Theresa Schopper ist erst die fünfte deutsche Kultusministerin mit grünem Parteibuch. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Am Montag sind die Pfingstferien zu Ende. Für Kultusministerin Theresa Schopper beginnt dann die Realität in einem ganz harten Job. Wir wollten wissen, mit welchem Rüstzeug sie ihre neue Aufgabe anpackt.

Stuttgart - Wie kommt man einer Kultusministerin auf die Spur, die im Land kaum einer kennt, obwohl sie seit acht Jahren an der Seite von Ministerpräsident Winfried Kretschmann hinter den Kulissen an wichtiger Stelle mitmischt? Am besten kehrt man der Gegenwart den Rücken und taucht erst einmal ab in die Vergangenheit, um zu ergründen, wie die Ministerin ihre Aufgabe wohl anpackt. Bei ihrem Vorleben als Gesundheits- und Umweltpolitikerin in Bayern und als studierte Soziologin ist das neue Amt Theresa Schopper nicht in die Wiege gelegt.

 

Der Zeitsprung findet statt in Schoppers noch etwas kahlem, lichtdurchflutetem Büro im neunten Stock ihres Ministeriums in der Stuttgarter Innenstadt. Hinten im Regal liegt eine Schultüte mit Abc-Aufdruck, die ihre CDU-Vorgängerin Susanne Eisenmann dagelassen hat. Dieses Erbstück aus der vorigen Legislaturperiode, so viel ist für Schopper klar, soll seinen Platz im Regal behalten. Es gibt Sprudel, und die Ministerin ist in Plauderlaune. Reist man mit ihr fünfzig Jahre zurück, trifft man im Allgäu bei Füssen auf ein kleines Mädchen, das in der Küche seines Elternhauses steht und mit dem Fuß aufstampft. Nein, sie will eben nicht in die nahe gelegene Realschule, von der ihre Eltern meinen, dass sie das Richtige sei für ihr Kind. Sie will ins Gymnasium, und sie setzt das durch.

Nachmittags setzte es Strafarbeiten – für ihrer Puppen

„Ein richtiges Erweckungserlebnis hatte ich in der vierten Klasse, als unsere Lehrerin gefragt hat, wer ins Gymnasium will“, erzählt Theresa Schopper fünf Jahrzehnte später in Stuttgart. So, wie sie erzählt, spürt man, wie lebendig die Szene in ihrem Kopf noch ist. Nachgedacht hatte die Zehnjährige bis zu jener Schulstunde darüber noch nicht. Für sie als Arbeiterkind – der Vater war Spengler, die Mutter stammte vom Bauernhof und arbeitete in der Fabrik – war das bis dahin einfach kein Thema. Aber dann hat Theresa Schopper sich in ihrer Klasse umgeschaut, und „als ich gesehen hab, wer da alles gestreckt hat, habe ich meinen Finger auch hochgehoben“.

Tatsächlich hat der Bildungsaufstieg von Theresa Schopper, der sie bis an die Spitze des wichtigsten Fachministeriums der baden-württembergischen Landesregierung geführt hat, vier Jahre früher begonnen. Damals ging die heute Sechzigjährige als Erstklässlerin „morgens in die Schule, mittags habe ich zu Hause meinen Puppen Hausaufgaben und Strafarbeiten gegeben“. Schule fand sie von Anfang an toll; Lesen lernen wollte sie unbedingt, weil sie „Die Häschenschule“, das einzige Buch zu Hause, selber lesen wollte. „Bis Weihnachten konnte ich das dann auch.“ Dabei war Theresa Schopper keine Überfliegerin. „Zu Physik hatte ich keinen Zugang, Textaufgaben in Mathe waren mir ein Graus, und in der fünften Klasse war ich furchtbar schlecht in Deutsch, weil ich nur Allgäuerisch konnte“, erzählt sie jetzt. Was sie hatte, waren aber „immer wieder Lehrerinnen und Lehrer, die an mich geglaubt haben“.

Theresa Schopper ist jetzt für 1,5 Millionen Schüler verantwortlich

So ist es im Grunde genommen auch jetzt: Theresa Schopper hat von ihrem alten Mathelehrer Post bekommen. Der freue sich riesig, dass sie als Kultusministerin jetzt eine Art Oberlehrerin sei. Die Formulierung lässt sie als Jobbeschreibung natürlich nicht gelten. Den Berufswunsch Lehrerin hat sie sich als Abiturientin abgeschminkt. Die Jobaussichten waren damals gar zu mies, und sie wollte und musste sich mit ihrem Studium „ja auch meinen Lebensunterhalt verdienen“.

Seit drei Wochen ist Schopper jetzt für 4500 Schulen, 1,5 Millionen Schüler, knapp 450 000 Kitakinder, 130 000 Lehrer, 90 000 Erzieher und ziemlich viele Coronaprobleme zuständig. Von früher geblieben ist ihre Begeisterung für Schule, „weil man den Kindern dort in vielen Belangen die Welt öffnen kann“. Geblieben ist natürlich auch das Wissen, dass sie selbst zu den viel zitierten „katholischen Arbeitermädchen vom Land“ zählt, denen die Bildungsexpansion der 1960er Jahre den Weg zum Aufstieg erst ebnen musste. Hinzu kommt die Frustration, dass sich der damalige Aufbruch für Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht bis heute fortgesetzt hat. Daraus leitet Schopper ihr persönliches Ziel für die nächsten fünf Jahre ab: „Ich möchte die Schere zwischen Herkunft und Bildungserfolg, die in Baden-Württemberg weit auseinanderklafft, wieder näher zusammenbringen.“

Der Job war nicht härter als in der Pandemie

Damit ist die Grünen-Politikerin bei einem der dicksten Brocken auf ihrem Schreibtisch. Seit zwanzig Jahren doktern die Kultusminister der Republik ebenso wie die Vorgänger Schoppers im Südwesten mit eher bescheidenem Erfolg am Problem mangelnder Chancengerechtigkeit herum. Baden-Württemberg ist zudem bei Bildungsvergleichen von einem Spitzenplatz ins Mittelfeld abgerutscht, die Schulen haben bei der Digitalisierung einen großen Rückstand, und Kinder, Jugendliche, Eltern, Lehrer und Erzieher taumeln wegen Corona von einem Ausnahmezustand zum nächsten. Schoppers Vorgängerin Eisenmann hat es im Wahlkampf bitter erfahren: Kultusminister zu sein war nie härter als in der Pandemie.

Dabei hat Schopper, die verheiratet ist und zwei erwachsene Söhne hat, Glück, wo Eisenmann Pech hatte: Wegen sinkender Inzidenzen kann die Grüne die Schulen nach Pfingsten auf Öffnung und mehr Präsenzunterricht in der Breite einstellen, wo Eisenmann länger, als es die Pandemieentwicklung eigentlich zuließ, gegen die Schließung der Bildungseinrichtungen kämpfte. Theresa Schopper weiß, dass sie sich darauf nicht ausruhen kann. Große Sprünge lassen weder der Koalitionsvertrag mit seiner Absage an Schulreformen noch die Kassenlage zu. Schon ein gutes Coronapaket zu schnüren, damit Schüler die in der Fernunterrichtsphase entstandenen Lernlücken schließen können, wird nicht leicht.

Herauszufinden, weshalb manche Schulen beim Umgang mit Corona gut mit den Herausforderungen zurechtgekommen sind und andere nicht, schreibt sie sich selbst ins Aufgabenbuch. „Wir müssen wissen, woran das lag, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und die Schulen entsprechend unterstützen zu können.“ Immerhin kann sie für die Bewältigung der Coronafolgen auf frisches Geld aus dem Landeshaushalt hoffen. Darüber hinaus sieht es düster aus.

Was schätzt Ministerpräsident Kretschmann an ihr?

Obwohl sie keine ausgewiesene Bildungspolitikerin ist, startet Theresa Schopper keineswegs unbeleckt in ihr Amt. Immerhin hat sie als Koalitionskoordinatorin im Staatsministerium alle Baustellen, die jetzt zu ihren geworden sind, schon aus der Nähe kennengelernt. Vorher war sie an die zwanzig Jahre Landtagsabgeordnete und zehn Jahre lang Grünen-Chefin in Bayern. Überhaupt ist die Bayern-Kompetenz, die die Wahlmünchnerin während ihrer politischen Karriere, aber auch in der eigenen Schulzeit und der ihrer Söhne erworben hat, nicht das schlechteste Rüstzeug für das neue Amt. Das weiß-blaue Schulsystem ist Dauersieger bei Pisa-Studien; dort vielleicht ein wenig abzukupfern muss beim Lösen baden-württembergischer Schulaufgaben kein Nachteil sein.

Dass Schopper, die erst die fünfte deutsche Kultusministerin mit grünem Parteibuch ist, pragmatisch genug sein könnte, um sogar bei der CSU-Bildungspolitik Anleihen zu machen, zeigt ihre bayerische Vergangenheit: Wer als Grüne die Olympiabewerbung Münchens befürwortet hat, dem sind Denkverbote ziemlich fremd. Pragmatismus, so heißt es allenthalben, sei neben ihrer Kommunikationsfähigkeit die Stärke, deretwegen Winfried Kretschmann die Allgäuerin in sein Staatsministerium berufen und ihr die neue Aufgabe anvertraut hat.

Dass Schopper mit dem Wechsel an die Spitze des Schulressorts aus dem Hintergrund wieder ins Schaufenster der Politik rückt, stört sie nicht. „Es hat mir nicht gefehlt, aber ich kenne die Situation von früher und kann gut damit umgehen“, sagt sie gelassen. Dass ihr Amtsantritt wegen der Pfingstferien mit einer schulpolitischen Atempause begann, hat sich günstig gefügt. Am Montag sind ihre ersten Ferien als Kultusministerin zu Ende. Dann beginnt Theresa Schoppers neuer Alltag. Winfried Kretschmann hat auf den Punkt gebracht, wie der vor allem aussieht: Es ist die Realität in einem „ganz harten Job“.