Erst Staranwältin, die Vergewaltiger rauspaukt, dann selbst Opfer: In Stuttgart schlüpft Stefanie Kimkait in die herausfordernde Rolle der Tessa. Foto: Schauspielbühnen/Martin Sigmund

Die Schauspielbühnen zeigen Suzie Millers preisgekrönten Bühnenhit „Prima Facie“ im Theaterhaus. Stefanie Klimkait spielt die Anwältin Tessa, die selbst Opfer wird.

Prima facie? Schwieriger Titel für ein Theaterstück. Doch mit dem Begriff aus der Rechtsprechung werden nach dieser Spielzeit nicht nur Juristen etwas anfangen können. Denn der preisgekrönte Monolog der australischen Autorin Suzie Miller verhandelt ein brisantes Thema und ist deshalb nach der deutschen Erstaufführung in Berlin auf vielen Bühnen zwischen München und Hamburg zu sehen.

 

Auch in Stuttgart, wo Axel Preuß, der Intendant der Schauspielbühnen, selbst inszeniert. Stefanie Klimkait spielt die Rolle der Anwältin Tessa, deren Erfolg darauf beruht, Männer aus Vergewaltigungsanklagen rauszupauken – bis sie selbst zum Opfer wird und in ihr Zweifel an den Mechanismen eines von Männern gemachten Rechtssystems erwachen. Eine Vergewaltigung ist darin unter Umständen nur auf den ersten Blick, also prima facie, ein Gewaltakt.

Stefanie Klimkait in „Prima Facie“ Foto: Schauspielbühnen/Martin Sigmund

Einen Schreibtisch, einen Stuhl, ein paar Aktenordner und Kleidungsstücke - mehr braucht es nicht, um diesen Monolog zu rahmen. Auf der Probenbühne am Ostendplatz springt der Blick von Stefanie Klimkait mit nervösem Flackern von einem fiktiven Ansprechpartner zum nächsten, als sie eine Szene aus dem Kreuzverhör durchspielt und Tessa als doppeltes Opfer zeigt – als das einer Vergewaltigung und einer sie verunsichernden Verteidigungsstrategie, die sie als Anwältin bestens kennt.

Warum verteidigt Tessa Vergewaltiger?

Dieses finale Kreuzverhör, erklärt Stefanie Klimkait, sei auch der Ausgangspunkt des Monologs. In Rückblicken mache „Prima Facie“ mit Tessa bekannt. „Ich mag sehr, wie das Stück zu Beginn Tessa als Vollblutanwältin vorstellt, die total hinter dem Rechtssystem steht“, sagt die Schauspielerin. Schuldig sei für Tessa nur jemand, dessen Schuld eindeutig nachweisbar sei. Warum glaubt sie als Frau anderen Frauen nicht, warum übernimmt sie als Anwältin überhaupt solche Fälle? „Das sind alles Fragen, mit denen das Stück Tessa konfrontiert“, sagt Stefanie Klimkait.

Dass Suzie Miller selbst Strafverteidigerin war, macht Tessas Monolog plausibel. Doch ist er auch guter Bühnenstoff? „Ja, das ist ein tolles Theaterstück“, sagt die Darstellerin. „Weil es so viele Sequenzen hat, ist es kein pures Gerichtsdrama und sehr kurzweilig. Es gibt gute Einblicke in die Figur und ihre Entwicklung.“ Und seine Frage nach der weiblichen Erfahrung von sexualisierter Gewalt bleibt aktuell, wie etwa die Prozesse gegen Donald Trump zeigen.

Tessas schwerer Kampf um ihre Rechte

„Ich hatte großen Respekt vor dem Thema“, sagt Stefanie Klimkait. „Aber Suzie Miller greift es sehr geschickt auf, indem Tessa es am eigenen Leib erfährt und sie beginnt, das Rechtssystem zu hinterfragen.“ Dass man die Anwältin nicht nur als stark und selbstbewusst erlebe, sondern auch beim schweren Kampf um ihre Rechte, „das sorgt für eine schöne Balance“, sagt die Stuttgarter Tessa.

Extreme Emotionen ohne Anlauf

Wie orientiert sich eine Darstellerin in dem Monolog mit vielen Zeitsprüngen und fiktiven Ansprechpartnern? „Vieles ist körperlich gespeichert und ergibt sich aus der Bewegung, wenn Tessa nach Robe oder Akten greift“, erklärt Stefanie Klimkait. Auch die unterschiedlichen Stimmungen Tessas erleichterten das Zurechtfinden. „Es gilt, ohne Vorlauf extreme Emotionen abzurufen“, freut sich die Schauspielerin über die Herausforderungen von „Prima Facie“.

Großes Interesse am Thema

Dass es derzeit auf den deutschen Bühnen so viele andere Tessas gibt, macht Stefanie Klimkait nicht nervös, im Gegenteil. „Es ist ein super geschriebenes Stück mit einem sehr aktuellen Thema. Es freut mich, dass sich so viele dafür interessieren“, sagt die Schauspielerin. „Aber eine andere Vorstellung wollte ich mir auf keinen Fall vor meiner eigenen Premiere ansehen.“

Termine Die Schauspielbühnen zeigen „Prima Facie“ im Theaterhaus. Premiere ist an diesem Donnerstag, 8.2., um 20.15 Uhr. Weitere Aufführungen bis 11. Februar sowie am 2. und 3. März, 6. und 7. April.