Vor 100 Jahren gründete Rudolf Steiner in Stuttgart die erste Waldorfschule der Welt. Felix Gleich war begeisterter Waldorfschüler. Seit seine Tochter die Schule besucht hat, sieht er einige Dinge kritischer als früher.
Stuttgart - „Als Kind hattest du als Waldorfschüler verloren“, erzählt Felix Gleich (43). Baumschüler, die ihre Namen tanzen und zu dumm für eine öffentliche Schule sind, so das Vorurteil Anfang der 80er. „Völliger Quatsch“, sagt Gleich, heute Diplom-Betriebswirt bei der Stadt Waiblingen, damals Schüler der Freien Waldorfschule Engelberg (FWSE). Ein Großteil seiner Mitschüler hätte Abitur gemacht. „Das waren die gleichen Prüfungsaufgaben wie an den staatlichen Schulen. Und die Noten der Waldorfschüler konnten sich absolut sehen lassen.“
Pro: Die Vielfalt des Unterrichts
Er habe sich unheimlich wohlgefühlt auf dem Engelberg, erzählt Gleich. Natürlich habe er seinen Namen tanzen müssen, aber neben Eurythmie und den klassischen Schulfächern lernten die Schüler eben auch etwas über Gartenbau, Buchdruck und Schmiedekunst, arbeiteten mit Holz, Kupfer oder Stoff. „Man erfährt dabei viel über die Grundlagen der Menschheit und ihrer Entwicklung.“
Pro: Das Menschenbild
Er sei kein Jünger des Waldorf-Gründers Rudolf Steiner gewesen, aber „mir hat das Menschenbild gefallen, das dort gelebt wurde. Die Bedürfnisse des Kindes standen im Vordergrund. Das hat vieles einfacher gemacht.“ Denn Felix Gleich hat seit Geburt keine Arme. Handwerk war dennoch nie ein Problem. „Nur eben mit den Füßen.“ Auch Theater, Orchester – mit Felix an der Flöte – und freie Rede gehörten zum Unterricht.
Pro: Die Kontinuität
Ein weiteres Plus: die Kontinuität. In der Waldorfschule bleiben die Schüler von der ersten Klasse bis zum Abschluss zusammen. „Zum letzten Klassentreffen musste ich mich ein bisschen aufraffen.“ Am Ende sei er um fünf Uhr morgens nach Hause gekommen. „6.15 Uhr“, korrigiert ihn seine Frau Peggy lachend. „Wenn du so lange mit den gleichen Leuten in einer Klasse bist, verbindet das natürlich. Es gibt dir Wurzeln – und eine Sicherheit, von der du dein Leben lang profitierst. Gerade in einer Zeit, in der sich so viel verändert und du immer flexibler werden musst.“
Felix verließ die FWSE nach dem Realschulabschluss und machte sein Abitur an einem staatlichen Gymnasium. „Ich war ein fauler Hund und das schien mir der leichtere Weg.“ Die Begeisterung für die Waldorfschule war dennoch so groß, dass Felix Jahre später auch seine Tochter Anna auf dem Engelberg anmeldete. Erst im Kindergarten, dann an der Schule. Bis zur dritten Klasse. Dann war Schluss.
Der Anstoß kam vom Kind. „Anna war von Anfang an kein klassisches Waldorfkind. Ich habe die Geschichten über Elfen, Feen und Zwerge geliebt, Anna konnte damit nichts anfangen.“ Zu Beginn sei alles gut gegangen, Anna ging gerne zur Schule. Dann kippte es.
„Anna konnte früh lesen und schreiben, ist sehr wissensdurstig und ergebnisorientiert. Doch auf der Waldorfschule wird bewusst ohne Druck und Noten gearbeitet. Und genau das fehlte ihr.“ Die Gleichs waren zunächst alles andere als glücklich darüber, dass Anna die Schule wechseln wollte.
„Eines Tages hat sie uns erklärt: ,Ich will nicht mehr auf die Waldorfschule gehen, ich will doch vorankommen im Leben.‘“ Damit war die Sache geschwätzt.
Kontra: Die fehlende Kontinuität
Doch auch Felix hinterfragte das System zunehmend. Schon der Start war holprig. Statt einer Klassenlehrerin hatte Anna bereits in der ersten Klasse drei verschiedene Klassenlehrerinnen. Von der Kontinuität, die Felix in seiner Kindheit so genossen hatte, keine Spur. So konnte sich nur schwer ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln, was für die Art des Lernens in einer Waldorfschule so wichtig sei, betont er.
Kontra: Die Uniformität
Auch andere Dinge missfielen ihm. Etwa der Umgang mancher Lehrer mit den Schülern in Bezug auf ihre Individualität – innerlich wie äußerlich. So wurde Anna in der ersten Klasse verboten, Schuhe anzuziehen, die beim Laufen unmerklich an der Sohle blinkten. „So unmerklich, dass wir es gar nicht gemerkt haben, bis uns die Lehrerin darauf hingewiesen hat.“
Eltern wurden angehalten, die Kinder in gedeckten Farben zu kleiden, die Jungs gebeten, die Haare kurz zu tragen, die Mädchen sollten ihr langes Haar zusammenbinden. „Solche Lehrer hatten wir damals auch. Aber meine Klassenlehrerin war da anders. Ich hatte immer das Gefühl, der sein zu dürfen, der ich bin – oder der ich zu sein dachte.
Man muss ja experimentieren und sich ausprobieren. Wann soll ich mir die Haare denn sonst grün färben, wenn nicht während der Schulzeit?“
Kontra: Der Umgang mit dem Fortschritt
Als noch gravierenderes Problem empfand Gleich aber den Umgang mit dem technischen Fortschritt: Stichwort Fernsehen, Tablets und Smartphones. „Natürlich soll ein Kind nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen oder mit dem Handy der Eltern spielen. Natürlich muss ein Kind den Umgang mit diesen Geräten lernen. Aber dazu muss es damit umgehen. Es zu verbannen oder zu verteufeln bringt nichts“, sagt er. „Steiner war ein fortschrittlicher Mensch und seiner Zeit in vielen Dingen voraus. Der würde vermutlich im Grab rotieren, wenn er sehen würde, wie schwer sich viele Waldorfschulen damit tun, sich dem Fortschritt öffnen.“
Kontra: Fehlendes Engagement
Dennoch oder auch gerade deswegen engagierten sich die Gleichs, versuchten mitzugestalten. Doch wie in vielen anderen Vereinen auch bleibt am Ende viel an wenigen hängen. „Auch früher hat sich die ein oder andere Familie vielleicht etwas weniger eingebracht, aber heute habe ich das Gefühl, dass sich immer weniger Eltern mit der Schule und der Pädagogik identifizieren“, sagt der 43-Jährige.
„Es gibt immer mehr Quereinsteiger, die die Waldorfschule als zweite Chance für ihre Kinder sehen, die im staatlichen System nicht zurechtkommen – und immer mehr private und freie Schulen, die um die Schüler konkurrieren.“ Die Leistungsbreite wird immer größer, das Unterrichten immer schwieriger.
Seine inzwischen zehnjährige Tochter wechselt nach den Ferien von der örtlichen Grundschule auf das Gymnasium. „Das letzte Jahr in Beinstein war für Anna ein tolles Jahr. Da sie hier zur Schule gegangen ist, hat sie jetzt auch im Ort viele Freunde gefunden, was vielen Waldorfschülern wegen der räumlichen Distanz verwehrt bleibt.“
Die Gleichs sind dennoch froh, dass ihre Tochter auf der Waldorfschule war: „Anna hatte das große Glück, ab der zweiten Klasse einen wunderbaren Lehrer zu bekommen, der die Werte gelebt hat, für die die Waldorfschule stehen sollte: gegenseitiger Respekt sowie Wertschätzung Mensch und Natur gegenüber. Und er gab den Kindern die Freiheit, so sein zu dürfen, wie sie sind.“
Und doch: „Für mich war die Waldorfschule genau das Richtige, für Anna nicht.“