Nana Hülsewig, Anna-Lena Michel und Miriam Ulrich haben als neue feministische Popband Amöben im Theater Rampe in Stuttgart ihren ersten großen Auftritt gefeiert – mitsamt rotem Teppich.
Amöben sind winzige, meist nackte Einzeller ohne feste Körperform. Am Samstagabend konnte man vor dem Theater Rampe allerdings beobachten, wie drei stolze Exemplare solcher Wechseltierchen sogar in der Lage waren, den Verkehr aufzuhalten. Kurz vor acht Uhr entrollen Mitarbeiter der Rampe mitten auf der Fahrbahn vor dem Theater einen roten Teppich, auf dem sich Nana Hülsewig, Anna-Lena Michel und Miriam Ulrich für ihren ersten großen Auftritt als feministische Popband Amöben präsentieren.
Nackt und trotzdem verhüllt erscheinen die drei Musikerinnen in aufwendig gestrickten Abendroben schließlich auf der Bühne, vor ihnen aufgestellte Diffuser verdampfen duftende ätherische Öle. Statt einer klassischen Bühnenhandlung haben die Frauen zwölf kurze Popsongs im Gepäck, mit Nana Hülsewig als Sängerin, Anna-Lena Michel an Gitarre und Flügel und Miriam Ulrich am Schlagzeug.
Von lautem Feminismus keine Spur
Die Songs nennt Hülsewig „Listen“, statt poetisch gefasster Lieder wirken Texte mit Titeln wie „Teapot“ oder „Knitting“ über das Stricken wie Ergebnisse aus nicht weiter verarbeiteten Brainstorm-Sitzungen: „alte überlieferte technik, rebellion gegen eine kultur, die nur anerkennt/ das glatte/ das massenproduzierte/ das cismännliche“ kann man in konsequenter Kleinschreibung auf einer Leinwand hinter der Band lesen. Hülsewig singt den Text in tiefer, spröder Stimmlage auf Englisch und erinnert ein wenig an Christa Päffgen, die unter dem Namen Nico in den späten 1960ern mit der Band The Velvet Underground die New Yorker Musikszene aufmischte.
on Aufruhr, Rebellion und lautem Feminismus ist bei den Amöben nichts zu spüren. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Bandpremiere am achtzigsten Geburtstag der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer stattfand. Man mag angesichts der Kostüme auch an Performerinnen wie die Isländerin Björk denken, die mit ausgefallenen Roben ihren Körper wie eine Skulptur verändert, erweitert, verfremdet und damit bewusst ausstellt.
Die Texte bleiben in der Komfortzone
Doch so schön die einzelnen Amöben-Songs auch sind; im Zusammenhang wirken sie gleichförmig. Über die knapp sechzig Minuten gibt es wenig Entwicklung hinsichtlich der Dynamik und Tempi, inhaltlich bleiben die Texte in der Komfortzone weiblicher Selbstbespiegelung. Während in den USA, in China und im Iran Frauen – und Männer – gerade hart um ihr Recht auf Selbstbestimmung kämpfen müssen, singen die Amöben in Stuttgart bei ihrer Performance vom „Yoga machen/ Spazieren gehen/ Musik machen/ Projekte entwickeln“ – also von ungetrübter, idyllischer Freiheit.
Amöben. Theater Rampe: Vorstellung am 7., 8. und 9. Dezember, 20 Uhr.