Die Auszeichnung wird im Lern- und Gedenkort Hotel Silber verliehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Rahel-Straus-Preis geht am Samstag im Hotel Silber an jene, die sich für die Erinnerungskultur im Land aktiv einsetzen.

Stuttgart - Etwa 70 Erinnerungsstätten gibt es allein in Baden-Württemberg, die hier vor allem an die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur erinnern. Allerdings werden nur zwei davon hauptamtlich betreut: die KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg in Ulm und die einstige Tötungsanstalt Grafeneck im Landkreis Reutlingen. Alle anderen Orte im Land werden ehrenamtlich betreut.

Höchste Zeit, dieses Engagement zu würdigen, sagte sich da die Landesarbeitsgemeinschaft des bundesweiten Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie. Deshalb hat sie nun erstmals den Rahel-Straus-Preis ausgelobt als Anerkennung der Arbeit der Ehrenamtlichen. Die Preisverleihung ist am Samstag, 19. Oktober, um 16 Uhr in dem Lern- und Gedenkort Hotel Silber in der Stadtmitte.

Dokumentation des jüdischen Lebens

Zum Auftakt gibt es vier Preisträger, nominiert aus den Reihen von Gegen Vergessen. Da ist etwa die Arbeitsgemeinschaft Gedenktag in Ravensburg, die in ihrer Region Jugendliche für das Thema Euthanasie sensibilisiert. Dann ist es Eva Maria Kraiss, die seit Jahrzehnten in ihrer Heimatstadt Schwäbisch Hall und Umgebung jüdisches Leben in Wort und Fotografie dokumentiert. Wolfgang Proske wird ausgezeichnet für seine zehnbändige Publikationsreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“. Und Harald Stingele und seine Initiative Hotel Silber werden ausgezeichnet werden für ihren jahrelangen Einsatz für den Erhalt des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers Hotel Silber und dessen Entwicklung zu einem Lern- und Gedenkort. Der Preis soll künftig jährlich verliehen werden mit Unterstützung der Berthold-Leibinger-Stiftung, dann aber jeweils nur noch an einen Preisträger.

Der Preis fördert die Kontinuität

Birgit Kipfer, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft: „Wir haben vier Preisträger, weil wir einen starken Auftakt wollten. Aber der Preis setzt auf Kontinuität. Und da sollen möglichst viele mitwirken, etwa die Zentrale für politische Bildung und beispielsweise Preisträger nominieren.“ Die Leibinger-Stiftung habe ebenso ein Interesse an einer möglichst langfristigen Ausrichtung dieses Preises. Der Verein Gegen Vergessen und der Zweck des Preises verfolgen dieselben Interessen: die Erinnerung an beide Diktaturen im Deutschland des 20. Jahrhunderts wach halten zur Bewahrung der Demokratie in der Gegenwart und der Zukunft, damit also auch die Förderung der demokratischen Werte. Und damit verbunden ist das Engagement in der Auseinandersetzung mit Feindbildern, Rassismus, Fremden- und Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus sowie weitere Formen des politischen Extremismus.

Erste Abiturientin an einem deutschen Gymnasium

Mit der Namensgeberin Rahel Straus wird an eine mutige und zeitlebens engagierte Frau erinnert. 1880 in Karlsruhe geboren, machte sie dort ihr Abitur am ersten deutschen Mädchengymnasium und promovierte 1907 als Medizinerin. 1908 eröffnete sie in München eine gynäkologische Praxis, war damit die erste niedergelassene Ärztin, die an einer deutschen Uni ausgebildet wurde.

Sie machte sich schon damals stark für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218, auch nach ihrer Emigration nach Israel. Dort gründete sie 1952 die israelische Gruppe der Women’s International League for Peace and Freedom, wurde schließlich deren Ehrenpräsidentin bis zu ihrem Tod 1963 in Jerusalem.

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