Leni Breymaier (SPD) spricht von einem „hochkriminellen Milieu“. Foto: dpa/Marijan Murat

Die Not der Prostituierten in der Krise ist unumstritten, aber über die Konsequenzen daraus herrscht ein erbitterter Streit zwischen Gegnern und Befürwortern. Rund 40 Bordellbetreiber haben nun Anzeige gegen eine Bundestagsabgeordnete erstattet.

Berlin/Stuttgart - Die Not der Prostituierten in der Krise ist unumstritten, aber über die Konsequenzen daraus herrscht ein erbitterter Streit. Während Prostitutionsgegner wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier ein sofortiges Sexkaufverbot und Ausstiegshilfen fordern, wollen die Betreiberinnen und Betreiber von Bordellen ihre Betriebe – unter Einhaltung von Hygienekonzepten – so schnell wie möglich wieder öffnen.

Nun ist die Auseinandersetzung weiter eskaliert. Breymaier, Abgeordnete aus Aalen und ehemalige SPD-Landesvorsitzende, sagte in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe unter anderem, es könne nicht sein, „dass der Staat Kriminelle unterstützt, indem er Steuergeld an Bordelle ausreicht, in denen Frauen zur Prostitution gezwungen werden und es zu massiven Menschenrechtsverletzungen kommt“. Rund 50 Bordellbesitzer aus ganz Deutschland fühlen sich dadurch zu Unrecht pauschal an den Pranger gestellt. Auf einer virtuellen Pressekonferenz teilten sie mit, bereits um die 40 Strafanzeigen bei den Staatsanwaltschaften Berlin und Stuttgart gegen Breymaier eingereicht zu haben. Unter anderem wegen übler Nachrede und Verleumdung.

Die Bordellbesitzer – unter ihnen Nenad Kekenj aus Freiburg und John Heer aus Stuttgart – verweisen darauf, dass in ihren genehmigten und regelmäßig überprüften Betrieben ein teilweise „familiärer Umgang“ mit den Frauen herrsche, die dieser Arbeit aus freien Stücken nachgingen und angemeldet seien. Sie alle würden seit Jahren regulär Steuern zahlen. In der Krise hätten die Bordellbetreiber die Frauen mit Unterkünften unterstützt und ihnen bei der Beantragung von Hilfsgeldern geholfen.

John Heer ärgert sich über die Vorwürfe Breymaiers auch deshalb, weil er mit dem Stuttgarter Verein Sisters, deren Vorsitzende Leni Breymaier ist und der Prostituierte beim Ausstieg unterstützen will, in letzter Zeit gut zusammengearbeitet habe, etwa beim Ausfüllen der Anträge auf Hilfsgelder.

Die SPDlerin hält im Gespräch mit unserer Zeitung an ihren Aussagen von einem im allgemeinen „hochkriminellen Milieu“ fest. Die Krise habe einmal mehr ein „menschenverachtendes System“ offenbart. Weil viele Frauen nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt oder als Selbstständige gemeldet seien, fielen sie durch sämtliche finanziellen Hilfsraster, viele hätten nicht mal mehr eine Unterkunft und arbeiteten im Verborgenen auf dem Straßenstrich, in Terminwohnungen oder in Hotels weiter. Bereits im Frühjahr hatte Breymaier deshalb zusammen mit 15 weiteren Bundestagsabgeordneten von CDU und SPD ein sofortiges Sexkaufverbot gefordert.

Die Strafanzeigen sieht sie gelassen. „Mit meiner Penetranz gehe ich der Branche auf den Wecker. Aber das ist gut so, sie hat viel zu lange keinen ernsthaften politischen Widerstand bekommen“, sagt Breymaier unserer Zeitung. Das sogenannte nordische Modell, das Breymaier propagiert, sieht ein Sexkaufverbot vor, durch das sich nicht die Frauen, sondern die Freier strafbar machen. Begleitet wird es von umfangreichen Hilfen für die sich prostituierenden Männer und Frauen, etwa mit Unterkünften, Therapien und Berufsausbildungen. „Ich freue mich auf die mit der Strafanzeige ermöglichte öffentliche Debatte“, so Breymaier.

Ob ein Ermittlungsverfahren begonnen wird, entscheiden nun die Staatsanwaltschaften Berlin und Stuttgart, bei denen die Anzeigen aufgrund der Dienst- und Wohnsitze von Breymaier eingegangen sind.

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