hitzigen Diskussionen berichtet – und die allgemeine Skepsis bekundet, dass die Häuser überhaupt energetisch saniert werden müssten. So weisen die Hochhäuser an der Friedhofstraße laut Energieausweis gute Werte auf.

Politik schaltet sich ein

Der Druck auf Vonovia wächst inzwischen. Im Zuge der derzeit allgemein heftigen Debatte über den Stuttgarter Wohnungsmarkt haben auch die Fraktionen SPD und SÖS/Linke-plus im Gemeinderat einen besseren Schutz für die Vonovia-Mieter gefordert. All das zeigt offenbar erste Wirkung.

„Den Mietern in der Friedhofstraße 11 haben wir zwischenzeitlich eine Staffelung der Mieterhöhung auf die nächsten fünf Jahre angeboten“, sagt eine Vonovia-Sprecherin. Die Erhöhung sei auf das Niveau „einer nachhaltig erzielbaren Miete gekappt“ worden, obwohl die rechnerisch mögliche Um­lage mehr zulassen würde.

Die Sprecherin betont, man wolle die bisherigen Mieter nicht vertreiben. „Wir gehen mit Augenmaß vor. Wir haben Verständnis für Verunsicherung und stehen auch für die Politik und den Mieterverein jederzeit zum Dialog bereit.“ Mit Letzterem habe bereits ein erstes Gespräch stattgefunden. Bei der Weiterentwicklung der Quartiere durch die Stadt stehe man „als Akteur und Partner zur Verfügung“. Persönliche Härten durch die Mieterhöhung nehme man „sehr ernst“ und versuche, „im Einzelfall Lösungen dafür zu finden“.

Protest auf dem Marktplatz

Die Infoveranstaltungen seien leider nicht so gut besucht gewesen, wie man sich das gewünscht hätte, merkt die Sprecherin noch an. Überraschenderweise hätten manche Mieter sogar noch zusätzliche Renovierungswünsche geäußert. Die verschiedenen Mieterinitiativen schildern da einen ganz anderen Eindruck. Und Andrea Schweikart in Untertürkheim sagt: „Viele machen sich Gedanken. Aber sie haben auch Angst, dass sie Ärger bekommen, wenn sie gegen die Mieterhöhung vorgehen.“ Sie selbst wird das tun – im Aktenordner ist ja noch Platz.

Die Diskussion über die Mieten in ­Stuttgart mündet in eine weitere Protest­aktion. Das Aktionsbündnis Recht auf Wohnen lädt am Montag, 2. Juli, um 19 Uhr zur Kundgebung auf den Marktplatz. Zu den Rednern zählt auch ein Vertreter einer ­Vonovia-Mieterinitiative.

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