Stinkende Brühe, wo einst der Mühlbach floss: Szene aus „Pfisters Mühle“. Foto: Ostkreuz

Drama im Stuttgarter Schauspielhaus. Der Darsteller Wolfgang Michalek hatte sich auf der Probe verletzt. Der Regisseur Armin Petras sprang am Samstag höchstselbst ein. Sehenswert war seine gut zweistündige Inszenierung nach Wilhelm Raabes Roman „Pfisters Mühle“ aber aus vielen Gründen.

„Einige wissen, dass ich hier nicht stehen und sprechen sollte“, sagt Klaus Dörr am Samstag vor Beginn der Premiere von „Pfisters Mühle“ im Schauspielhaus Stuttgart. Tatsächlich tritt der Künstlerische Direktor des Hauses stets zur Verkündung schlechter Nachrichten vor den Vorhang. Schauspieler Wolfgang Michalek liegt im Krankenhaus. Er hat sich am letzten Probentag eine Fraktur zugezogen, wurde bereits operiert. Was tun? Dörr: „Es gibt einen Mann, der die Inszenierung gut kennt, auch wenn er kein Schauspieler ist. Armin Petras.“ Der Hausherr und Regisseur werde Wolfgang Michaleks Part - den des Erzählers Ebert Pfister - übernehmen. Und: Er hat das ganz gut gemacht. Den Text auswendig erzählt, ohne schauspielerisch zu dilettieren.

„Pfisters Mühle“ (1884) gilt als erster Umweltoman der Literaturgeschichte. Heute eher weniger gelesen, von der Bühne erst recht nicht beachtet. Zu Unrecht. Petras kürzt manch schwerfällig Erzähltes, erfindet hinzu, springt aber seltener als der Schriftsteller Wilhelm Raabe zwischen der Vergangenheit und der Zeit, in welcher der Erzähler lebt.

Die Figur des Ebert Pfister ist freilich ein bisschen auch eine Regierolle: Ebert besucht mit seiner jungen Frau Emmy (Svenja Liesau) die väterliche Mühle. Währenddessen schreibt er an einer Art „Sommerferienheft“. Inhalt? Wie es dazu kam, dass Vater Pfister die Mühle samt Ausflugslokal aufgab. Eine Zuckerfabrik hatte ihr giftiges Abwasser in den Bach geleitet. Die Folgen sind unerträglicher Gestank und tote Fische im Fluss.

Dieses Drama wird gespielt, währenddessen stellt sich Petras’ als Ebert Pfister mit einer Schreibfeder in der Hand neben die Figuren, heißt sie schweigen, reden. Figuren, die verzweifelt versuchen, in einem Zwischenraum von gestern, heute und morgen zu überleben. Es sind lauter Solitäre, zuweilen droht der Abend in Momentaufnahmen, Solonummern zu zerfallen. Doch in einprägsame, vor allem, wenn es um die Frage Wirtschaft versus Kunst geht.

Chemiker Asche (Holger Stockhaus) wird Kapitalist und reich auf Kosten der Natur. Die Künstler - chancenlos und Chancen vertuend: Lehrer und Hobbydichter Ebert Pfister interessiert sich nur dafür, ob er alles interessant genug aufzeichnet. Michael Klammer, der den Dichter Felix Lippolds verkörpert, hadert mit seiner Rolle als „Der Andere, der Fremde“. Er bekommt freilich in der Inszenierung die albtraumverhangen schönsten Auftritte, wenn er in Erlöserpose auf dem Turbinenrand steht oder wenn er mit neongelber Halskrause von Scheinwerfern angestrahlt ein nihilistisches Gedicht herausbrüllt.

Wie aber stellt man den Wandel dar: Eine lauschige Mühle, die vom Gestank des industriellen Fortschritts zerstört wird? Die Bühne von Künstler Martin Eder funktioniert grandios auf allen Zeitebenen. Er platziert eine Riesenturbine im Zentrum der betonartigen Bühnenrückwand. Der Rotor erinnert an Schaufelräder einer Mühle. Vater Pfister (Peter Kurth) ist Fatalist. Er räumt in einem Wutanfall über die Umweltschweinereien das komplette Bühnenmobiliar in den Graben.

Und er gewinnt den Prozess gegen die Fabrik und gibt doch auf. Er weiß, seine Zeit ist um. Schweigend, verächtlich wendet er sich ab, wenn Chemiker Asche ihm zwar gegen die Zuckerfabrik hilft, dann aber sein Wissen zu Geld macht und mit immer heftiger sich überschlagender Stimme, „Erdenlappenlumpenundfetzenreinigungsinstitut“, den Titel seiner neuen, in Berlin gegründeten Seifen-Fabrik wiederholt. Am Ende klingt er, als hielte er eine Nazi-Propagandarede, Anspielung womöglich an diejenigen Unternehmen, die Adolf Hitler in seinem Vernichtungswahn assistierten.

Das Turbinenbild funktioniert als Chiffre für das industrielle Zeitalter, welches das agrarische ablöst. Die Turbine - ein Antriebsmittel der Moderne. Wie Raabe verurteilt Petras nicht, erlaubt sich aber auch keine Öko-Romantik. „Was tun wir, wenn die Natur aus ist? lässt er den jungen Ebert Pfister (Sebastian Wendelin) rätseln. Und zeigt doch mit hässlich schillernden Monsterfischen, die auf die Bühne platschen, eine ernüchterndere Bestandsaufnahme als jene Raabes Ende des 19. Jahrhunderts.

Und so weist die Bühne bis in die Jetztzeit, löst Assoziationen an postindustrielle Erlebnislandschaften aus: In einer fabrikartigen Großraumdisco stehen die Darsteller im Wasser, das längst nicht mehr fließt. Inmitten von Zivilisationsmüll - ausgebranntes Autowrack und eine überdimensionale, in der Luft schwebende Lumpenkleiderkugel. Geschickt beleuchtet sehen die Figuren aus wie unter Wasser stehende Abziehbilder. Jeder für sich, coole Haltung, ewig jugendlich, auch wenn man längst einen Kinderwagen neben sich stehen hat. Dazu ein Song über die Retrolust am Schrebergartenidyll. Haltung bewahren und es sich noch recht schön machen in einer kaputten Welt - ist es das, was der Generation heute bleibt? Schon für dieses eindrücklich apokalyptische Bild hat sich die Dramatisierung gelohnt.

Weitere Termine: am 22. November, 7. und 14. Dezember sowie am 6. Januar. Karten: 07 11 / 20 20 90.

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