Fahrlehrer im Kreis bekommen ihre Schützlinge nicht für die Fahrprüfung angemeldet. Sie berichten von Wartezeiten und untragbaren Zuständen beim Tüv Süd. Großer Frust bei allen Beteiligten – Fahrlehrer Andreas Rupp weiß, was man jetzt tun sollte und was nicht.
Für Andreas Rupp gibt es keinen Zweifel: So wie die Situation momentan ist, kann es nicht weiter gehen. Der Fahrlehrer, der die Academy Fahrschule Rupp in Backnang betreibt, meint damit die Wartezeit, die aktuell anfällt, bis einer seiner Fahrschüler einen Prüfungstermin erhält. „Wenn ich jetzt einen Schüler habe, der gut genug fährt, dass er die Prüfung machen könnte, dann kriege ich in etwa sieben Wochen einen Prüfungstermin für ihn. Das ist ein massives Ärgernis und so nicht tragbar.“ Es sei ein Problem, das die Fahrschulen schon seit fast zwei Jahren beschäftige. „Der Tüv Süd hat zu wenige Fahrprüfer für das Marktgebiet Stuttgart, zu welchem auch der Rems-Murr-Kreis zählt. In anderen Gebieten gibt es das Problem so nicht.“
Es entstehen Unannehmlichkeiten für alle Beteiligten
Das gehe mit Unannehmlichkeiten für alle – Fahrschulen, Schüler und Eltern – einher, beispielsweise weil Fahrschüler nachgeschult werden müssen. „Wir werden dadurch mitunter sogar beschuldigt, wir würden noch mehr Geld mit Extrastunden machen wollen und deshalb die Prüfung rauszögern. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wer fertig ist, soll vom Hof, damit andere nachrücken können“, sagt Andreas Rupp und fordert den Tüv Süd zum Handeln auf – denn alles, was bisher an Lösungsvorschlägen passiert ist, ist in den Augen des Backnanger Fahrlehrers nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. „Teils wurden Prüfer aus dem Ostalbkreis ausgeliehen. Zudem hat der Tüv Süd zuletzt samstags bei einer groß angelegten Aktion Zusatzprüfungen angeboten, aber das ist nur eine Verlagerung und nicht eine Lösung des Problems“, sagt der Fahrlehrer der Academy Fahrschule und fügt hinzu, dass es natürlich besser sei als gar nichts.
Vincenzo Lucà vom Tüv Süd sieht die Lage nicht ganz so dramatisch
Vincenzo Lucà, Pressesprecher von Tüv Süd, sieht die Situation gar nicht so dramatisch: „Die Wartezeiten in Stuttgart sind zwischen drei und fünf Wochen, normalerweise sind es zwei bis drei Wochen.“ Trotzdem wolle man das Problem auch nicht wegreden, sondern sei um Lösungen bemüht. Auch eine Erklärung hat Lucà parat: „Wie in anderen Betrieben herrscht bei uns Fachkräftemangel.“ Zum einen brauche es in der Metropolregion Stuttgart besonders viel Personal, zum anderen sei das nicht einfach zu finden.
Eine Sonderregelung beim Tüv Süd hat nur wenig Entspannung gebracht
Das liegt laut Pressesprecher Lucà daran, dass die Fahrprüfer amtlich anerkannte Sachverständige sein müssen und nach einem Ingenieurstudium eine zweijährige Ausbildung absolvieren müssen. Erst dann sind sie befähigt, Fahrprüfungen durchzuführen und auch Fahrzeuge auf technische Mängel zu untersuchen. Seit Frühjahr 2022 habe das Landesverkehrsministerium dem Tüv Süd aber eine Sonderregelung zugestanden: Das Unternehmen darf seitdem Personen innerhalb von sieben Monaten zum Fahrprüfer ausbilden. Auf diesem Weg konnten laut Lucà nun sechs neue Prüfer ausgebildet werden, die noch diesen Monat ihre Arbeit aufnehmen. Zwei weitere sollen im Dezember, sechs weitere zu Beginn 2024 folgen. „Wir versuchen, die Situation für alle Beteiligten zu verbessern“, sagt Vincenzo Lucà.
Die Fahrlehrer sind sich einig, dass schnell etwas passieren muss
Darauf hofft auch Marcus Fritz, Inhaber der Fahrschule Bischof, der Filialen im gesamten Rems-Murr-Kreis hat. „Viele Kollegen erzählen uns, dass es bei ihnen gut funktioniert. Und hier im Großraum Stuttgart ist die Lage so schlimm, das ist auf jeden Fall ein großes Thema. Da muss was passieren“, sagt Marcus Fritz. Die Politik des Tüv Süd sei bekannt, sagt der Fahrschullehrer und spricht von einem wirtschaftlichen Problem. „Die Wartezeiten für Prüfungen sind ewig. Wenn jemand durchfällt, ist es vollends vorbei. Das ist schon fast geschäftsschädigend.“ Genau wie seine Kollegen würde sich Marcus Fritz, der auch eine Filiale in Fellbach betreibt, wünschen, dass die vielen Fahrschüler zeitnah einen Prüfungstermin erhalten und dann neue nachrücken können. „Wenn es zu lange dauert, dann verlernen die Schüler ja manches wieder und brauchen Auffrischungsstunden“, sagt Fritz, der auch im Prüfungsausschuss für angehende Fahrlehrer sitzt. Zudem ist er stellvertretender Vorsitzender im Fahrlehrerverband. Deren Vorsitzender heißt Steffen Schmidt von der gleichnamigen Fahrschule in Sulzbach an der Murr. Und der spricht angesichts der aktuellen Lage von einem massiven Problem, bei dem man komplett hängengelassen werde. „Mit Zusatzterminen am Samstag hat man versucht, die Kuh vom Eis zu holen, das ist aber nicht ausreichend.“ Das Problem sei nicht von heute auf morgen entstanden. „Wenn man den Tüv Süd angemahnt hat, bekam man immer nur zu hören, dass schon alles klappen würde“, sagt Schmidt. Er erklärt sich das Problem damit, dass das Marktgebiet des Tüv Süd immer weiter erweitert worden sei, „doch das Personal für die größere Abdeckung ist nicht vorhanden“.
Genau wie Andreas Rupp muss er deshalb quasi würfeln, welcher Schüler zur Prüfung darf – zudem nutzen die Fahrlehrer jede freie Minute, um zu schauen, ob online neue Prüfungstermine reingestellt worden sind. „Wenn ich nicht gerade das mache, bin ich am Handy. Jeden Tag kommen Anrufe von Fahrschülern anderer Schulen, die wissen wollen, ob wir Prüfungstermine haben.“ Denen kann Andreas Rupp angesichts der angespannten Lage nur einen Tipp geben: „Ich sage denen, dass sie bloß nicht wechseln, sondern da bleiben sollen, wo sie sind. Denn da versucht man ihnen so schnell, wie es gerade geht, zum Abschluss zu verhelfen.“