Das Elterngeld sollte die gleichberechtigte Aufteilung von Sorgearbeit bei Paaren fördern. Hat es aber kaum. Foto: imago/photothek/iUte Grabowsky

Im Familienministerium gibt es Pläne, dass Paare mit 150 000 Euro zu versteuerndem Einkommen kein Elterngeld mehr bekommen. Diese Sehr-gut-Verdiener kommen auch ohne diese Leistung aus, findet unsere Kommentatorin. Ein fatales Signal wäre die Kürzung dennoch, meint Lisa Welzhofer.

Brauchen Paare, die ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 150 000 Euro (und mehr) haben, wirklich rund 25 000 Euro Elterngeld vom Staat? Wahrscheinlich würden viele auch ohne diese Finanzspritze gut zurechtkommen. Sie brauchen das Geld zumindest weit weniger dringend als Familien mit kleineren Gehältern. Wer als Paar nach Abzug der Freibeträge, Werbungskosten und sonstiger Aufwendungen 150 000 Euro versteuern muss, verdient brutto rund 180 000 Euro im Jahr – mehr als doppelt so viel wie die Bewohner durchschnittlicher Haushalte. Es kann deshalb auf den ersten Blick richtig sein, wenn die zum Sparen verdonnerte Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) nicht das Elterngeld für alle kürzen, sondern es für jene, die über dieser Grenze liegen, abschaffen will.

 

Doch das Thema ist komplexer. Die Einführung des Elterngelds vor 16 Jahren war Teil eines Umbruchs in der Familienpolitik: Die Leistung sollte materielle Sicherheit schaffen, Frauen den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern und Väter stärker in die Erziehungsarbeit einbinden. So sollte auch die niedrige Geburtenrate von 1,33 Kindern pro Frau – fast jede zweite Akademikerin blieb kinderlos – steigen. Das tat sie auf heute rund 1,6 Kinder, auch gut ausgebildete Frauen bekommen mehr Nachwuchs.

Doch das ist nicht allein ein Erfolg des Elterngelds: Wichtig war, dass der flächendeckende Ausbau der Kleinkindbetreuung begann und Teilzeitregelungen in der Arbeitswelt griffen. Das machte Lust auf Familie, gerade in Sehr-gut-Verdiener-Kreisen. Wer sich wegen des Elterngelds für ein Kind entscheidet, übersieht ohnehin, dass das finanzielle Desaster, vor allem für Frauen, erst so richtig nach der Elternzeit beginnt. Motherhood Penalty (Bestrafung für die Mutterschaft) nennt sich das: 40 Prozent weniger Lebenseinkommen erwirtschaften Mütter im Vergleich zu Frauen ohne Kinder, trotz des Elterngelds.

Die Geburtenrate bei Akademikerinnen stieg

Das finanzielle Desaster beginnt nach der Elternzeit

Das hat noch weitere Schwächen. Die angedachte Kürzung sei ein Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung, Frauen würden stärker in die finanzielle Abhängigkeit getrieben, argumentieren Kritiker. Ja, das Elterngeld sollte dazu beitragen, dass sich Männer und Frauen unbezahlte Sorgearbeit und Denkarbeit in der Familie paritätisch aufteilen. Erreicht wurde das aber nie – auch wenn mittlerweile mehr Männer zumindest zwei Monate Elternzeit nehmen. Nach wie vor bleibt der größte Teil der sogenannten Care-Arbeit an Frauen hängen. Um das zu ändern, bräuchte es andere Anreize. Etwa ein Elterngeld, dessen Höhe steigt, je paritätischer ein Paar sich die Bezugszeit aufteilt. Die Abschaffung des Ehegattensplittings könnte ebenso helfen wie eine dauerhaft reduzierte Arbeitszeit für Mütter und Väter kleinerer Kinder bei vollem Lohnausgleich.

Die ganze Familien-Infrastruktur krankt

Auch wenn die Paus’schen Pläne kaum die fatalen Folgen haben dürften, die nun von einer finanzstarken Elternschaft heraufbeschworen werden, sind sie ein schlechtes Signal. Denn sie fallen in eine schwierige Zeit für Familien: Viele Eltern finden keinen Betreuungsplatz, gebuchte Kitazeiten werden reduziert. Das treibt wieder einmal vor allem die Mütter dazu, weniger zu arbeiten und für ihre finanzielle Unabhängigkeit zu tun. Erschwerend kommt für sie hinzu, dass die gesamte Familien-Infrastruktur krankt: Hebammen, Kinderärzte, Therapeuten sind Mangelware, das Bildungssystem ist völlig überlastet. Der Eingriff ins Elterngeld wirkt da wie ein weiterer Beweis dafür, wie familienunfreundlich die Zeiten sind.

Das ist die Gemengelage, die dazu führen könnte, dass sich weniger Menschen für Nachwuchs entscheiden. Ganz unabhängig davon, wie viel sie auf dem Konto haben.