Eine Attraktion im Fildorado: Die Blackhole-Rutsche hat eine Länge von 115 Metern und bietet neben Lichteffekten eine durchsichtige „Cristal Tube“. Foto: Günter Bergmann

Wenn das Badezentrum Sindelfingen modernisiert wird, könnte es mit Hilfe eines Privatinvestors mächtig aufgerüstet werden. Die Konkurrenz ist besorgt. Armin Dellnitz, Marketingchef in Stuttgart und der Region, mahnt zur Vorsicht.

Stuttgart - Bäder sind in der Region keine Mangelware. Trotzdem haben die Betreiber den Kampf um Kunden bisher nicht übertrieben. Man habe sich arrangiert und den Kuchen aufgeteilt, sagt Volker Dettinger, Chef der Mineraltherme Böblingen.

Bald könnten in dieser Bäderlandschaft aber die Wogen hochgehen: Falls Sindelfingen bei der anstehenden Modernisierung des Badezentrums auf ein Großprojekt setzt, womöglich gar auf einen privaten Investor. Auf einen wie Multimillionär Josef Wund, der in diversen Städten Palmen in Badetempeln mit Cabriodächern wachsen ließ. Er wird immer wieder als möglicher Investor in Sindelfingen genannt.

Wenn Investor, dann würde man einen Wettbewerb ausschreiben, hält Sindelfingens OB Bernd Vöhringer (CDU) den Spekulationen entgegen. Aber wird es dazu kommen? Nicht, wenn es nach den Badegästen ginge. Von ihnen nahmen bei einer Befragung 2397 dazu Stellung, ob die Modernisierung nur das Nötigste und Kosten von 11 bis 15 Millionen Euro umfassen soll. Ob mit Kosten von 20 bis 28 Millionen Euro etwas im Stil des Bades F3 in Fellbach entstehen soll. Oder ob es ein Spaßbad mit einem Aufwand von 50 bis 60 Millionen Euro und Beteiligung eines Investors sein darf. Ergebnis: Nur 10 Prozent der Stammgäste und 19 Prozent aller Teilnehmer ­votierten für eine Investorenlösung. Vom Tisch ist sie aber nicht.

Vöhringer: „Befragung nimmt die Entscheidung nicht ab“

Die Befragung sei nicht repräsentativ gewesen, sagt OB Vöhringer, „sie nimmt uns die Entscheidung nicht ab“. Sie besage erst einmal, dass eine Verschönerung ­gewünscht werde. Eine mittlere Lösung kön­ne man vielleicht allein hinkriegen, eine richtig große Lösung wohl nur mit einem Investor. Die möglichen Modelle würden jetzt durchgerechnet. Um die Jahreswende herum soll die Grundsatzentscheidung fallen. Vöhringer liebäugelt derzeit mit einem Familienbad samt Rutschenlandschaft.

Würde gar das große Spaß- und Erlebnisbad kommen, wären viele Konkurrenten wohl gravierend betroffen. Einer davon: die Mineraltherme Böblingen, gerade mal 3,6 Kilometer vom Badezentrum entfernt. Ihr Geschäftsführer kalkuliert, dass man etwa 30 000 der jährlich 160 000 bis 180 000 Saunabesucher und damit eine halbe Million Euro pro Jahr verlieren könnte. Volker Dettinger ist heilfroh, dass man die Saunawelt gestärkt und ein „hochattraktives Bad“ mit gewachsenen Produkten und enger Kundenbindung realisiert habe. Im Moment werden 13,5 Millionen Euro fürs Erweitern und Modernisieren ausgegeben, viel davon im Saunabereich. Optisch, sagt Dettinger, würde man „uns als erstes Opfer“ betrachten. Andere wären aber mehr betroffen.

Im Fildorado in Bonlanden, das mit ­seinen Rutschen stärker den Charakter des Familien- und Spaßbades hat, schwant ­Geschäftsführer Felix Schneider auch, dass sein Bad im Sauna- wie im Erlebnisbereich betroffen wäre. Dadurch könnte sein Haus auch beim reinen Betrieb tief in rote Zahlen rauschen, heißt es in Filderstadt.

In der Landeshauptstadt mit ihren drei großen Mineralbädern herrscht nach außen hin völlige Ruhe. Vielleicht, weil im Rathaus die Kompetenzen für die Bäder gerade neu geordnet wurden. Eine Stadt mit der Bädertradition und dem Interesse an Tourismus könnte auf ein Großprojekt in Sindelfingen aber kaum mit einem „Weiter so“ reagieren, meint ein Mitbewerber.

Bund der Steuerzahler macht sich Sorgen

Damit könnte schon das allseits befürchtete Wettrüsten beginnen. Die Wund-Bäder würden laufend ausgebaut, beobachtete Felix Schneider. Zudem setze der Europa-Park Rust auch ein Wasserprojekt mit Kosten von 140 Millionen Euro um. „Für uns Badbetreiber ist das brisant, denn da fahren die Leute hin“, sagt Schneider.

Diese Sorgen kann man beim Bund der Steuerzahler im Land gut nachvollziehen. Anlässlich der Pläne in Sindelfingen mahnte die Organisation jetzt nachdrücklich alle Badbetreiber, über ihr betriebswirtschaftliches Interesse nicht das große Ganze zu vergessen. Bäder zögen Defizite nach sich, die von den Steuerzahlern getragen werden müssten. Viele Gemeinden versuchten daher die Attraktivität der Bäder mit Saunen und Rutschen zu steigern. Das Besucherpotenzial im Großraum Stuttgart sei aber begrenzt. Die Besucherströme würden ­verändert, und auch andere Betreiber würden in mehr ­Attraktivität investieren. So beginne ein Wettrüsten, das am Ende doch zu einem steigenden Gesamtdefizit führe. „Der Betrieb einer Wellnessoase oder eines Spaßbades gehört nicht zu den öffentlichen Aufgaben“, mahnte der Bund. Auch wenn man einen Privatinvestor in Erwägung ziehe, müssten die „Auswirkungen auf die Region in den Blick ­genommen werden“.

Region darf einen Ausbau nicht verbieten

Der Verband Region Stuttgart (VRS) ist in dem Kontext machtlos. Er könnte mangels Kompetenzen nur raumordnerisch eingreifen – wenn ein neuer Badetempel beispielsweise in einem regional bedeutsamen Grünzug entstehen sollte. Doch das ist in Sindelfingen nicht der Fall. Aus wirtschaftlichen Gründen dürfe man die Realisierung nicht verbieten, sagt VRS-Direktor Jürgen Wurmthaler. Außerdem: Touristen könnten ein Großbad ja interessant finden, ob es nun in Sindelfingen oder anderswo in der Region läge. Die Frage ist, wie sich die Ströme der Touristen und Tagesbesucher verändern würden. Die regionale Sinnhaftigkeit eines Großprojekts entscheidet sich nach dem Urteil von Armin Dellnitz, Chef der Marketinggesellschaften von Stuttgart und der Region, vor allem an einer Frage: Ob es in Distanzen von 200 oder 300 Kilometern schon etwas Vergleichbares gibt oder dort Kundschaft zu holen wäre. Ganz sicher ginge ein Großprojekt über die Versorgung der eigenen Bevölkerung hinaus und würde einen Umkreis von mindestens 50 Kilometern erfassen. Dellnitz: „Da muss man dann aufpassen, dass wir uns in der Region nicht kannibalisieren.“ Man könne lokale Angebote ergänzen, aber solle keine Parallelstrukturen aufbauen. Der VRS habe sich die einheitliche ­touristische Vermarktung der Region auf seine Fahnen ­geschrieben. „Dann brauchen wir auch ­regionale Planung“, mahnt Dellnitz. Man solle also auf regionaler Ebene über die ­Pläne in Sindelfingen reden.

Der dortige OB reagiert auf so etwas kühl. Andere hätten bei ihren Vorhaben auch kein Gespräch gesucht, sagt Vöhringer, „und wir haben nicht aufgeschrien“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: