Eine WG als Podium der Selbstinszenierung: Anke Stedingk (links außen, weiter im Uhrzeigersinn), Nikolaij Janocha, Ralf Stech, Judith Florence Ehrhardt, Eva Geiler Foto: Tobias Metz

Schonungslos und kurzweilig: Mit gekonnter Personenführung und sinnstiftender Musik setzt die Regisseurin Schirin Khodadadian eigene Akzente in ihrer Inszenierung der Komödie „Willkommen“ am Alten Schauspielhaus.

Stuttgart -

Es geht um die Frage, ob syrische Flüchtlinge frei werdende WG-Zimmer bekommen sollen oder nicht – letztlich bespiegeln sich die fünf Bewohner beim verbalen Schlagabtausch aber nur selbst und klären dabei ihre Beziehungen. Eine Batterie an Flaschen und Gläsern, in die Luft geworfener Glitter, umherkullernde Tischtennisbälle, ein Gruppen-Selfie und gemeinsam geträllerte Songs wie „Ebony and Ivory“ machen klar: Hier haust auf großem Fuß eine Spaßgesellschaft im fortwährenden Partzustand, deren soziales Gewissen nicht mehr ist als ein Lippenbekenntnis.

Man blickt in die Abgründe der Figuren

Nicht nur wegen der mitteilsamen, ganz dem Leben abgeschauten Dialoge des zur Premiere am Freitag anwesenden Autorenpaars gelingt die Stuttgarter Version rundum, sondern auch wegen der klugen Personenführung der Regisseurin. Khodadadian blickt in die Abgründe der Figuren, legt ihre Sehnsüchte frei, dabei darf jede ihr Gesicht wahren. Die Verwaltungsangestellte Doro – Anke Stedingk mit erfrischender Selbstverständlichkeit und großer Präsenz – wettert gegen den arabischen Mann an sich, durch den sie „alle Errungenschaften des Grundgesetzes, des Feminismus, der Popkultur und des Biosiegels“ im Privaten bedroht sieht. Zugleich beteuert sie ganz aufgeklärt, damit fertigzuwerden, dass sich „da draußen“ vor der Haustür alles ändert. In ihrer Verteidigungsrede gleicht sie einer Löwin unter Lämmern – ist sie doch die Einzige, die sich aus der Deckung wagt, als Benny eröffnet, dass er für ein Jahr nach New York geht und sein Zimmer Flüchtlingen überlassen will. Nicht ganz uneigennützig, wie sich später herausstellt.

Helfen ist nicht selbstverständlich

Anna, die anfangs scheue, dann zunehmend energische Studentin, hat selbst Interesse an dem frei werdenden Zimmer. Judith Florence Ehrhardt gelingt es, die Verwirrung ihrer Figur greifbar zu machen, die mit einer ungeplanten Schwangerschaft einhergeht. Als Anna den türkischen Namen des Kindsvaters verrät, wird deutlich, dass seine Wurzeln für Jüngere nicht der Rede wert sind, für Ältere aber eine ­Sensation.

Beiläufig illustriert Khodadadian das zentrale Thema der Unfähigkeit zu helfen, wenn etwa Doro von der Seitenloge zurück auf die Bühne möchte und im Gestänge festhängt. „Na, helft doch mal“, sagt sie, ehe die Zaungäste ihrer misslichen Lage ihre Beobachterposition aufgeben und aktiv werden. Toll auch der Regieeinfall, Annas türkischen Freund Ahmet am Klavier einzuführen. Mit dunklem Dreitagebart und schwarzer Lederjacke stimmt Murat Dikenci Franz Schuberts „Fremd bin ich eingezogen“ aus der „Winterreise“ an, konterkariert alle Erwartungen und lässt selbst Doro in Verzückung geraten. Dikenci begann seine künstlerische Karriere in einem Knabenchor.

Körperliche Komik

Johannes Mittlers Musikauswahl dient nie allein der Untermalung, sondern verweist subtil auf die Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit – ob nun John Lennons „Imagine“ angestimmt wird, die Vision von einer friedlichen Welt, oder ob Bennys Umzug durch ein paar Takte „New York, New York“ vorweggenommen wird.

Die Komik, die schon in den Dialogen steckt, wird körperlich auf die Spitze getrieben. Immer wieder verwachsen sie zum Pulk, Eva Geiler als verkannte Künstlerin Sophie, Ralf Stech als selbstgerechter Jonas, Nikolaij Janocha als Weichei Benny, Doro und Anna – zum Beziehungsgeflecht, in dem für Fremde kein Platz ist. Und wenn der Fremde in Gestalt von Ahmet Anna küsst, rücken die anderen so nah an das Paar heran, als gelte es, deren Beziehung zu überwachen und zugleich Honig aus der jungen Liebe zu saugen.

Nach einem Skype-Telefonat zwischen Sophie und Richy Müller als deren Vater endet die Debatte um Bennys Zimmer in einem Kompromiss, bei dem niemand seine Komfortzone verlassen muss. Das süße WG-Leben kann weitergehen wie bisher.

Weitere Vorstellungen: 29. bis 31. Oktober, und dann regelmäßig bis 1. Dezember im Alten Schauspielhaus. Kartentelefon: 22 77 00.

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